Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Humboldt-Universität zu Berlin

Geschichte der Humboldt-Universität zu Berlin

Von Humboldts Idee bis zur Universität heute

 

Wilhelm von Humboldt Ich glaube, mit Recht behaupten zu können, dass das Unterrichtswesen im hiesigen Staat durch mich in einen neuen Schwung gekommen ist und dass, obgleich ich nur ein Jahr mein Amt verwaltet habe, doch viele Spuren meiner Verwaltung zurückbleiben werden. Etwas, was mir noch eigentümlicher als alles andere persönlich angehört, ist die Errichtung einer neuen Universität hier in Berlin.

 

Wilhelm von Humboldt
Gründer der Alma mater berolinensis 1810

 

Humboldts Idee: Die Einheit von Lehre und Forschung

Noch heute gilt die 1810 gegründete Berliner Universität als "Mutter aller modernen Universitäten". Dieses ist das Verdienst der Universitätskonzeption des Gelehrten und Staatsmannes Wilhelm von Humboldt.

Humboldt stellte sich eine "Universitas litterarum" vor, in der die Einheit von Lehre und Forschung verwirklicht und eine allseitige humanistische Bildung der Studierenden ermöglicht wird. Dieser Gedanke erwies sich als erfolgreich, verbreitete sich weltweit und ließ in den folgenden anderthalb Jahrhunderten viele Universitäten gleichen Typs entstehen.

Beeinflusst wurde das Konzept unter anderem von den Reformideen des Philosophen Johann Gottlieb Fichte sowie des Theologen und Philosophen Friedrich Schleiermacher. Fichte war auch erster gewählter Rektor der Berliner Universität.

 

Große Namen, große Forscher

Mit 256 Studenten und 52 Lehrenden begann 1810 das erste Semester. Schon zu Beginn gliederte sich die Berliner Universität in die vier klassischen Fakultäten Jura, Medizin, Philosophie und Theologie. Professoren wie Georg Friedrich Wilhelm Hegel (Philosophie), Friedrich Karl von Savigny (Jura), August Boeckh (Klassische Philologie), Christoph Wilhelm Hufeland (Medizin) und Albrecht Daniel Thaer (Landwirtschaft) bestimmten das Profil der Fakultäten im Humboldtschen Sinne.

Die Universität wurde schnell Wegbereiter vieler neuer Disziplinen - nicht zuletzt aufgrund der Förderung durch den Naturwissenschaftler Alexander von Humboldts, dem zweiten Namenspatron der Universität. Aber auch der Chemiker August Wilhelm von Hofmann, der Physiker Hermann von Helmholtz, das
"Dreigestirn der Mathematik" mit Ernst Kummer, Leopold Kronecker, Karl Theodor Weierstraß sowie die Mediziner Johannes Müller und Rudolf Virchow wurden mit ihren Fachgebieten weit über die Berliner Universität hinaus bekannt.

In die Reihe der späteren 29 Nobelpreisträger, die ihre wissenschaftliche Arbeit auch an der Berliner Universität leisteten, gehören Albert Einstein, Emil Fischer, Max Planck und Fritz Haber.

Auch Heinrich Heine, Adelbert von Chamisso, Ludwig Feuerbach, Otto von Bismarck, Karl Liebknecht, Franz Mehring, Alice Salomon, Karl Marx und Kurt Tucholsky waren einst als Studierende an der Berliner Alma mater eingeschrieben. Heinrich Mann wurde erster Ehrendoktor nach dem Ende des zweiten Weltkrieges.

Das Hauptgebäude

Das Hauptgebäude der Humboldt-Universität (1810)
 

Heimstatt Unter den Linden

Als die Königliche Bibliothek nicht mehr den Anforderungen des Lehrbetriebes entsprach, wurde im Jahre 1831 eine Universitätsbibliothek eingerichtet, die bis 1898 von der Königlichen Bibliothek verwaltet wurde. Ab 1910 zog die Bibliothek in die Räume der Staatsbibliothek. In der Weimarer Zeit verfügte sie bereits über 831.934 Bände (1930) und gehörte damit in die Spitzengruppe der Preußischen Universitätsbibliotheken. Allein der Lesesaal stellte 36.000 Bände frei zugänglich auf, und die Entleihungen außer Haus mit über 200.000 Bänden erreichten ein beträchtliches Niveau.

Die Erweiterungen der Universität betrafen allerdings nicht nur die Bibliothek. Seit 1828 hieß die erste Berliner Alma mater "Friedrich-Wilhelms-Universität". Andere in der Stadt bereits vorhandene Einrichtungen konnten schrittweise eingegliedert werden - unter anderem die heute weltbekannte Charité.

 

Kontinuierlicher Ausbau der Universität

Infolge einer drohenden Pestepidemie ließ Friedrich I. vor den Toren der Stadt ein Quarantäne-Haus errichten. Genutzt wurde jenes "Pesthaus" für die Unterbringung armer Kranker und Gebrechlicher. Als Garnisons- und Bürgerlazarett wurde das Gebäude schon 1726 zur militärmedizinischen Ausbildungsstätte und zu einer Übungsschule für angehende Ärzte und Wundärzte. Der "Soldatenkönig" Friedrich Wilhelm verfügte im Jahre 1727: "Es soll das Haus die Charité [frz. Barmherzigkeit, Mildtätigkeit – d. Red.] heißen". 1829 bezog die Medizinische Fakultät diesen Standort.

Mit dem Bau von Instituten für die Naturwissenschaften in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden modernste Forschungs- und Lehreinrichtungen. Als Veterinärmedizinische Fakultät wurde die bereits 1790 entstandene Tierarzneischule und als Landwirtschaftliche Fakultät die 1881 gegründete Landwirtschaftliche Hochschule der Universität angegliedert. Für die seit 1810 zur Universität gehörenden naturhistorischen Sammlungen wurde 1889 ein Gebäude in der Invalidenstraße 43 eröffnet, das heutige Museum für Naturkunde. Und aufgrund der engen Verflechtung von klinischen und vorklinischen Einrichtungen für die Medizinische Fakultät entstand um die Jahrhundertwende 1900 eine großzügige räumliche Verbindung von Wissenschaftsdisziplinen.

Seit 1908 ist es auch für Frauen möglich, ein Studium aufzunehmen. Schon bald konnten sie als Assistentinnen und außerordentliche Professorinnen in Forschung und Lehre tätig sein, wie z.B. die Physikerin Lise Meitner. Ordentliche Berufungen von Frauen erfolgten jedoch erst nach 1945.

 

29 Nobelpreise - die Universität brilliert

Große akademische Leistungen und internationale Attraktivität bestimmten die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Den ersten Nobelpreis für Chemie erhielt der Niederländer Jacobus Henricus van't Hoff im Jahre 1901 für seine Forschungen über die Gesetze der chemischen Dynamik. Der Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen veröffentlichte bahnbrechende Arbeiten zur römischen Geschichte und erhielt im Jahre 1902 dafür den Nobelpreis für Literatur.

27 weitere Nobelpreise zeugen von der überragenden wissenschaftlichen Leistung von Gelehrten, die in ihrem wissenschaftlichen Leben an der Berliner Universität tätig waren. In der Chemie sei Walter Nernst, in der Physik Physiker Max von Laue, Gustav Hertz sowie James Franck genannt. Der Mediziner Emil von Behring erhielt für die Entwicklung eines wirksamen Diphterie-Heilmittels den ersten Nobelpreis für Medizin, einige Jahre später folgte Robert Koch, der Entdecker der Erreger der Tuberkulose und der Erreger der Cholera. Als im Jahre 1954 dem Mitbegründer der Quantenmechanik, Max Born, für die "Begründung einer neuen Art, über die Naturerscheinungen zu denken" (Born) der bisher letzte Nobelpreis an einen (ehemaligen) Universitätsangehörigen verliehen wurde, hatte die Universität trotz ihrer beachtlichen Erfolge auch ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte durchlebt.

 

Die Universität unterm Hakenkreuz

Bereits zu Beginn des Nationalsozialismus zeugte die Beteiligung von Studierenden und Lehrenden an der beschämenden Bücherverbrennung der 10. Mai 1933 von dem Unheil der folgenden Jahre. Viele jüdische Gelehrte und Studierende sowie politische Gegner wurden vertrieben oder vernichtet, worunter auch dem akademischen Leben der Universität in der Zeit von 1933 bis 1945 schwerer Schaden zugefügt wurde. Viele Gelehrte verließen nun freiwillig oder gezwungen diejenige Lehranstalt, die nicht lange zuvor als Heimstätte humanitären Denkens Weltruf erlangt hatte. Widerstand aus der Universität heraus blieb selten.

Gut 60 Jahre später zeugte die Ringvorlesung "Die Berliner Universität unterm Hakenkreuz" detailliert von diesem dunklen Kapitel Berliner Universitätsgeschichte. 2010 wurden zwanzig Stolpersteine im Gedenken an ehemalige "nicht-arische" Studierende der Friedrich-Wilhelms-Universität durch den Künstler Gunter Demnig vor dem Hauptgebäude der Humboldt-Universität zu Berlin verlegt.

 

Umbrüche nach dem Zweiten Weltkrieg

Geschwächt durch den hohen Verlust wissenschaftlichen Potentials, erfolgte die Wiederaufnahme des Lehrbetriebes im Januar 1946 in teilweise kriegszerstörten Gebäuden. Die politischen Auseinandersetzungen der Nachkriegszeit gegen die zunehmende kommunistische Einflussnahme auf die Universität führten zu einer Spaltung im Lehrkörper und in der Studentenschaft. Folglich wurde im Dezember 1948 die Freie Universität Berlin im damaligen amerikanischen Sektor der Stadt gegründet.

 

Die Universität in der DDR

Seit 1949 trägt die Universität den Namen Humboldt-Universität zu Berlin. (Weitere Informationen dazu im Interview mit Prof. Dr. Reimer Hansen.) Die Hochschule unterlag jedoch einer Entwicklung, die entgegen ihrer humanistischen Tradition Studieninhalte, Studienablauf und Forschungsbedingungen im Sinne der kommunistischen Ideologie der DDR völlig veränderte. Dennoch konnte auf einigen Gebieten der internationale Anschluss wieder hergestellt und durch weltweite Kooperationen gefestigt werden. Hervorzuheben sind die teilweise langjährigen und intensiven, heute noch deutschlandweit einmaligen Forschungs- und Austauschbeziehungen zu Hochschulen in Osteuropa. In Westeuropa gab es seit den 70er Jahren eine vertraglich vereinbarte wissenschaftliche Zusammenarbeit mit nahezu allen hauptstädtischen Universitäten. Ebenso bestanden intensive Kooperationsbeziehungen mit Universitäten in Japan und den USA, aber auch mit Entwicklungsländern in Asien, Afrika und Lateinamerika.

Als größte Hochschule der DDR wurden an der Humboldt-Universität von 1946 bis 1990 fast 150.000 Studierende ausgebildet. Viele der hoch begabten und renommierten Forscherinnen und Forscher konnten auch nach der Wiedervereinigung ihren Platz in der akademischen Welt behaupten.

Das Universitätsklinikum
Das Universitätsklinikum Charité (Campus Charité Mitte)

Neubeginn nach der Wende: Evaluierung und Umstrukturierung

Durch die deutsche Vereinigung wurde Berlin eine Stadt mit zunächst drei, später sogar vier Universitäten. Trotz aller Schwierigkeiten, die der Vereinigungsprozess mit sich brachte, hat die Humboldt-Universität in einem außergewöhnlichen Umstrukturierungsprozess hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ost und West, dem In- und Ausland gewinnen können. Mit Hilfe zahlreicher Gutachten und Empfehlungen von Expertengruppen sowie partiell extern besetzten Struktur- und Berufungskommissionen gab sich die Humboldt-Universität ein neues wissenschaftliches Gefüge: Forschungs- und Lehrinhalte wurden evaluiert, verändert und neu definiert. Gleichzeitig wurde Anfang der 90er Jahre das gesamte Personal einer persönlichen und fachlichen Überprüfung unterzogen. Diese strukturellen Aspekte wie auch finanzielle Restriktionen hatten einen gravierenden Personalabbau zur Folge.

Die Charité wurde durch die Fusion mit dem Virchow- sowie dem Benjamin-Franklin-Klinikum der Freien Universität zur größten medizinische Fakultät Europas und wird mittlerweile von beiden Universitäten gemeinsam getragen.

 

Der Campus Adlershof

Die beengten räumlichen Bedingungen der in Berlin-Mitte angesiedelten mathematisch-naturwissenschaftlichen Institute führten an der Humboldt-Universität bereits 1991 zu der Überlegung, sie am ehemaligen Wissenschaftsstandort der DDR in Berlin-Adlershof

zusammenzufassen. Die Institute sollten neben außeruniversitären Forschungseinrichtungen und technologieorientierten Unternehmen tragende Säulen des geplanten Wissenschafts- und Technologieparks innerhalb der "Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien" werden - dem zweitgrößten städtebaulichen Entwicklungsprojekt Berlins.

Im August 1998 zogen die Informatiker als "Pioniere" der Humboldt-Universität nach Adlershof. Ihnen folgten die Mathematiker, die Chemiker und die Physiker. Zuletzt bezogen die Geografen und Psychologen im Herbst 2003 ihre Gebäude. Die Nachbarschaft zu den anderen Instituten, die Nähe zu elf außeruniversitären Forschungseinrichtungen sowie zu mehr als 400 technologieorientierten Unternehmen eröffnen Hochschulangehörigen völlig neue Perspektiven. Aus der Nähe von Theorie und Praxis entwickeln sich Synergien und Impulse für Wissenschaft und Wirtschaft. Die Adlershofer Netzwerke verbinden Forschung und Anwendung und sorgen so dafür, dass aus Wissen Innovation wird. Von den schon heute engen Kooperationen zwischen Universität und außeruniversitärer Forschung zeugen beispielsweise gemeinsame Berufungen sowie mehrere Sonderforschungsbereiche.

Alexander von Humboldt

Berlin sollte mit der Zeit die erste Sternwarte, die erste chemische Anstalt, den ersten botanischen Garten, die erste Schule für transzendente Mathematik besitzen. Das ist das Ziel meiner Bemühungen um das einigende Band meiner Anstrengungen.

Alexander von Humboldt

1827

 

Die Humboldt-Universität heute

Infolge der Erfahrungen mit ihrer Selbsterneuerung nach 1989 versteht sich die Humboldt-Universität heute als Reformuniversität im Zeichen der Exzellenz. Dieses umfasst das Selbstbild einer Institution, die sich für kritische Distanz gegenüber politischer und gesellschaftlicher Macht entschieden hat. Sie wendet sich gegen jede Form von Diskriminierung, Intoleranz und kultureller Selbstüberhöhung. Dieser Anspruch ist auch im 2002 verabschiedeten Leitbild der Universität verankert.

Die Humboldt-Universität gliedert sich heute in elf Fakultäten, starke interdisziplinäre Zentren, Zentralinstitute und Graduate Schools. Mit über 300 Liegenschaften in Berlin und Brandenburg zählt sie zu den bedeutenden Standortfaktoren in der Region. Derzeit sind etwa 36.000 Studierende im Hochschulbereich und in der Charité-Universitätsmedizin Berlin eingeschrieben. Sie studieren auf den verschiedenen Campi in Mitte, Adlershof und im Norden von Berlin. Ausländische Studierende aus mehr als 100 Ländern der Welt lernen und forschen derzeit an der Humboldt-Universität. Ihr Anteil an der Studentenschaft beträgt rund 13 Prozent. Gegenwärtig pflegt die Universität im Rahmen der Forschungskooperation Partnerschaften zu über 170 wissenschaftlichen Einrichtungen auf allen Kontinenten.

Als Reformuniversität im Zeichen der Exzellenz verfügt die Universität über ein modernes Management mit einem hauptamtlichen Präsidium. Die besondere Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, ein professionelles System der Qualitätssicherung in Forschung und Lehre sowie zukunftsorientierte Studienreformen machen die Humboldt-Universität als Hauptstadt-Universität zu einer der führenden deutschen Hochschulen. Zahlreiche Hochschulrankings zeigen jedes Jahr die breite nationale und internationale Anerkennung der Universität.

Bedingt durch die angespannte finanzielle Situation des Landes Berlin und die damit auferlegten hohen Kürzungsauflagen, geht die Humboldt-Universität weiterhin fordernden Zeiten entgegen. Ein mit dem Land Berlin geschlossener Vertrag bietet der Universität finanzielle Planungssicherheit bis zum Jahr 2009 und, hochschulpolitisch gesehen, größere Eigenverantwortung. Die Humboldt-Universität macht von der Möglichkeit Gebrauch, befristet vom Berliner Hochschulgesetz abzuweichen und neue Entscheidungsstrukturen, Organisationsformen und Studienabläufe zu erproben.

Die Universität ist kein Haus der abgeschotteten Forschung und Lehre, sondern wirkt auch nach außen in die Stadt Berlin und ihre Besucher. Vor allem ihre zahlreichen historisch gewachsenen Einrichtungen zeugen den Besuchern sowohl von ihrer traditionsreichen Geschichte wie der viel versprechenden Gegenwart und Zukunft.

Trotz ihrer durch die Jahrzehnte hinweg bewegenden und turbulenten Geschichte ist die Humboldt-Universität ihren Grundsätzen von der Einheit von Forschung und Lehre treu geblieben.