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„Vorsicht Stufe!“ – Vorsicht Marx?

Eine Arbeit von Ceal Floyer im Foyer des Hauptgebäudes kommentiert die Feuerbach-These

Nach 56 Jahren und pünktlich zum zweihundertsten Geburtstag ihrer Universität präsentiert sich die Treppe im Foyer der Humboldt-Universität in neuem Gewand. An sämtlichen Stufen wurden kleine Messingschilder angebracht: „Vorsicht Stufe!“ wird der Besucher bei jedem Schritt gewarnt. Der Messingglanz der Schilder ist ein Verweis auf die Inschrift, die in großen Lettern über der Treppe zu lesen ist. Dort prangt die elfte Feuerbach-These von Karl Marx: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Mit ihrer Installation kommentiert die Berliner Künstlerin Ceal Floyer jetzt das umstrittene Zitat.

Die Marxsche These wurde 1953 auf Anordnung der SED angebracht, nachdem das Foyer des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Universitätsgebäudes wieder aufgebaut worden war. Als die Mauer gefallen und die Universität wieder eine gesamtdeutsche Hochschule geworden war, wurde die Frage, wie mit der Inschrift zu verfahren sei, immer wieder kontrovers diskutiert. Das „Herrschaftssymbol“ müsse dringend abgenommen werden, meinten die einen. Andere empfanden die Inschrift nur mehr als anachronistisches Überbleibsel, seltsam deplatziert nach dem „Ende der großen Erzählungen“ (Lyotard), das man durchaus stehen lassen könne. Nicht zuletzt wurde die Inschrift auch als immer wieder willkommener Anlass zur notwendigen Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte betrachtet.

Wie also umgehen mit dem heißen Eisen? Vor den Fragen der Geschichte läuft man nicht weg, schon gar nicht an einer Universität. Die Humboldt-Universität hat sich entschlossen, die Kunst zu befragen – und einen Wettbewerb ausgeschrieben. Das Zitat sollte künstlerisch kontextualisiert werden und dem Foyer eine moderne Gestalt geben. Ceal Floyer hat eine Antwort gefunden: unverkrampft, unverkopft, intelligent.

Die 1969 geborene Künstlerin studierte am renommierten Goldsmiths-College in London und lebt heute in Berlin. Ausgezeichnet mit dem bedeutenden Preis der Nationalgalerie für junge Kunst, ist sie zu einer wichtigen Exponentin der Berliner Kunstszene avanciert, die bereits in Basel, Barcelona, New York und Vancouver ausstellte. Noch bis zum 8. November ist sie in den Kunst-Werken mit einer Einzelausstellung – schlicht „show“ betitelt – zu sehen. Floyers Arbeiten sind häufig minimalistisch reduziert, immer geistvoll und oft von präzisem Humor.

Ihre Installation „Vorsicht Stufe!“ im Foyer der Humboldt-Universität versucht erst gar nicht, sich in einer Debatte zu positionieren, in der man mit jeder Antwort in ein Minenfeld tritt. Trotzdem wirkt das Werk nicht wie eine Flucht vor einer Stellungnahme, sondern drückt Esprit und Selbstbewusstsein aus. Es lässt eine ganze Fülle an Deutungen zu. Das ist wichtig an einem Transitort, den Hunderte sehr verschiedene Menschen täglich mehrfach betreten. Noch wichtiger aber ist, dass Floyers Arbeit nicht dominant einfordert, interpretiert zu werden. Durch ihre leise Bildsprache ist die Installation zugleich ein Gegenentwurf zu der intendierten Autorität des Marxzitats. Floyers Arbeit ist damit auch ein Protest gegen propagandistische Vereinfachung.

Die Installation überzeugt nicht nur auf theoretischer Ebene, sondern ist auch physisch unmittelbar präsent. Obwohl klar als künstlerische Intervention erkennbar, fügt sie sich optimal in den architektonischen Kontext ein. Denn den Kontext, erklärte Floyer einst einem Kunstmagazin, betrachtet sie als eigenständiges Medium in seinem eigenen Recht.

Lena Rohrbach und Thomas Schmidt