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„Emanzipation, die tödlich endet“

Eine Sozialwissenschaftlerin untersucht, wie international mit Ehrenmorden umgegangen wird

Angefangen hat für die Sozialwissenschaftlerin Gökce Yurdakul alles vor fünf Jahren. Damals wurde Hatun Sürücü an einer Bushaltestelle in Berlin-Tempelhof ermordet. Sürücü trug kein Kopftuch mehr, hatte einen deutschen Freund, war allein erziehende Mutter und wollte Abitur machen. Ein Lebensstil, der ihrer Familie gar nicht gefiel. Deshalb musste sie sterben. „Migration ist Emanzipation. Nur manchmal endet sie tödlich“, sagt Gökce Yurdakul. „Dieser Mord trat eine riesige Medienlawine los, und mir fiel auf, dass Ehrenmorde in Deutschland nicht als Gewaltakt gegen Frauen diskutiert werden, sondern als Integrationsproblem.“ Yurdakul forscht als Georg-Simmel-Professorin am Institut für Sozialwissenschaften zum Thema Migration. Nach dem Sürücü-Mord begann sie, Zeitungsartikel über so genannte Ehrenmorde zu analysieren.

Das Thema wurde binnen kurzer Zeit international zu einem Politikum – und für Yurdakul zu einem großen Forschungsthema. Durch eine Kooperation mit dem Wissenschaftsinstitut für soziale Entwicklungen der Vereinten Nationen weitete sich ihre Analyse der Medien und Sozialpolitik zum Umgang mit Ehrenmorden auf Westeuropa und Nordamerika aus. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anna Korteweg von der Uni Toronto hat sie das Phänomen für Deutschland, die Niederlande, Großbritannien und Kanada untersucht – in Toronto hat Yurdakul, geboren in Istanbul, die letzten zehn Jahre gelebt, promoviert und wissenschaftlich gearbeitet. Entstanden ist ein rund 100 Seiten langer Bericht über Ehrenmorde aus transatlantischer Perspektive.

Die beiden Wissenschaftlerinnen machen drei unterschiedliche Umgangsweisen mit Ehrenmorddebatten aus: Die Stigmatisierung, in der der Islam als rückwärtsgewandte Religion und Kultur betrachtet wird, die so genannte Kulturblindheit gegenüber anderen Ethnien und die kontextspezifische Gewalt, die sich gezielt auf den Migrationshintergrund bezieht. Das Fazit: Deutschlands Medien und Politiker stigmatisieren stark, hierzulande wird Gewalt gegen Frauen für die Migrationspolitik instrumentalisiert. „Welche Ironie, dass erst die hitzige Diskussion um Thilo Sarrazins Thesen auch die Bundesebene dazu veranlasst hat, konkrete Vorschläge für eine erfolgreiche Integrationspolitik zu machen, in der Menschen mit Migrationshintergrund auch Teil haben sollen am gesellschaftlichen Leben“, sagt Gökce Yurdakul.

Was in Deutschland in den kommenden Jahren erst umgesetzt werden muss, funktioniert trotz aller populistischen Islamanfeindungen in den Medien in den Niederlanden schon ziemlich gut. Dort gibt es zahlreiche Lokalorganisationen, die von Migranten gestaltet werden und auch auf nationaler Ebene einen Teil der Entscheidungsprozesse mitbestimmen. „Ansätze sind auch in Deutschland da, aber wir brauchen bessere Netzwerke, um die Partizipation zu fördern. Für eine effiziente Sozialpolitik gegen Gewalt von Frauen mit Migrationskontext dürfen eben diese Bevölkerungsgruppen nicht länger nur als Berater zu Wort kommen, sie müssen mitentscheiden“, sagt die Wissenschaftlerin.

Schließlich kommt Gewalt gegen Frauen nicht nur unter Migranten vor. Der enge Fokus auf den Bereich der Ehrenmorde birgt momentan die Gefahr, das Ausmaß der häuslichen Gewalt als Problem aller Frauen zu verkennen. „Das Risiko, auch als niederländische, deutsche, britische oder kanadische Frau Opfer häuslicher Gewalt zu werden, ist ebenso groß“, sagt Yurdakul. „Wichtig ist, die Rolle des Kontexts zu begreifen, um Gewalt zu verhindern – gerade in Migrantenfamilien.“

Constanze Haase