Die Grenze und ihre Überschreitung
Der durchschnittliche Frauenanteil bei Professuren liegt in Deutschland bei 15 Prozent. Die Geisteswissenschaften liegen etwas über dem Durchschnitt. Etwa 2000 Frauen bekleiden derzeit eine geisteswissenschaftliche Professur. Wie sehen die Karrierewege und -chancen von Frauen in den Geisteswissenschaften heute aus? In einer Broschüre porträtieren Doktorandinnen und Doktoranden der Humboldt-Universität zehn Geisteswissenschaftlerinnen. Sie zeichnen ein lebendiges Bild davon, dass eine akademische Laufbahn in den Geisteswissenschaften trotz Stolpersteinen und Durststrecken für Frauen machbar und lohnend ist. „Wir hoffen, dass diese Broschüre junge Studierende und den wissenschaftlichen Nachwuchs ermutigt, es den Porträtierten nachzutun“, erklären die Herausgeberinnen Susanne Baer und Sabine Grenz. Ein Auszug:
Wo liegen die Grenzen des Körpers, unserer Sprache, eines Textes? Wo verlaufen die Grenzen von Disziplinen und Wissenschaften? Und wie überschreitet man als Wissenschaftlerin beharrlich Grenzen zwischen Institutionen, Kulturen und Ländern? Die Arbeiten von Claudia Benthien kreisen um das Motiv der Grenze. Die Themen verdeutlichen, wie sehr der Blick der Germanistik – denn dieses Fach vertritt Benthien – von jener kulturwissenschaftlichen Erweiterung der Ansätze und Methoden profitiert, der sie schon lange folgt: Die Öffnung des eigenen Faches hin zu anderen Disziplinen, Wissensformen und Theorien sowie zu internationalen Forschungsdebatten liegt ihr am Herzen, gerade weil ihr die stets neue Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Literatur des 17. bis 21. Jahrhunderts ein zentrales Anliegen ist. Dabei hilft der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern, den Benthien durch Forschungs- und Lehraufenthalte in Großbritannien, Österreich, den USA, Frankreich oder Polen immer wieder sucht.
Wie bei vielen anderen ist auch der wissenschaftliche Werdegang von Claudia Benthien nicht ohne Wendungen. Zunächst studierte sie Psychologie, entschied sich dann aber für das Theater. Um neben der künstlerischen Tätigkeit ein festeres Standbein zu erhalten, kehrte sie an die Universität zurück. Dort wollte sie eigentlich Theaterwissenschaften studieren, doch weil die Universität Hamburg den Studiengang nicht anbot, entschloss sich Benthien für die Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt „Theater und Medien“. Ein schnelles Studium schloss sie 1994 in den USA mit dem Master ab – eine Erfahrung, die sie als entscheidend für ihre wissenschaftliche Laufbahn einschätzt. Noch heute ist die Wissenschaftlerin begeistert von der Professionalität und dem Interesse am wissenschaftlichen Nachwuchs, die ihr dort begegneten. Deshalb empfiehlt sie allen, die heutigen Chancen zu nutzen und während des Studiums einen Auslandsaufenthalt einzuplanen.
Nach ihrer Rückkehr begann Benthien ihr Promotionsstudium an der Humboldt-Universität. Der kulturwissenschaftliche Schwerpunkt war nicht zuletzt dem Betreuer Hartmut Böhme zu verdanken, in dessen DFG-Forschungsprojekt „Perspektiven der Kulturwissenschaft in Deutschland“ sie als wissenschaftliche Hilfskraft tätig war. Dass sie für ihre Dissertation den Tiburtius-Preis erhielt, unterstrich die zunehmende Bedeutung kulturwissenschaftlicher Ansätze. Auf die Promotion folgte eine Stelle als Postdoktorandin am DFG-Graduiertenkolleg Körper-Inszenierungen am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin, darauf die wissenschaftliche Assistenz am Lehrstuhl von Inge Stephan am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität. Benthien betont noch heute, wie sehr die Unterstützung und positive Resonanz ihrer Betreuerinnen und Betreuer sie auf ihrem Weg bestärkt habe.
Daher rät sie Studierenden, stets den Dialog mit ihren Dozenten und Dozentinnen zu suchen und sich mit deren Forschung auseinanderzusetzen. Wer in die Wissenschaft möchte, solle den eigenen Interessen folgen und sich für die Forschung wirklich begeistern. Frauen müssten oft noch leistungsbereiter und zielstrebiger sein als ihre männlichen Kollegen. Was aber Claudia Benthien letztlich davon überzeugt hat, an der Universität zu arbeiten, ist die Freiheit in Lehre und Forschung, die prinzipielle Möglichkeit, immer wieder selbst neue Themen zu kreieren, Fragen zu stellen oder auch andere Formen in der Lehre auszuprobieren.
2005 wurde Claudia Benthien auf die Professur für Neuere deutsche Literatur an der Universität Hamburg berufen. Einen glücklichen Zufall nennt sie es, kurz vor der Fertigstellung ihrer Habilitation an der ersten Runde des „Profil“-Projekts teilgenommen haben zu dürfen, dem Mentoring für Wissenschaftlerinnen an den Berliner Universitäten. Die dort vermittelten Kompetenzen und Kenntnisse seien von unschätzbarem Wert für ihre Karriere.
Die Broschüre „Frauen in den Geisteswissenschaften. Nüchterne Zahlen und inspirierende Vorbilder“ (Susanne Baer, Sabine Grenz, Martin Lücke, Hrsg.) wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Sie erscheint Ende Oktober und kann per E-Mail bestellt werden: frauen-in-gw@gender.hu-berlin.de
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 13.10.2007)