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Bachelor im Schichtdienst

Straffe Stundenpläne, Zeit nur am Wochenende – wie Studenten in den neuen Studiengängen es dennoch schaffen, nebenbei zu jobben


Von Sören Kittel
„Das macht 12 Euro 90.“ – „Sorry?“ – „Oh, that’s twelve Euro ninety.“ Judith lächelt und reicht einen silbernen Fernsehturm aus Aluminium über die Ladentheke. Im Touristengeschäft am Brandenburger Tor sind noch immer viele potenzielle Kunden unterwegs. Es ist Montagabend, nach 22 Uhr. Judith entstaubt einige Schneekugeln mit Mini-Reichstag darin. „Morgen früh um acht sitze ich wieder in der Vorlesung“, sagt die 21-jährige Geschichts-Studentin der Humboldt-Universität. Auf dem Programm steht das ‚Integrative Einführungsmodul II’. „Da bin ich immer total müde“, sagt sie.

Judith ist eine von zwei Dritteln aller Studierenden, die laut Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks einen Nebenjob brauchen, um ihr Studium zu finanzieren. Für Studierende in den alten Magister- und Diplomstudiengängen war das noch eine vergleichsweise einfache Aufgabe: Sie mussten lediglich ihren Stundenplan mit ihrem Arbeitsplan abstimmen. Notfalls konnten sie zum „DiMiDo-Studenten“ werden – eben solche, die nur an drei Wochentagen in die Universität gingen.

Für die neuen Bachelor-Studierenden wie Judith ist die Woche strenger strukturiert. Wer zu oft fehlt, bekommt Minuspunkte oder muss gar ein Semester nachholen. Zudem werden nicht alle Kurse jedes Semester angeboten. Die Zahl der Pflichtstunden kann dadurch weniger selbst bestimmt werden. Wissen und Lesestoff werden regelmäßig überprüft – meist am Ende des Semesters. Das schränkt die Zeit zum Arbeiten für Bachelor-Studierenden gewaltig ein – wer möchte schon seinen Studienabschluss für den Nebenjob riskieren? Dafür haben allerdings nur wenige Arbeitgeber Verständnis. Ist Arbeiten in den Zeiten des Bachelor-Studiums überhaupt noch möglich?

Ja, sagt Katrin Kienel von der studentischen Sozialberatung der Humboldt-Uni – allerdings würden Studierende inzwischen stark darauf achten, dass ihr Studium nicht unter dem Job leide. „Wer kein Bafög oder ’Papafög’ bekommt, muss sich meist einen Nischenjob suchen“, sagt Kienel. „Nischenjobs“ sind Stellen, bei denen Studierende am Wochenende arbeiten können – oder die unter der Woche nach 16 Uhr beginnen: „Callcenter, Kellner oder Burgerbrater“.

So macht es auch Irina, Wirtschaftsstudentin an der Humboldt-Uni im 3. Semester. Sie studiert von Montag bis Donnerstag, an den übrigen Tagen kellnert sie im Café „Anna Blume“ im Prenzlauer Berg. Ein freies Wochenende kann sie sich buchstäblich nicht leisten. Sie bekommt zwar Bafög, aber davon allein kann sie ihren Lebensunterhalt nicht bezahlen.

Bisher hatte Irina fast keine Organisationsprobleme, aber im kommenden Wintersemester muss sie an fünf Tagen in die Uni. „Ich möchte trotzdem versuchen, ohne Spätschichten auszukommen. Ich muss für mein Studium morgens auf jeden Fall ausgeruht sein.“ Irina will auf gar keinen Fall ihr Studium verlängern.

Diese neue Studien-Disziplin fällt auch den Jobvermittlern auf: „Seit einiger Zeit kommen Studierende mit sehr genauen Vorstellungen zu mir“, sagt Ratko Djokic, Geschäftsführer der Jobvermittlung „Effektiv“. „So wollen sie nur am Wochenende arbeiten oder höchstens einen Tag in der Woche.“ Bis vor wenigen Jahren sah das noch ganz anders aus: Es sei nie vorgekommen, dass jemand wegen irgendwelcher Studienverpflichtungen einen Job abgelehnt hätte. Besonders zu Beginn der Semester denken immer weniger Studierende an einen Job, sondern vertiefen sich in die ersten Lektionen.

Die Studierenden haben mit einem weiteren Problem zu kämpfen: Für sie gibt es in den letzten Jahren immer weniger Jobs. Insgesamt sind bei „Effektiv“ rund 15 000 Studierende registriert. Das Angebot reicht von Zimmerreinigung in einem Berliner Hotel für 7,50 Euro pro Stunde bis zur redaktionellen Mitarbeit in einer medizinischen Zeitung für zehn Euro Stundenlohn. „In letzter Zeit sind vor allem in der Alten- und Krankenpflege Stellen frei geworden“, sagt Jobvermittler Djokic. Dort könne der Stundenlohn auch bis zu zwölf Euro erreichen.

Der größte und attraktivste Arbeitgeber für Studierende in Berlin ist angesichts der immer weniger werdenden Jobs mittlerweile die Universität. Insgesamt 1405 studentische Hilfskräfte arbeiten an der Humboldt-Universität. Der Großteil von ihnen kopiert Artikel, leiht Bücher aus, betreut Webseiten oder hält Seminare für Studienanfänger (Tutorien). „Sehr beliebt sind Stellen in der Bibliothek“, sagt Carmen Krause vom studentischen Personalrat, „da kommen bis zu 40 Bewerber auf eine Stelle.“ Viele vermuten, die fachlichen Voraussetzungen seien dort am geringsten. Dabei werden am liebsten Bewerber genommen, die über den jeweiligen Fachbereich und auch über das Inventarisieren Bescheid wissen. Und ganz nebenbei gelingt oft ein Blick hinter die Kulissen des Uni-Betriebs. Viele Studierende probieren als Tutor aus, ob für sie eine Uni-Karriere wirklich in Frage kommt.

Selbst wenn die Arbeit als studentische Hilfskraft manchmal eintönig ist, hebt der Lohn von 10,98 Euro pro Stunde die Arbeitsmoral. Studentische Beschäftigte in Berlin bekommen damit deutschlandweit den höchsten Stundenlohn. Zum Vergleich: Ihre bayerischen Kommilitonen verdienen durchschnittlich nur 6,50 Euro pro Stunde.

Solche Vorteile sind nicht zuletzt Verdienste der Arbeit des studentischen Personalrats. „Wir kümmern uns um die Rechte von an der Uni beschäftigten Studierenden: von Urlaub über Mutterschutz bis zum Arbeitszeugnis“, sagt Carmen Krause. Als eines von 13 Mitgliedern des studentischen Personalrats überwacht sie auch die Vergabe der Uni-Jobs von der Ausschreibung bis zum Bewerbungsgespräch.

Die Arbeit als studentischer Mitarbeiter hat einen großen Vorteil: Zwischen Arbeitsort und Seminarraum liegt meist nur eine kurze Strecke. Bachelor-Studierende sparen so wertvolle Zeit. Wie zeitaufwändig ein Studium ist, hängt aber nicht nur von der Art des Abschlusses ab – sondern auch vom einzelnen Fachbereich.

Einer der HU-Studiengänge, die als sehr arbeitsintensiv gelten, ist der Lehramts-Bachelor. Julius besucht einen solchen Studiengang. Er studiert im 3. Semester Geografie und Französisch mit Lehramtsoption. Der 21-jährige hat Glück und muss keine Miete zahlen; Julius wohnt noch zu Hause. Auch auf Jobsuche musste er sich nicht selbst begeben. Er kann für neun Euro Stundenlohn in der Anwaltskanzlei seiner Mutter arbeiten. „Doch selbst das nimmt viel Zeit in Anspruch“, sagt Julius und ergänzt: „Einen ‚Eins-Komma’-Schnitt zu erreichen, wird deshalb auf jeden Fall sehr schwierig.“ Schließlich wirkt sich im Unterschied zum Magister bei ihm jede Klausurnote auf das Bachelorzeugnis aus. Das erhöht nicht nur die Lernbereitschaft, sondern auch den Stressfaktor bei den Vorbereitungen.

Eine, die Erfahrung mit gestressten Studenten hat, ist Birgit Rominger, Psychologin beim Berliner Studentenwerk. „Generell lässt sich feststellen, dass der Druck auf die Studierenden in den letzten Jahren enorm zugenommen hat“, sagt sie. „Nur wenige haben bei einer 50-Stunden-Woche noch Zeit oder Nerven für einen Nebenjob.“ Zudem sorgten sich heute mehr Studenten, ob sie mitkommen oder zurückbleiben. „Jetzt kommen zum Beispiel schon Studierende zu uns in die Beratung, obwohl sie gerade einmal ein Semester im Rückstand sind“, sagt die Psychologin. Vor allem in den ersten Semestern sei der Stundenplan in den neuen Bachelor-Studiengängen anspruchsvoller geworden.

Doch nicht alle Studierende sprechen trotz Doppelbelastung von Stress. Lena wird in einem Jahr den Kombinations-Bachelor Philosophie / Deutsche Literatur abschließen. Bis dahin arbeitet die 21-Jährige zweimal pro Woche als Kassiererin – in einem Supermarkt und beim Basketballverein Alba-Berlin. Sie sieht in der Arbeit einen „sportlichen“ Ausgleich zu ihrem theorielastigen Studium, für das sie ein großes Lesepensum zu bewältigen hat.

„Natürlich würde ich am liebsten auf den Job verzichten und noch mehr Freizeit haben“, sagt Lena und fügt augenzwinkernd an: „Aber immerhin treffe ich so noch einmal ganz andere Menschen – und blicke nicht immer nur in andere müde Studenten-Gesichter.“