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Bei ‚Islamischer Theologie‘ handelt es sich keineswegs um eine Disziplin, die bloß als rationale Entfaltung von Glaubensüberzeugungen sowie als Lehre kultischer Praktiken aufzufassen wäre und die in der Tradition der Theologischen Fakultät an den Universitäten seit dem 13. Jahrhundert stünde. Vielmehr sind im Verständnis muslimischer Überlieferung all diejenigen Wissenschaften gemeint, die der Kenntnis der islamischen Überlieferung und der normativen religiösen Lebensorientierung dienen.

‚Islamische Theologie‘ ist also ein Wissenschaftskosmos, der schon im Mittelalter als ‚Islamische Wissenschaften‘ bezeichnet wurde und der von den ‚fremden‘ Wissenschaften (ursprünglich: antike griechische Philosophie und Naturwissenschaften) abgesetzt war. Neben dem textwissenschaftlichen Schwerpunkt, der sich der Tradition und Auslegung des Korans, der Hadithe sowie der Prophetenbiographie widmet, stehen u. a. das Recht mit seinen verschiedenen Schulen, die Rechtsmethodologie und -kasuistik, die Philosophie sowie diejenigen philologischen Disziplinen, die sich mit arabischer Sprache befassen. Obgleich das islamische ebenso wie das ‚westliche‘ Wissenschaftssystem auf der Überlieferung der Antike beruhte und beide diese weiterentwickelten, fanden die ‚Islamischen Wissenschaften‘ mit ihrer Bindung an nichtchristliche Glaubensvoraussetzungen seinerzeit keinen Eingang in die Erfindung der Universität in der lateinchristlichen Welt.

Bei der rezenten Integration der ‚Islamischen Theologie‘ in Universitäten geht es also um die Implantation eines historisch gewachsenen Wissenschaftssystems, das mit diesen aber kompatibel ist, weil Disziplinen wie Ethik, Philosophie, Recht und Pädagogik hier wie dort beheimatet sind. Aus dieser wissenschaftshistorischen und -systematischen Einsicht lässt sich auch die Empfehlung des Wissenschaftsrates ableiten, für diese (und weitere) Disziplinen eigene Professuren in den islamtheologischen Instituten vorzusehen und sie in einer Philosophischen Fakultät zu verankern. Unter anderen Theologien würde diesem Verständnis nach der Anspruch der ‚Islamischen Theologie‘ in ihrer interdisziplinären Kompetenz verkürzt.

‚Islamische Theologie‘ als Wissenschaft resp. Wissenschaftssystem setzt zwar historisch betrachtet schon im frühen Mittelalter ein, ist aber als Universitätsdisziplin im deutschsprachigen Raum erst eine Errungenschaft des letzten Jahrzehnts. In engem Austausch mit den anderen Standorten leistet das BIT deshalb Grundlagenarbeit, bei der die Beratung mit den anderen Theologien nützlich und der Austausch mit geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächern, darunter der nicht bekenntnisgebundenen Islamwissenschaft, der Philosophie, Geschichte, Ethnologie und Soziologie, unverzichtbar ist; diese Wechselbeziehungen sollen die ‚Islamische Theologie‘ in die Lage versetzen, auf Anforderungen der gesellschaftlichen Praxis zu reagieren. Zugleich kann sie mit ihrer wissenschaftlichen Binnenperspektive auch benachbarten Fächern Impulse geben, wo sich die jeweiligen Forschungsbereiche überschneiden.

Im Unterschied zu älteren Epochen werden religiöse Überzeugungen heute nicht mehr nur durch eine intellektuelle Elite in Ausnahmesituationen angefochten und neu gewonnen, sondern Differenzerfahrungen sind in der globalisierten Welt zu einem alltäglichen Problem geworden. Sollen Theologien, die ihren konfessionellen Basen verpflichtet sind und bleiben, in diesem neuen Umfeld lebensweltliche Orientierung bieten, müssen sie zweierlei leisten: Sie müssen eine vertiefte historische Kenntnis der religiösen Tradition und ihres Schrifttums erarbeiten und vermitteln, sind aber mehr denn je auch gehalten, durch Vergleiche und Beziehungsanalysen die Affinitäten und Unterschiede im wissenschaftlichen Austausch mit anderen zu ermitteln und zu formulieren.

Die Einrichtung eines Instituts für Islamische Theologie kann vor diesem Hintergrund ihrer wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Aufgabe nur durch ein interdisziplinäres Gespräch gerecht werden, das auf ihre theologische Grundlagenarbeit zurückwirkt. Die Berliner Hochschullandschaft bietet mit ihren Theologien, der Islamwissenschaft sowie dem breiten Spektrum an kultur-, regional- und sozialwissenschaftlichen Fächern überaus günstige, vielleicht einzigartige Bedingungen für eine hochschulische Anbindung und akademische Weiterentwicklung der ‚Islamischen Theologie‘.