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Humboldt-Universität zu Berlin

Humboldt-Universität zu Berlin | Informationen für Beschäftigte an der HU | Aktuelles | Interview: "Frauen* haben stärker mit strukturellen Problemen zu kämpfen"

Interview: "Frauen* haben stärker mit strukturellen Problemen zu kämpfen"

by Sven Ellerbrock posted on 26.03.2020 14:05 last modified 11.05.2020 17:25

Das Büro der Frauenbeauftragten hat eine Online-Befragung unter wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen der Humboldt-Universität zum Thema Chancengleichheit durchgeführt. Dr. Patricia Heitmann berichtet über die Ergebnisse.

Im November 2019 hat das Büro der Frauenbeauftragten eine Online-Befragung unter wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen der Humboldt-Universität zum Thema Chancengleichheit durchgeführt. Es ging um die Frage, wie geschlechtergerecht sie die HU als Arbeitsplatz wahrnehmen und welche Erfahrungen sie mit (un)gleichen Chancen von Frauen* und Männern* machen.

Dr. Patricia Heitmann hat die Umfrage konzipiert und durchgeführt.

Frau Heitmann, wird an der HU die Arbeit von Nachwuchswissenschaftler*innen gleichermaßen wertgeschätzt?

Bei den Nachwuchswissenschaftler*innen zeigt sich das ganze Meinungsspektrum von „Die HU kümmert sich um die wahren Probleme ihrer Mitarbeiter*innen“ bis „Real allerdings besteht der Unterschied weiterhin und führt zu Vorverurteilung und Stigmatisierung wie seit jeher üblich“. Dass die Wahrnehmungen recht stark auseinandergehen, zeigen auch unsere quantitativen Ergebnisse in Bezug auf das Geschlecht: Während Männer* eher zustimmen, dass gleiche Arbeit auch gleich gewürdigt wird, sind Frauen* eher zurückhaltend mit ihrer Zustimmung.

Welche Gründe werden für die Benachteiligung von Frauen* genannt?

Die meisten Teilnehmenden nennen Gründe für eine Benachteiligung von Frauen*: Erstens haben sie durch Erziehungszeiten weniger Zeit zum Forschen beziehungsweise Publizieren. Sie werden aber an den Maßstäben von Männern* gemessen und Mütter schneiden im Vergleich zwangsläufig schlechter ab. Das gilt allerdings auch für Väter. Zweitens werden festgefahrene Machtstrukturen und stereotypisch traditionelle Vorstellungen von Frauen* genannt. Sie werden als mütterlich und fürsorglich wahrgenommen und bewertet, anstatt leistungsorientiert. Und drittens lassen einige Antworten darauf schließen, dass es zusätzlich noch große Unterschiede an den Instituten gibt.

In der Regel heißt es, Frauen* müssen mehr und bessere Leistungen erbringen, um gleiches Ansehen zu erfahren. Bestätigt das die Umfrage?

Einen direkten Zusammenhang haben wir nicht untersucht. Jedoch haben wir in diesem Kontext spannende Aussagen der Teilnehmer*innen zum Prinzip der Bestenauslese erhalten. So wurde kritisiert: „Es werden weiterhin inkompetente Männer auf den Stellen eingestellt, weil inkompetente Männer die Macht haben“. Es gibt aber auch Stimmen, die Sorge vor einem massiven Qualitätsverlust in der Wissenschaft haben: „Und so zeigt sich, dass mehr und mehr Professuren mit ausgesprochen mittelmäßigen Frauen besetzt werden, […] während überaus qualifizierte Männer leer ausgehen“. An dieser Stelle darf nicht vergessen werden, wie schwierig es ist, Leistung objektiv zu bemessen. Die Zahlen zu Stellenbesetzungen von Professuren deuten jedenfalls darauf hin, dass Frauen* stärker mit strukturellen Problemen zu kämpfen haben.

Gibt es große Unterschiede zwischen den Geschlechtern in punkto Beurteilung von Chancengleichheit?

Den bedeutsamsten Unterschied zwischen den Geschlechtern haben wir bei der Wahrnehmung von Diskriminierung gefunden. Während Männer* glauben, dass Frauen* selten aufgrund ihres Geschlechts an der HU benachteiligt werden, gilt das für Frauen* nicht. Die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen* sind der Auffassung, dass ihnen gegenüber sehr wohl weniger Akzeptanz besteht.

Netzwerke sind oft entscheidend für Karriereverläufe. Wie sind Nachwuchsforscherinnen* der HU in Netzwerke eingebunden?

Die tatsächliche Einbindung in Netzwerke können wir anhand dieser Untersuchung nicht feststellen. Allerdings fühlen sich Frauen* stärker aus wissenschaftlichen Netzwerken ausgeschlossen, als Männer* dies glauben.

Welche Gleichstellungsmaßnahmen und -instrumente der HU sind innerhalb der HU bekannt?

Die Maßnahmen sind Teil des Caroline von Humboldt-Programms, das von einigen Teilnehmenden benannt wurde. Am bekanntesten ist das Agieren der Frauenbeauftragten, gefolgt von geschlechtergerechtem Recruiting, mehr Frauen* auf Schlüsselpositionen durch Stellenprogramme oder vorgezogene Nachfolgeberufungen, Sprachregelungen und Gleichstellungskonzepte. Außerdem wurde häufig die Frauenquote genannt, die es allerdings an der HU gar nicht gibt. Tatsächlich setzen sich die Fakultäten und Institute in den Gleichstellungskonzepten ihre eigenen Zielzahlen.

Welche Maßnahmen ergeben sich aus der Umfrage?

Die Umfrage hat uns gezeigt, dass einige Maßnahmen gefordert werden, die schon existieren oder in Arbeit sind. Beispielsweise wünschen sich die Befragten Beratungsstellen, die im Falle einer Ungleichbehandlung konkrete Hilfestellung leisten. Unterstützen können tatsächlich neben den de-/zentralen Frauenbeauftragten auch die Beauftragte für Beschwerden nach dem Allgemeinen Gleichstellungsgesetz, die Antidiskriminierungsberatung des RefRat, Konfliktberater*innen der HU oder Ombudspersonen der Fakultäten. Außerdem wünschen sich viele Teilnehmende eine Verbesserung der Familienfreundlichkeit. Hier hilft das Familienbüro weiter. Aktuell beabsichtigt die HU sogar eine zweite Kita in Adlershof zu bauen. Daneben haben viele der Befragten den Wunsch nach weiteren Maßnahmen bezogen auf Diversität geäußert. Daran arbeitet die AG Diversität. Insgesamt hat die Umfrage vor allem gezeigt, dass es notwendig ist, Sichtbarkeit über alle Angebote der HU zu schaffen. Als wichtige neue Maßnahme sollen zum Beispiel Awareness Trainings zur Gender-Sensibilisierung für alle HU-Angehörigen angeboten werden. Mit Best Practice-Beispielen sollen verschiedene Zielgruppen im Alltag empowert werden.

 

Die Umfrage wurde durch das Berliner Chancengleichheitsprogramm (BCP) gefördert.

Dr. Patricia Heitmann ist Projektkoordinatorin für gleichstellungsfokussierte Kommunikation im Büro der zentralen Frauenbeauftragten.

 

Die Fragen stellte Ljiljana Nikolic