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Humboldt-Universität zu Berlin

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„Wer sich kümmert, ist unterwegs. Das ist Humboldt.“

by Ljiljana Nikolic posted on 02.11.2020 10:10 last modified 03.11.2020 17:47

Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst ist seit knapp fünf Jahren Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin. Am 17. November tritt sie zur Wiederwahl an. Über ihre Motivation und ihre Ziele für eine zweite Amtszeit sprachen Hans-Christoph Keller und Cosima Kopp mit ihr.

Frau Kunst, warum wollen Sie die Leitung der HU für weitere fünf Jahre übernehmen, was treibt Sie an?

 

In der Gemeinschaft der Humboldtianer und Humboldtianerinnen haben wir in den vergangenen Jahren sehr viel erreicht – auf allen Ebenen, in allen Bereichen. Nehmen Sie zum Beispiel den Exzellenzwettbewerb oder die Strukturentwicklungsplanung. Darüber hinaus gibt es jede Menge von Projekten und Entwicklungen, die die Humboldt-Universität in den nächsten Jahren herausfordern werden und nach kreativen Prozessen und Lösungen verlangen. Alle zeichnen sich durch eine hohe Dynamik und Vielfalt aus, für die brauchen wir die unterschiedlichsten Kompetenzen, Überzeugungen und Erfahrungen, die in den Prozess der Umsetzung einbezogen sein wollen und auch sollen. Das gehört zum Wesen von Wissenschaft und ist in der Regel für die Beteiligten auch persönlich eine große Bereicherung. Jedenfalls für mich. Ich würde mich gern weiter einbringen und diese Prozesse mit vorantreiben.

Und noch eins: Wir leben gerade in einer sehr herausfordernden Zeit, erleben eine Pandemie, die die Grundlagen unseres Zusammenlebens nachhaltig beeinflusst. Wir beobachten, dass sich rechtspopulistische Tendenzen ausbreiten, in Europa und in der ganzen Welt. Mit allem Negativen, so der wachsenden Wissenschafts- und Demokratiefeindlichkeit. Da kann ich mein Verantwortungsgefühl und Engagement nicht einfach so mit dem Auslaufen einer Amtszeit ablegen. Und deshalb stelle ich mich zur Wiederwahl. Ich finde es wichtig, aktiv für die Humboldt’sche Idee von Wissenschaft einzutreten. Es gibt viele Felder, in denen man die Dinge für die Wissenschaft, für die Forschenden, für die Studierenden vorantreiben kann. Das würde ich gern weiter tun.
 

Wo sehen Sie da Ihre besonderen Schwerpunkte?

 

Wer mich kennt, weiß, dass ich eher nicht für kurzfristige Ziele stehe. Klar, die gehören zum Tagesgeschäft, aber für nachhaltige Erfolge und qualitative Veränderungen braucht es Verbindlichkeit und auch Vorausschau. Nur auf dieser Basis kann man schnell, flexibel und gleichzeitig belastbar entscheiden. Das ist mein Anspruch an mich. Und diesen Anspruch möchte ich auch künftig als Präsidentin der Humboldt umzusetzen. Zum Beispiel in Bezug auf den Change-Prozess an der Universität. Denn der wird mit der Einführung von SAP nicht beendet sein.


Warum braucht die Humboldt-Universität SAP? Die Begeisterung hält sich ja an vielen Stellen in sehr engen Grenzen?


Weil wir damit für unsere Forschenden wichtige Serviceleistungen erbringen können. Und weil die Zusammenarbeit zwischen den Fakultäten und der zentralen Universitätsverwaltung spürbar schneller, transparenter und unkomplizierter wird – nehmen Sie zum Beispiel die Personalgewinnung oder das Rechnungs- und Beschaffungswesen. Der SAP-Start Anfang kommenden Jahres wird uns noch einmal alles abverlangen. Aber es wird sich lohnen. Aus vielen Gesprächen weiß ich, wie dringend diese Strukturen weiter professionalisiert werden müssen.


Welche anderen Themen sind Ihnen wichtig und wie gehen Sie diese an?

 

In Berlin läuft vieles über Aushandlungen. Und wenn es um die Durchsetzung der Interessen der Humboldt-Universität geht, muss man die Dinge diplomatisch anbahnen und dann immer wieder nachhaken. Das habe ich im Laufe meiner beruflichen Laufbahn gelernt. Ein aktuelles Beispiel ist die Durchsetzung der Hauptstadt-Zulage - nicht nur für Teile unserer Beamtinnen und Beamten, sondern eben auch für unsere Tarifbeschäftigten. Oder um die Anerkennung der zusätzlichen Leistungen in der digitalen Lehre, die durch die Pandemie notwendig und von den Mitgliedern der Humboldt engagiert erbracht wurden. Als Vorsitzende der Berliner Landesrektorenkonferenz kann ich mich hier in den nächsten zwei Jahren noch verstärkt einsetzen.


Das sind in der Tat sehr politische Themen. Spüren die Mitglieder der Universität davon etwas?


In der Regel führen überarbeitete oder neu gesetzte Rahmenbedingungen immer auch zu konkreten Veränderungen im Arbeitsalltag. Das spürt nicht jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter sofort, aber früher und später eben doch. Die politischen Rahmenbedingungen entscheiden darüber, welche der in der Uni entwickelten Ideen auch eine Chance auf Umsetzung haben und vielleicht sogar in einen größeren Kontext gesetzt werden können. Sie beeinflussen ganz entscheidend Gegenwart und Zukunft der Universität und damit auch ihrer Mitglieder.

 

Haben Sie dafür ein Beispiel?


Nehmen Sie unser Nachhaltigkeitsbüro – eine studentische Initiative. Die Studierenden haben die Uni in den letzten Jahren in diesem Bereich enorm vorangebracht. Bis an eine bestimmte Grenze, an der es dann die Überführung in die Struktur braucht. Deshalb habe ich mich dafür stark gemacht, dass es demnächst eine oder einen Nachhaltigkeitsbeauftragten geben wird. Die Diskussionen und den Austausch zum Thema stützen wir mit dem Portal Nachhaltigkeit „Humboldts17“, das nächsten Monat online gehen wird.

 

Die studentischen Vertreter*innen des RefRats stehen Ihrer erneuten Kandidatur kritisch gegenüber. Was würden Sie diesen Studierenden gerne sagen?

 

Die Humboldt-Universität ist traditionell geprägt von einer starken Mitbestimmungskultur. Das ist nicht immer bequem, aber ich finde das gut, denn es hält die Uni in Bewegung. Pläne und Ideen kommen so unerbittlich auf den Prüfstand. Zum Thema Mitbestimmung gehört an allererster Stelle auch eine starke Stimme der Studierendenschaft. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ohne die Kritik des RefRats am neuen Institut für Islamische Theologie hätten wir mit Sicherheit viel weniger stark um dessen Einrichtung gerungen. Das war zum Teil heftig. Aber es ging eben auch um eine große Entscheidung. Als Ergebnis der Auseinandersetzungen können sich die neuen Kolleginnen und Kollegen sowie die Studierenden am BIT heute sicher sein, dass sie kein Fremdkörper an der Humboldt sind.

 

Wie gehen Sie persönlich mit Kritik um?

 

Ich hoffe konstruktiv. In den meisten Fällen (lacht). Jedenfalls immer dann, wenn Form oder Inhalt der Kritik dies zulassen. Ich nehme Kritik ernst und versuche kritische Gedanken und Anmerkungen bei meinen Entscheidungen und in meinem Handeln zu berücksichtigen. Natürlich nehme ich auch die Kritik an meiner Kandidatur wahr. Angenehm ist das nicht, gehört aber dazu. Ich wünsche mir jedoch gelegentlich ein größeres Maß an Sachlichkeit in der Diskussion. Umgekehrt zeigt mir manches Unverständnis, dass wir einfach früher und intensiver in den internen Austausch hätten treten müssen. Etwa in den Strategieprozessen wie der großen Verwaltungsmodernisierung oder auch bei unserem Engagement in der Berlin University Alliance. Wir haben in den letzten Monaten als Universitätsleitung daran gearbeitet. Und auch ich habe mir mehr noch Zeit für den persönlichen Austausch genommen. Und gerade die persönlichen Gespräche helfen mir immer am meisten, nicht nur bei der Reflexion, sondern auch bei der Vorbereitung von Entscheidungen. Deshalb besuche ich seit einem Jahr verstärkt die Fakultäten und tausche mich mit den Mitarbeitenden und den Studierenden aus.

 

Und wie nehmen Sie diese Begegnungen wahr?


Ich bin jedes Mal echt beeindruckt, wie sehr sich die Fachschaften und die Fakultätsräte für die Belange ihrer Kommilitoninnen und Kommilitonen einsetzen und – weit weg von jeder Ideologie – konstruktiv über Probleme und mögliche Lösungen sprechen. Gerade während des Corona-Semesters im Sommer war dieser Austausch enorm wertvoll. Das  hat mir persönlich sehr unterstützt  bei der Entscheidung über notwendige und sinnvolle Maßnahmen, auch bei der Entscheidung, welche Fragen ich an das Land adressieren sollte und an welchen Stellen noch einmal nachjustiert werden muss.

 

Als Sie 2016 das Amt antraten, hatten Sie natürlich Ziele. Welche sind erreicht und welche noch nicht?

 

Seit 2016 haben wir eine Menge erreicht. Nicht alles davon ist mit offenen Armen aufgenommen worden und manches ist noch längst nicht fertig. Mir war zum Beispiel der Aufbau der neuen Abteilung für Planung und Steuerung enorm wichtig. Jetzt laufen die Berufungsvorhaben und die Profilbildung strategischer und deutlich stärker datenbasiert. Mit dem ersten Personalentwicklungskonzept an der Humboldt - um das wir heiß und lange gestritten haben - , oder zum Beispiel mit dem Aufbau eines Hochschulgesundheitsmanagements und dem Softlaunch des Intranets haben wir wichtige Grundsteine für ein zeitgemäßes effektives Arbeiten und für die Kultur der gegenseitigen Wertschätzung mit konkreten Maßnahmen untersetzt. Und zwar für die Mitarbeitenden im wissenschaftlichen wie auch im nicht-wissenschaftlichen Bereich.

 

Als Präsidentin werden Sie auch als Vorbild für Frauen in Führungspositionen wahrgenommen. Was konnten Sie in diesem Bereich an der HU bewirken?

 

In den vergangenen fünf Jahren ist der Anteil von neuberufenen Professorinnen auf über 50 Prozent gestiegen. Das ist eine Entwicklung, auf die ich wirklich stolz bin, denn sie verändert die Universität. Und zwar zum Positiven. Und sie wird bleiben. Mich freut besonders, dass und wie viele der neuen Professorinnen Beruf und Familie unter einen Hut bringen. Ich weiß aus der persönlichen Erfahrung sehr gut, dass das nicht immer leicht ist und den Wissenschaftlerinnen viel abverlangt, deutlich mehr als ihren Kollegen. Diesen Balanceakt hinzubekommen ist auch im Jahr 2020 noch immer eine Herausforderung. Oft gehört eine Portion Glück dazu – und immer ein gut funktionierendes Netzwerk. Ich kann deshalb allen Nachwuchswissenschaftlerinnen nur raten, gerade daran kontinuierlich zu bauen.

 

Was ist Ihnen für eine zweite Amtszeit wichtig?


Die Digitalisierung in der Lehre! Mir ist absolut wichtig, dass wir den Schwung aus dem Sommersemester mitnehmen und die Chancen der Krise nutzen. Und das passiert. Ich plane, die Task Force Digitale Lehre zu verstetigen. Die Kompetenzen, die sich die Kolleginnen und Kollegen in den letzten Monaten erarbeitet haben, sind von unschätzbarem Wert. Und mit dem Zentrum für technologiegestütztes Lernen an der PSE besitzt die Humboldt-Universität bereits eine eigene Einheit zur Erforschung digitaler Lernszenarien, die die praktische Umsetzung in den Blick nimmt. Also jede Menge Know-how, das ich gern für die Entwicklung eigener neuer Formate nutzen würde. Das ändert aber nichts daran, dass die Humboldt-Universität eine Präsenzuniversität ist und bleibt. Und ganz ehrlich: Ich warte ungeduldig auf den Tag, an dem die Studierenden und Lehrenden wieder auf den Gängen unterwegs sind und diese gespenstische Ruhe vorbei ist.

 

Sie haben sich in der Vergangenheit immer wieder für die Entwicklung der Humboldt-Campi engagiert. Haben Sie dazu Pläne für die nächsten Jahre?


Es ist mir wichtig, vor allem die Campi Nord und Adlershof zu interdisziplinären Forschungslandschaften weiterzuentwickeln. Mit eigenen Innovation-Hubs etwa in den Lebenswissenschaften in der Verbindung mit der relevanten Forschung der Charité zu diesem Thema oder auch im Bereich Materialforschung und Quantencomputing. Über diese Zusammenarbeiten entstehen schon seit längerem Kraftzentren für den integrierten Forschungsraum Berlin mit zahlreichen Verbindungen in die außeruniversitäre Wissenschaftswelt. Am Campus Mitte trifft die Spitzenforschung dann im Rahmen von OPEN HUMBOLDT auf die Gesellschaft und tritt in einen multidirektionalen Austausch mit der Öffentlichkeit.

 

Warum engagieren Sie sich so stark für den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zum Beispiel im Humboldt Labor?


Wir brauchen ihn dringender denn je. Schauen Sie sich um: Immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft verbreiten oder konsumieren über soziale Netzwerke Verschwörungstheorien und behaupten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler produzierten im Auftrag der Politik Fake News. Darüber müssen wir reden. Das können wir nicht so stehen lassen. Und genau deshalb habe ich mich für OPEN HUMBOLDT engagiert. An der Humboldt-Universität haben Forschende immer wieder den Schritt aus dem Elfenbeinturm gewagt. Schon die Gebrüder Humboldt haben es uns vor zweihundert Jahren vor gemacht. Jetzt möchten und müssen wir den Austausch mit der Gesellschaft über den reinen Wissenstransfer hinaus denken. Nicht als Einbahnstraße, sondern als Möglichkeit der gegenseitigen Befruchtung und Inspiration. Mit einem Benefit für alle daran Beteiligten.

 

Und wo soll das stattfinden?


Zum Beispiel im Humboldt Labor im Humboldt Forum. Oder auf dem Campus für Natur und Gesellschaft. Dort werden Forscherinnen und Forscher der HU mit den Kolleginnen und Kollegen des Museums für Naturkunde an wissenschaftlichen Lösungen für die Zukunftsfähigkeit der Menschheit arbeiten und systematisch von Anfang an die Öffentlichkeit einbinden. Andere Formate wie das Theater des Anthropozäns oder unsere Planungen für das Palais am Festungsgraben zielen darauf ab, Wissenschaft im Kontext von Kunst und Kultur neu erlebbar zu machen. Dabei können wir viel von den Herangehensweisen der Kunstschaffenden lernen.

 

Nochmal zurück zur Reform der HU-Verwaltung. Das Präsidium hat unter Ihrer Ägide damit begonnen. Viele Mitarbeiter*innen sind besorgt, dass mit der Umstellung auf SAP und der Neusortierung von Arbeitsprozessen Veränderungen auf sie zukommen, die sie nicht verstehen oder bewältigen können. Wann wird es hier mehr Gewissheit und Stabilität geben?


Die SAP-Einführung im Projekt „humboldt gemeinsam“ ist letztendlich nichts anderes als die Transformation unserer Universität ins 21. Jahrhundert. Sämtliche Verwaltungsabläufe bei laufendem Betrieb umzustellen, ist nicht einfach und muss zu Verunsicherung führen. Das verstehe ich, weil es mir genauso geht. Und deswegen lege ich großen Wert darauf, dass die technische Umstellung von einem Change-Prozess begleitet wird, in dem Führungskräfte und Mitarbeitende geschult werden, das Prozessverständnis vermittelt und gegenseitiges Vertrauen gestärkt wird. Nichts wird einfacher, wenn man sich ängstigt. In einer Veränderung liegen auch immer viele Chancen. Dass man sich Sorgen macht, ist in Ordnung. Wer sich sorgt, der kümmert sich. Und wer sich kümmert, bleibt nicht stehen. Darum geht es. Das ist die beste Voraussetzung für Veränderung. Das ist Humboldt. Mit der SAP-Einführung zum Jahreswechsel geht die Universität einen wichtigen Schritt, den wir meistern werden. Als uns die Corona-Pandemie im März mit voller Wucht traf, haben Wissenschaft und Verwaltung schnell reagiert und gemeinsam Lösungen entwickelt. Deswegen bin ich optimistisch, dass wir auch die SAP-Einführung hinbekommen werden und bitte auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um Vertrauen, dass wir auch das gut schaffen werden.


Hans-Christoph Keller ist Leiter des Referates Kommunikation/Medien der HU; Cosima Kopp ist Studentin der HU und derzeit Praktikantin der Abteilung Kommunikation, Marketing, Veranstaltungsmanagement