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Veggie Days für die ganze Welt

Wie bekommen alle Menschen genug zu essen? Ein Institut erforscht, wie wir Ressourcen besser nutzen.

So funktioniert globale Landnutzung: Schweine in China werden mit Futtermitteln aus brasilianischem Soja gemästet. Für den Anbau von Soja wird großflächig tropischer Regenwald gerodet. Steigt der Fleischkonsum in China, steigt die globale Nachfrage an sojahaltigem Futter. Die Sojaproduzenten erschließen durch Rodung dann oft weitere Anbauflächen. Sie setzen Düngemittel ein und bewässern die Felder häufiger. Mit oft fatalen Folgen für das Ökosystem: Grundwasserverschmutzung, Artensterben oder die Verdrängung indigener Volksgruppen sind nur einige Beispiele. „Augenscheinlich fehlen alternative Konzepte, unseren steigenden Bedarf zu decken“, erklärt der HU-Geograph Patrick Hostert.

Umweltressourcen sind jedoch begrenzt. Dass die Erde schon heute durch solche landwirtschaftlichen Praktiken vielerorts übernutzt wird, steht außer Frage. „Es gibt aber Alternativen. Diese wollen wir aufzeigen.“ Patrick Hostert ist Sprecher des neuen Integrativen Forschungsinstituts zu Mensch-Umwelt- Transformationen, kurz IRI THESys. Gemeinsam mit seinen Kollegen aus der Ethnologie, den Agrarwissenschaften und der Philosophie erforscht er unter anderem, wie man den Ressourcenverbrauch und die Landnutzung optimieren kann. „Die Vereinten Nationen sagen bis 2050 eine Weltbevölkerung von 9,6 Milliarden Menschen voraus. Wenn wir mit unseren natürlichen Ressourcen so haushalten wie bisher, werden die Umweltschäden global massiv zunehmen.“

Hostert weiß, welche Aufgabe ihm und seinem Team dabei zukommt: „Ob wir Wege aufzeigen, wie der Sojabauer sein Land besser bewirtschaften oder der Schweinebauer seine Tierzucht sinnvoller gestalten kann, Fakt ist: Wir müssen umsetzbare Lösungen finden, die nicht nur kurzfristig Abhilfe schaffen, sondern auch langfristig einen echten Wandel in der Gesellschaft bewirken.“

Rein rechnerisch scheint die Sache eindeutig zu sein. Ein Hektar Kulturland mit Kartoffeln kann 17 Menschen ernähren. Die gleiche Fläche produziert aber nur genügend Futter, um Fleisch für zwei Personen zu erzeugen. Aus der Sicht von Olivier de Schutter, Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen zum Recht auf Nahrung, müssen sich gerade die reichen Länder darauf einstellen, weniger Fleisch zu essen, um langfristig die Ernährung aller Menschen sicher zu stellen.

De Schutter schlägt vor, den Fleischkonsum in den reichen Ländern wieder auf das Niveau des Jahres 2000 zu reduzieren, was einem Pro-Kopf-Verbrauch von 37,4 Kilo pro Jahr entspricht. Derzeit sind es schon 42,5 Kilogramm. Würde das Niveau des Jahres 2000 bis zum Jahr 2050 festgeschrieben, könnten genügend Flächen frei werden, um ungefähr 400 Millionen Tonnen Getreide für die menschliche Ernährung anzubauen. Das reicht, um 1,2 Milliarden Menschen mit ausreichend Kalorien zu versorgen. Ein Vorschlag, der bei vielen auf Widerstand stoßen dürfte. „Die Reaktionen der Menschen auf den Veggie-Day der Grünen im Bundestagswahlkampf zeigen, wie sensitiv diese Themen in der Bevölkerung aufgenommen werden“, sagt Hostert.

Das Wissen aus den Natur- und Ingenieurwissenschaften allein wird kaum ausreichen, die globale Ernährungsfrage zu lösen. Natürlich seien technologische Innovationen und veränderte Produktionsweisen unverzichtbar, sagt Hostert. „Aber gleichzeitig müssen wir einen Wertediskurs führen und unsere alltäglichen Handlungsmuster entsprechend anpassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir in Berlin, Brasilien oder China leben.“

Genau hier setzt die Transformationsforschung vom IRI THESys an. Naturwissenschaftlich- technisches oder auch ökonomisches Wissen wird um soziale und kulturelle Dimensionen erweitert. Der vom Menschen verursachte Klimawandel und die begrenzten Landressourcen bilden ein Bedrohungsszenario, bei dem viele Faktoren ineinandergreifen. Wie sollte also nur eine einzige Disziplin dieser Bedrohung etwas entgegensetzen können?

Im IRI THESys arbeiten daher Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaftler gemeinsam an Fragen zur Land- und Ressourcennutzung, zu Prozessen der Urbanisierung im 21. Jahrhundert und zu den Auswirkungen des Klimawandels und der Umweltgerechtigkeit. Beispielsweise ist die Frage „Tank oder Teller?“ laut Hostert wissenschaftlich längst nicht erschöpfend beantwortet. Die Wissenschaftler erforschen unter anderem, ob die vermehrte Erzeugung von Energie aus landwirtschaftlichen Rohstoffen global zu einer Verknappung von Lebensmitteln führt. „Wenn der Anbau von Biomasse zur Energieproduktion in Konkurrenz zum Nahrungsanbau steht, können echte Krisen entstehen“, erklärt Hostert.

Wie 2007 in Mexiko: Dort war der Preis für Mais innerhalb kurzer Zeit auf das Doppelte gestiegen und so für viele Mexikaner unbezahlbar geworden. Eine der Ursachen hierfür lag in der stark wachsenden Nachfrage an Bioethanol in den USA. Der Mais wurde zu Treibstoff verarbeitet, die weltweiten Maisvorräte knapp. Um herauszufinden, wie sich diese Krisen vermeiden lassen, müssten weltweite Erkenntnisse und Modelle auf regionaler Ebene überprüft werden, sagt der Geograph.

Der Umgang mit Ressourcen ist ein Thema, das die gesamte Gesellschaft betrifft. Daher wollen die Forscher in die gesamte Gesellschaft hineinwirken. Langfristig sollen etwa Schulen mit dem Thema „Nachhaltigkeit“ vertraut gemacht werden. Hierfür müssten die Curricula im Austausch mit Kollegen aus der Lehrerbildung angepasst werden, sagt Hostert. Der erste Schritt in diese Richtung ist getan: Soeben wurde ein Didaktiker mit Schwerpunkt auf Nachhaltigkeitsforschung an das IRI THESys berufen.

Susanne Cholodnicki