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Das Newton-Spektrum und sein poetisches Gegenteil

Experimentum Lucis: Ausstellung und Experimentallabor

Seit dem Erscheinen der Farbenlehre Goethes im Jahr 1810 haben berühmte Köpfe der Berliner Universität in der Auseinandersetzung zwischen Goethe und Newton mitgemischt. Zum zweihundertsten Geburtstag der Universität greifen Künstler, Physiker und Wissenschaftstheoretiker diese Tradition auf und machen Berlin abermals zu einem bunten Zentrum im Farbenstreit.

An einem wunderbaren Tag mit blauem Himmel des Jahres 1666 bohrt der damals 23-jährige Isaac Newton ein winziges Loch in den Fensterladen seiner abgedunkelten Kammer, platziert hinter dem Loch ein Glasprisma und lässt einen weißen Sonnenlichtstrahl durchs Prisma fallen. Der Lichtstrahl wird beim Weg durchs Prisma (nach den seinerzeit bekannten Brechungsgesetzen) vom geraden Weg abgelenkt und auf die gegenüber liegende Wand geworfen. Newton beobachtet zweierlei: Der aufgefangene Lichtfleck ist nicht weiß, sondern regenbogenbunt, und nicht rund, sondern fünfmal so lang wie breit. Am einen Ende ist er blau, am anderen Ende rot; in der Mitte grün, mit fließenden Übergängen.

Wenn man sich nun den bunt gefärbten Streifen der Länge nach zusammengesetzt denkt, und zwar als Nebeneinander aus einem blauen, einem grünen und einem roten Farbfleck (und aus Farbflecken aller Zwischentöne), dann drängt sich der Verdacht auf, dass lauter verschiedenfarbige Lichtstrahlen das Prisma in leicht unterschiedlicher Richtung verlassen haben müssen. Das Prisma hat also den farblosen Lichtstrahl in verschiedenfarbige Lichtstrahlen zerlegt. Diese Theorie Newtons lernen die Kinder noch heute im Physikunterricht.

Johann Wolfgang Goethe will‘s nicht glauben. Vor zweihundert Jahren bringt er seine tausendseitige Farbenlehre heraus, voller Polemik gegen Newtons Theorie. Dies monumentale Werk ist genauso alt wie die Berliner Universität, und vielleicht ist es kein Zufall, dass sich berühmte Köpfe dieser Universität immer wieder schwungvoll in den Streit zwischen Goethe und Newton eingemischt haben. Philosophen wie Schopenhauer und Hegel ergreifen Partei für den Poeten, der Physiker Helmholtz widerspricht ihm – in jungen Jahren heftig, später milde. Und sogar der Rektor der Universität, du Bois-Reymond, der Begründer der Elektrophysiologie, fühlt sich 1882 bemüßigt, in einer Rektoratsrede gegen Goethe zu wettern und ihm vorzuwerfen, dass er keine Ahnung davon habe, wie empirische Wissenschaft funktioniert.

Das ist     nicht ganz richtig. Goethe hat überaus sorgfältig experimentiert und wichtige Schlüsse aus seinen Versuchen gezogen. Einer dieser Versuche hat es in sich. Statt einen Lichtstrahl durchs Prisma zu werfen (in einer dunklen Umgebung) wirft Goethe einen Schatten hindurch (umgeben von Sonnenlicht). Er vertauscht die Rollen von Helligkeit und Dunkelheit in Newtons Versuch, alles andere ändert er nicht. Große Überraschung: Wieder zeigt sich ein längliches Spektrum – aber das glatte Gegenteil von Newtons Spektrum, sein Komplement (gelb, purpur, türkis). Was folgt aus diesem Versuch? Hatte Newton etwa unrecht? Keine Sorge, Goethes Experiment lässt sich newtonisch erklären. Man kann aber, wenn man will, den Spieß umdrehen und sagen: Nicht weißes Licht, sondern Finsternis ist aus Strahlen verschiedener Farben zusammengesetzt.

Wissenschaftsphilosophen und -historiker, Künstler und Physiker haben sich zusammengetan, um der Sache auf den Grund zu gehen. Sie bieten der Berliner Öffentlichkeit zwei sensationelle Lichtinstallationen, die eine aus künstlerischer, die andere aus physikalischer Sicht mit allermodernsten optischen Mitteln.

Olaf L. Müller


Experimentum Lucis.
Ausstellung und Experimentallabor der Physiker Johannes Grebe-Ellis und Matthias Rang,
4. bis 12. und 24./25. September 2010, Lichthof im Hauptgebäude, Unter den Linden 6.
Vernissage: 4. September 2010, 19 Uhr. Täglich geöffnet von 16 bis 22 Uhr.
experimentum-lucis.de

Working Shade – Formed Light (A Serial Color Projekt). Lichtinstallation des Wiener Künstlers Ingo Nussbaumer: 8. September bis 8. Oktober 2010, Ehemalige Bauernmensa, Invalidenstraße 42.