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Paläontologen erforschen, warum die Dinosaurier so groß wurden

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

600 Kilo Futter am Tag

Paläontologen erforschen, warum die Dinosaurier so groß wurden

Von Oliver Rauhut

 

Brachiosaurus brancaiNach allen bisherigen Erkenntnissen der Wissenschaft hätte es Riesendinosaurier gar nicht geben dürfen. Sie waren so groß, dass ihnen ein Fußballfeld als Auslauf viel zu klein gewesen wäre: 40 Meter lang und über 100 Tonnen schwer waren die Sauropoden, die als die größten Dinosaurier gelten. „Das ist an der Grenze dessen, was Biologen als theoretische biomechanischeGrenze für Wirbeltiere errechnet haben“, sagt David Unwin, Kustode für Reptilien- und Vogelfossilien im Naturkundemuseum. Wie die Riesensaurier so groß werden und Millionen Jahre überleben konnten, ist noch immer ein großes Rätsel.

Unbekannte Anatomie der Riesen

Dieses Rätsel wollen jetzt Paläontologen des Naturkundemuseums lösen. Sie untersuchen mit Forschern aus der Schweiz und Österreich, wie der Körperbau der Sauropoden entstand und wie die Größe der Saurier sich auf ihre Lebensfunktionen auswirkte. „Über die Anatomie der Riesen ist zwar einiges bekannt. Andere essenzielle Fragen ihres Gigantismus sind dagegen überhaupt nicht geklärt“, sagt Saurier-Spezialist Unwin.

Wie diese Titanen der Wirbeltiere überhaupt einen Tag lebend überstehen konnten, ist eines der Probleme, das die Wissenschaftler erforschen. Ihren riesigen Energiebedarf deckten die Saurier allein mit Pflanzen ab: Sie waren Vegetarier. 300 bis 600 Kilogramm fraßen sie pro Tag, aber selbst bei dieser Menge bleibt ungeklärt, wie sie daraus ausreichend Energie gewinnen konnten.

Die Blutversorgung der Sauropoden können Wissenschaftler bisher auch nur unzureichend erklären. Um ihren riesigen Körper mit Blut zu versorgen, musste in den Hauptadern ein sehr hoher Blutdruck herrschen. Die dünnen Kapillaren, die die Sauerstoffversorgung vor Ort, wie beispielsweise im Gehirn, vornehmen, vertragen nach bisherigen Erkenntnissen diesen hohen Druck nicht, ohne zu platzen: Eigentlich hätten die Saurier also ständig vom Hirnschlag bedroht sein müssen. Warum der Blutdruck im Kopf der Saurier kleiner war, müssen die Wissenschaftler noch herausfinden.

„Die Körpergröße ist einer der fundamentalen Aspekte, die die Lebensfunktionen eines Tieres bestimmen“, erklärt Unwin. Die Biomechanik der Knochen und Muskeln hängt von der Größe ab, ebenso Herzfrequenz und Stoffwechsel. Aber auch die Fortpflanzungsrate und das Verhalten sind stark von der Körpergröße beeinflusst.

Um möglichst viele Aspekte der evolutiven Veränderungen zu verstehen, die zu den gigantischen Ausmaßen der Sauropoden führten, arbeiten die HU-Paläontolgen in einem interdisziplinären Team. Physiologen, Ernährungswissenschaftler, Biomechaniker und Materialwissenschaftler beteiligen sich an dem Projekt, das die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert.

Rettung für die Elefanten?

Die Wissenschaftler hoffen, die Ergebnisse aus der Riesendinosaurier-Forschung später auf heute lebende Wirbeltiere zu übertragen. „Erforscht man die Biomechanik und Physiologie der Sauropoden, lernt man, was Wirbeltiere überhaupt leisten können“, sagt David Unwin. Mit Blick auf die Gegenwart: Der Effekt der Körpergröße auf die Lebensfunktionen von heutigen Tieren oder die Größe ihres Territoriums ist oft noch unbekannt. Somit kann die Beschäftigung mit den Sauropoden dazu beitragen, heute gefährdete Großtiere wie Elefanten und Nashörner vor dem Aussterben zu retten, sagt Unwin: „Wenn wir diese Tiere besser verstehen, haben wir die Möglichkeit, auf ihre Bedürfnisse einzugehen und sie dann besser zu schützen.“

Abbildung: Das Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zu Berlin beherbergt das größte aufgestellte Saurierskelett. Foto: Waltraud Harre

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

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