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„Wir müssen beweglicher werden“

Stefan Hornbostel leitet ein neues Institut, das die Qualität der deutschen Forschung untersucht


Herr Hornbostel, der Ruf nach Rechenschaft über die Leistung staatlich geförderter Wissenschaft wird immer lauter. Vor einem Jahr wurde das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung gegründet und sein Direktor als Professor an die HU berufen. War dies die Antwort auf den lauter werdenden Ruf?

Stefan Hornbostel
Foto: Heike Zappe
Die Gründung des IFQ ist eine der Antworten, sicherlich aber nicht die einzige. Schon in den 1980er Jahren hatte der Wissenschaftsrat mehr Transparenz und Vergleichbarkeit in der Forschung empfohlen. Seitdem sind die Anforderungen an alle Akteure in der Wissenschaft enorm gestiegen. Evaluationen, leistungsorientierte Mittelvergabe, internationales benchmarking stehen für eine immer stärkere Orientierung an Ergebnissen und Qualität. Öffentlichkeit und Politik schauen verstärkt darauf, wo die deutsche Forschung im Vergleich steht. Derartige internationale „Sichtbarkeit“ ist auch eines der zentralen Themen der Exzellenzinitiative. Aus dieser Situation resultieren nicht nur Anforderungen an die Forscher und wissenschaftlichen Einrichtungen, auch die Forschungsförderung und -politik ist betroffen und nicht zuletzt die Forschung selbst, wenn es darum geht, geeignete Messmethoden und Erhebungsverfahren zu entwickeln. Das IFQ engagiert sich zunächst im Bereich der DFG geförderten Forschung und der Methodenentwicklung.

Seit gut einem Jahr erforschen Sie nun die Forschung: Sowohl den einzelnen Stubengelehrten mit seinen Ideen als auch das international vernetzte Forscherteam. Wie vergleichbar sind Forschung und Forschungsergebnisse?

Grundsätzlich besteht ein Konsens unter Wissenschaftsforschern und Politikern, dass man nur Ähnliches vergleichen kann. So existieren etwa in den einzelnen Fachgebieten sehr unterschiedliche Kommunikationskulturen. Darauf greifen Wissenschaftsforscher zurück, wenn sie Leistung oder Erfolg messen.

Es gilt die Freiheit in Lehre und Forschung. Wie kann sich da jeder Forscher an Ihre künftigen Vorgaben halten?

Vorgaben sind nicht unsere Aufgabe. Wir entwickeln keine Forschungsevaluation, die die Forschungsleistung des Einzelnen bewertet. Wir beschäftigen uns auf mittlere Sicht mit der Forschungsförderung, also mit Fragen nach der Wirkung von Förderprogrammen, den Begutachtungsverfahren, der Nachwuchsförderung und mit den Forschungserfolgen von Gruppen und Einrichtungen.

Der Staat, die Unternehmen investieren in Forschung und erwarten Ergebnisse. Heißt das: Viel Investition gleich großer Ertrag?

Nein, aus mehreren Gründen ist dies leider nicht so einfach: Erstens ist Forschung immer eine riskante und zukunftsoffene Unternehmung. Zumindest Grundlagenforschung ist daher weit weniger kalkulierbar als eine normale ökonomische Investition. Am ehesten trägt die angewandte Forschung Züge von Planbarkeit, etwa wenn mit großem Maschineneinsatz DNS sequenziert wird. Allerdings werden die Grenzen zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung zunehmend unschärfer. Zweitens ist es gar nicht so einfach zu klären, was der Ertrag von Forschung ist: In produzierenden Unternehmen hat man klare Produkte: ein Kühlschrank, ein Auto. Das Produkt in der Forschung ist Wissen. Das kann man nicht sehen oder anfassen. Ein unsichtbares Produkt also, ein Ertrag, den man nur auf Umwegen messen kann.

Wie funktioniert das?

Wissen entsteht erst, wenn Erkenntnisansprüche kommuniziert, geprüft, in weiterer Forschung eingesetzt worden sind. Eine solche Nutzung ist innerwissenschaftlich beispielsweise an Zitaten erkennbar, beim Transfer in die Wirtschaft unter anderem an Patenten.

Wie steht Deutschland dabei im internationalen Vergleich da? Haben die anderen Länder bessere Forschung?

Man kann das so pauschal über alle Fachgebiete nicht sagen: Viele Forschungsbereiche spielen weltweit in der Spitzenliga. Andere Bereiche hinken hinterher. Ich denke, es besteht in Deutschland nicht grundsätzlich das Problem, Spitzenergebnisse zu produzieren. Allerdings wird der internationale Wettbewerb härter und vielfältiger mit Ländern wie China und Indien. Unsere Nachwuchsausbildung bringt einen erheblichen Output an exzellenten Nachwuchswissenschaftlern hervor, der von anderen Ländern durchaus geschätzt wird. Was wir jedoch vermehrt brauchen ist ein anregendes Klima für Forscher, eine erstklassige Ausstattung und natürlich auch individuelle Besoldungsspielräume. Nur alles drei zusammen motiviert ausreichend.

Wenn also – im Ergebnis Ihrer Arbeit – Mittel künftig effektiver eingesetzt werden könnten, haben wir dann in naher Zukunft mehr Nobelpreise in Deutschland?

Wenn ich Schamane wäre, würde ich sagen: Ja. Im Ernst: Der Nobelpreis ist eine besondere Form von Sichtbarkeit. Er pickt aus einer ähnlich qualifizierten Gruppe von Wissenschaftlern einen oder zwei, drei heraus. Wichtiger als der Nobelpreis selbst ist es, möglichst viele Wissenschaftler zu haben, die auf diesem Niveau arbeiten. Mit Theodor W. Hänsch hatten wir gerade einen Nobelpreisträger und unser wissenschaftliches Potenzial lässt durchaus Hoffnung auf weitere zu.

Mit welchen Methoden kann dies erreicht werden?

Ich glaube, wir müssen insgesamt beweglicher werden. Nehmen Sie zum Beispiel die sehr offenen Vorgaben der Exzellenzinitiative des Bundes: Viele Hochschulen hatten enorme Schwierigkeiten, neue Ideen zu liefern anstelle von Standardanträgen. Gleichwohl zeigen die Anträge, dass viel kreatives Potenzial vorhanden ist. Neben Geld braucht man also flexible Organisationsstrukturen statt lähmender Bürokratie, eine starke Qualitätsorientierung und die Bereitschaft, gute Forscher zusammenzubringen und möglichst frei arbeiten zu lassen.

Wird in Zukunft nur noch Spitzenforschung gefördert?

Das ist tatsächlich eine Gefahr, dass wir nur noch auf die Spitze schauen. Das wäre fatal. So wichtig ein Differenzierungsprozess im Hochschulsystem ist, so notwendig ist es, dass wir auch über regional und national ausgerichtet Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen verfügen. Wir wären schlecht beraten, wenn wir uns nur auf die international ausgerichtete Spitzenforschung konzentrierten. Differenzierung führt unweigerlich zu Ungleichheit. Noch ist das deutsche Hochschulsystem jedoch in hohem Maß von Gleichheitsvorstellungen und Regulierung bestimmt. Uns fehlt noch der selbstverständliche Umgang mit unterschiedlichen Forschungsprofilen, ohne daraus gleich eine Wertigkeitshierarchie zu machen.

Mit Stefan Hornbostel sprach Angela Bittner.

Stefan Hornbostel (51) leitet seit Oktober 2005 das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung in Bonn und ist Professor am Institut für Sozialwissenschaften der HU