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Humboldt-Universität zu Berlin

„Es war eine großartige Zeit für mich. Und ein Schock“

Der Forscher und DDR-Bürgerrechtler Jens Reich über sein Studium an der Humboldt-Universität – und die Zeit zwischen Mauerbau und Mauerfall

Herr Professor Reich, Sie haben vor 48 Jahren Ihr Studium der Medizin und Molekularbiologie an der Humboldt-Universität abgeschlossen. Mit welchen Erinnerungen kommen Sie heute in das Hauptgebäude Unter den Linden?

Es sind angenehme und unangenehme Erinnerungen. Das Ende meiner Studentenzeit an der HU fällt ja zusammen mit dem Bau der Mauer, und das war für mich ein einschneidendes negatives Erlebnis.

Wie erlebten Sie die Zeit des Mauerbaus?

Das war ein akuter Schock. Wir glaubten nicht, dass es möglich ist, Berlin Ost und Berlin West voll abzutrennen, selbst wenn Kontrollen und Stacheldrähte aufgebaut würden. Wir kannten genügend Schleichwege, Schrebergärten und Übergänge. Mir ist erst später klar geworden, dass die Entscheidung ein Einschluss fürs Leben geworden ist.

Haben Sie einmal ernsthaft erwogen, alles hinzuwerfen und das Land zu verlassen?

Nur weil der Westen für mich interessanter sein könnte, wäre das kein Grund gewesen, aus der DDR wegzugehen. Freunde, Verwandte, meine Eltern, meine Schwester standen dagegen. Ich wollte nicht für immer aus diesem Land weg. Allerdings die Welt sehen und ein paar Jahre irgendwo verbringen, das wollte ich schon.

Ihr Vater war Internist am Salvator-Krankenhaus in Halberstadt. War Ihr Wunsch, Medizin zu studieren, familiär vorgeprägt?

Nein, ich hatte alle möglichen Interessen, die mehr in geisteswissenschaftliche Fächer gingen: Musik- und Kunstgeschichte, Philosophie. Mein Vater aber riet mir: Medizin ist ein Fach, wo du dich politisch nicht prostituieren musst. Geisteswissenschaftlich ist es doch auch interessant: Psychiatrie, Geschichte der Medizin und Ähnliches. Als Arzt kannst du alle deine Interessen weiterverfolgen und bleibst ein anständiger Mensch.

In welchem geistigen Klima wuchsen Sie auf?

Wir waren in Halberstadt ein größerer Kreis von jungen Leuten. Wir haben viel neue und alte Literatur gelesen, hatten einen philosophischen Diskussionskreis, und es gab bei der evangelischen Kirche Akademietagungen. Wir standen auf der Höhe der Zeit, indem wir Thomas Mann gelesen und diskutiert haben oder die klassische Musik in moderneren Interpretationen in den Opern- und Konzerthäusern in Leipzig oder Berlin besuchten; aber nicht in dem Sinne, was in der Welt vor sich ging.

Warum musste es unbedingt die Humboldt-Universität als Studienort sein?

Ich wollte nach Berlin, weil mir klar war, dass es die interessanteste Stadt in der DDR ist, sowohl kulturell als auch vom ganzen Lebensstil her. Ich wollte nicht in die Provinz.

Sie waren damals noch sehr jung, als sie nach Berlin zum Studium kamen.

Ich war 17. Das erste Mal war ich weg von zu Hause. In der Stalinallee 27 habe ich ein Zimmer bei einer Studentenwirtin bezogen, die mehrere Kinder hatte. Berlin war ungeheuer aufregend im Vergleich zu Halberstadt, bei aller hausmusikalischen, geisteswissenschaftlichen, philosophischen und religiösen Orientierung.

Wie erlebten Sie Berlin Mitte der 50er Jahre?

Es war der spannendste, interessanteste und aufregendste Ort der Welt. Nicht umsonst spielen die Kriminalromane von John le Carré in Ostberlin oder drehte Billy Wilder seine Filme in Westberlin. Die Stadt hat daran kein Verdienst. Das ist passiert, als Berlin sofort nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges zur Demarkationslinie der sich entwickelnden Großkonfrontationen, die man heute Kalter Krieg nennt, geworden ist. Deswegen steckten beide Supermächte samt ihren Anhängseln alle Kraft rein, um in Berlin ein Schaufenster zu haben. Dieser Wettbewerb war kulturell, politisch und im ganzen Lebensstil hochinteressant.

Welche Angebote lockten Sie speziell?

Man konnte im Osten und im Westen ins Theater gehen. Im Osten gab es das Berliner Ensemble, was in diesen Jahren zweifellos das beste und modernste Theater der Welt gewesen ist. Man sah im Publikum Leute aus der ganzen Welt, weiße und schwarze und Asiaten, interessante Gesichter. Gebildete Menschen kamen, um das Brechttheater zu besuchen. Man hörte sie in der Pause französisch oder englisch reden. Du hattest das Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem wirklich etwas für die Welt Vorbildliches, Interessantes gemacht wird. „Alles ist Politik“, hieß es so schön. Das Private war vermischt mit dem Politischen. Wie es eben die Revolutionäre und später die Stalinisten lehrten. Aber wie es auch die Existenzialisten in Paris lehrten. Eine großartige Zeit für mich.

Und wie erlebten Sie den Wettbewerb der Supermächte als Studierender?

Die Humboldt-Universität und die Freie Universität standen sich ja ebenfalls konfrontativ gegenüber, und man konnte hier und dort Vorlesungen und Seminare besuchen. Ich bin auch gerne an die FU gegangen, wenn mir gesagt wurde: „Da gibt es einen interessanten Dozenten, hör dir den doch mal an.“ Wir konnten bis zum 13. August 1961 frei zwischen Ost und West in Berlin flanieren. So ein Studium war nachher nicht mehr möglich – in dieser Breite und den Möglichkeiten sich auszubilden.

Waren die Hörsäle an der Charité sehr voll?

Da die meisten sehr eifrig waren, ja; in der Anatomie waren es wohl 500 bis 600 Studenten, ein Massenbetrieb. Man musste stehen oder auf den Treppen sitzen. Schon vor 1961 sind die Studentenzahlen erheblich verstärkt worden. Das hatte damit zu tun, dass die Ärzte in der DDR in großen Scharen in den Westen abwanderten und die Regierung dringend den Ärztemangel beheben wollte und somit in alle Studienjahre weit mehr als für die Ausbildungsstätte optimalen Studentenstand aufgenommen hat.

Welcher Dozent war besonders prägend für Sie?

Theodor Brugsch war ein sehr eindrucksvoller alter Herr in den Siebzigern, der in der Inneren Medizin noch Vorlesungen hielt. Er imponierte uns besonders, weil er einer der wenigen deutschen Ärzte war, der 1933 aus dem Universitätsbetrieb ausgeschieden ist. Er hat immer Solidarität zu seiner Frau gezeigt, die Jüdin war. Aus diesem Grunde ist er von nationalsozialistischen Studentenschaften angepöbelt worden, deswegen hat er den Dienst quittiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekam er die Professur an der Charité. Was imponierte, war sein überragendes medizinisches Wissen, was auch kulturell und historisch verortet war.

Sie lernten also das klassische Universitätsstudium kennen, wo der Student sich selbst zusammenstellte, was er gerne hören und lernen will?

Das war auch in den Fächern möglich, die ich nicht studierte. Wenn man sich die Zeit nahm, ging man hin, ohne Beschränkung. So belegte ich Kunstgeschichte, Ägyptologie oder Philosophie. Ich besuchte die Vorlesungszyklen von Robert Havemann. Anfangs waren das linientreue, aber philosophisch interessante, weil marxistisch-atheistisch aufgeladene Vorlesungen über die Philosophie der Naturwissenschaften. Zum Dissidenten im scharfen Sinne wurde Havemann dann erst mit Beginn der sechziger Jahre.

Ihm wurde 1964 die Lehrerlaubnis entzogen. Die Wissenschaften wurden zunehmend vom parteipolitischen Denken beeinflusst. Gab es noch andere Professoren, die weiter gefasst dachten?

Kurt Noack war der erste wirklich überzeugte und fanatische Bioökologe, den ich in meinem Leben gesehen hatte. Das Sterben von Arten, die Auswirkungen der Industrialisierung auf die Tier- und Pflanzenwelt, die Schäden, die gesetzt wurden durch den Raubbau an den Ressourcen, hatte er 1956/57/58 schon thematisiert. Und natürlich scharf politisch, ohne dass es ausgesprochen wurde, einfach durch die Inhalte, die er brachte.

Wie wirkte sich die Schließung der Grenze auf den Lehrbetrieb und die Patientenversorgung an der Charité aus?

Massiv, da ein Drittel ihrer Dozenten und Professoren von einem Tag auf den anderen praktisch wegblieb, unter anderem mein Doktorvater. Das waren Westberliner, die kriegten bis 1961 ihr Gehalt zur Hälfte in Ost- und zur Hälfte in Westmark und blieben an der Charité, weil sie mit ihr verbunden waren. Wer weg wollte, war schon vorher gegangen. In allen Kliniken musste nun ein Notdienst eingerichtet werden.

In Ihrer Studentenakte heißt es, Sie sollten „wegen Überlastung der klinischen Bereiche“ nach dem zweiten Studienjahr an die Medizinische Akademie Magdeburg delegiert werden. In der Provinz herrschte Arbeitskräftemangel. Die Sektion Schach setzte sich dafür ein, dass Sie nicht versetzt werden, weil Sie für Berlin und die Humboldt-Universität an den Juniorenweltmeisterschaften 1959 teilnehmen sollten.

Damals war ich noch ein sehr aktiver Schachspieler und bin auch mal Zweiter der DDR-Meisterschaft der Jugend gewesen. Das hat mich wohl vor der Versetzung bewahrt. Es gab große Widerstände unter den Studenten, nach dem Physikum nach Erfurt oder Magdeburg zu gehen. Es war nicht so attraktiv.

Nach dem Studium sind Sie aber doch nach Halberstadt zurückgegangen.

Ich konnte in Berlin keine Assistentenstelle bekommen, und alle Institute füllten sich mit Leuten, die Parteimitglied oder in der FDJ aktiv gewesen sind. So habe ich in Halberstadt Allround-Medizin am Krankenhaus und später in Ambulatorien und Praxen gemacht.

Wie kamen Sie zu Ihrem politischen Engagement?

Dieser depressive Zustand mit völliger Ablehnung des Systems, obwohl weiter als schweigende Mehrheit funktionierend, der hat sich in den 70er Jahren gelockert. Wir begannen in Berlin, unsere eigenen Kreise aufzubauen mit privaten universitätsvorlesungsähnlichen Veranstaltungen oder Wochenendseminaren, den „Freitagskreis“. Aus dem Westen wurden manchmal Bücher mitgebracht oder Leute kamen, die mit uns diskutieren wollten. Mit Honecker kehrte gewissermaßen eine Liberalisierung des politischen, ideologischen Drucks ein, und der Osten ging auf: Man konnte die Tschechoslowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien besuchen.

Konnten Sie diese Entwicklung für Ihre beruflichen Verbindungen nutzen?

Ich bekam das Angebot, auf meinem Gebiet der mathematischen Modellierung des Stoffwechsels mit einem Institut an der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion zusammen zu arbeiten. Und ich wurde sogar gedrängt, das möglichst langfristig und mit der Familie zu machen. Man musste dort zwar die deutlich jämmerliche Versorgungslage ertragen, aber es war wissenschaftlich und lebensweltlich interessant. Durch den Osten bin ich massiv geprägt worden; Russisch ist meine erste Fremdsprache gewesen. Ich habe viele Freunde gefunden in Polen, in Ungarn und der Tschechoslowakei. Freunde, die später auch politisch aktiv waren in der Solidarnosc. Wir ermunterten uns, aus dem Schneckenhaus herauszukommen.

1985 kam Gorbatschow an die Macht. Da haben Sie beschlossen, das „Schneckenhaus“ zu verlassen?

Wir wollten nicht mehr als innere Opposition auftreten, die sich hinter verschlossenen Türen aussprach, sondern richtig offen, in Kirchen. Wir wollten uns nicht mehr kümmern, wenn die Übertragungswagen mit den Richtmikrofonen kamen, sobald wir uns versammelten und Diskussionen über den Niedergang der Sowjetunion führten. Das war ein Befreiungserlebnis. Selbst als man dann ins Visier der Staatssicherheit kam.

Zu Beginn des Studienjahres 1991 waren Sie noch einmal an der Humboldt-Universität. Sie haben an die Neuimmatrikulierten appelliert, sich „nicht ruhig stellen“ zu lassen, „nicht zu Duckmäusern und Feiglingen“ zu werden.

Ich hatte mich geärgert, dass an der HU der Herbst ’89 auf eine ziemlich lahme Art und Weise stattgefunden hatte. Es gab ein bisschen was an SED-Reformen, was aus der Uni kam. Aber die große Demo auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989 haben die Theaterleute zusammen mit dem Neuem Forum, den anderen Bürgergruppen und den Kirchen gemacht.

Das Gespräch führte Heike Zappe.

Weitere Interviews mit prominenten Ehemaligen im Internet: www.hu-berlin.de/alumni/prominente