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„Ein Schrank voll mit Objekten ist noch keine wissenschaftliche Sammlung“

Welche Rolle die vielfältigen Schätze für die Universität spielen und warum sie immer populärer werden, erklärt Jochen Hennig


Modell der Larve eines Ringelwurms aus
der Zoologischen Lehrsammlung
Foto: Heike Zappe

Die Humboldt-Universität ist Mitglied der German U15, einem Zusammenschluss der großen, medizinführenden Universitäten Deutschlands. Zum fünften Jubiläum richtete die HU eine Festveranstaltung mit dem Thema „Potentiale von Universitätssammlungen“ aus. Im Mittelpunkt der Diskussionen am 5. Dezember 2017 stehen Konzepte für Lehrformate und Studiengänge, die sich explizit mit Sammlungen auseinandersetzen. Lesen Sie aus diesem Anlass ein Gespräch mit Dr. Jochen Hennig, dem Sammlungsbeauftragten des Präsidiums.

Herr Dr. Hennig, wie finden Sie die Pläne für das Humboldt-Labor im Humboldt Forum?

Hennig: Ich bin überzeugt, dass es eine richtige Entscheidung war, die Flächen flexibel zu halten und so immer wieder neue Einblicke in die Forschung geben zu können. Gut gefällt mir auch, dass die Sammlungen nicht komplett ins Humboldt Forum ziehen, denn sie gehören in die jeweiligen Institute, damit sie zugänglich und in den Wissenschaftsbetrieb eingebunden sind. Im Humboldt Forum sollen immer wieder Sammlungsbestände temporär gezeigt werden, was ich ebenfalls begrüße.

Das Lautarchiv wird als einzige der HU-Sammlungen fest ins Humboldt Forum einziehen. Wie groß ist so ein Lautarchiv?

Das Lautarchiv, das bisher am Kupfergraben im Institut für Musikwissenschaft untergebracht ist, umfasst als Kernbestand rund 6.500 Schellackplatten, die haben im Grunde auf 50 Quadratmetern Platz. Dadurch dass auch das Phonogramm- Archiv des Ethnologischen Museums ins Humboldt-Forum einzieht, wird die künstliche Trennung zwischen diesen beiden Archiven wieder aufgehoben. Während des Ersten Weltkriegs machte die Preußische Phonographische Kommission in Kriegsgefangenenlagern Sprachund Musikaufnahmen, von denen sich die Sprachaufnahmen auf Schellackplatten heute im Lautarchiv befinden, die Musikaufnahmen auf Wachswalzen im Phonogramm- Archiv. In Zukunft sind dann beide Sammlungen gemeinsam für Forschungs- und Ausstellungsaktivitäten zugänglich und können direkt aufeinander
bezogen werden.

Welche der Sammlungen ist Ihre Lieblingssammlung?


Bemalter Gipsabguss einer Kleinplastik aus
Palaikastro/Kreta aus der Sammlung des
Winckelmann-Instituts
Foto: Heike Zappe

Eine Lieblingssammlung möchte ich gar nicht nennen, mich freut es vor allem, wenn Objekte neu aufscheinen, was zeigt, wie gut es ist, dass die Dinge angefasst werden: Eine Studentin, Katharina Grosch, fand neulich bei den Recherchen zu ihrer Masterarbeit auf der Rückseite einer Schallplatte eine Rede von Kaiser Wilhelm II. aus dem Jahr 1904, von der keiner wusste, dass sie im Lautarchiv erhalten ist. Auch die damaligen Verbindungen zwischen den Aufnahmetätigkeiten in den USA und dem Lautarchiv konnte sie dabei erforschen, die Aktivitäten des amerikanischen Psychologen Edward Scripture kamen überraschend in den Fokus.

Was ist Ihnen am Wichtigsten, worum geht es beim Sammeln von Sammlungen?

Ein Stapel mit Büchern ist noch keine Bibliothek und so ist auch ein Schrank voll mit Objekten noch keine wissenschaftliche Sammlung. Es braucht Kategorien, Ordnungsprinzipien und Fragestellungen. Unsere Sammlungen sind ja äußerst disparat. Da gibt es präparierte Eidechsen, Dias, Briefe von Heiner Müller, tropische Zierpflanzen, Denkmäler, Holzmodelle von Kristallen oder eine über 2.000 Jahre alte Trompete aus dem heutigen Sudan.

Für uns war es in den letzten Jahren wichtig, Zuständigkeiten für die Sammlungen zu klären, auch wenn damit noch nicht alle Engpässe behoben werden konnten. Erst wenn die Sammlungen betreut und zugänglich sind, können neue Fragen durch die Nutzerinnen und Nutzer entstehen. Wichtig ist uns auch, mit sammlungsübergreifenden Ideen neue Perspektiven auf die Dinge zu entwickeln. Zum Beispiel über die Frage nach dem Status von Repliken oder von Serien und Serialität. Sind Serien in den Sammlungen prinzipiell endlos oder gibt es auch abgeschlossene, fertige Serien? Eine solche Perspektive schafft es, Sammlungen vergleichbar zu machen und das Disparate auch gemeinsam in den Blick zu nehmen.

Wie kam es zur Konjunktur der Dinge und der Sammlungen?

Von den Sammlungen aus gesehen, waren die 1970er Jahre wohl ein Tiefpunkt. In der Archäologie wurden sie als bürgerlich abgetan, teilweise wurden schon in den 1950er Jahren Gipsabgüsse sogar zerstört. Auch für die Zoologie galten die Präparate als überflüssiger Ballast – bestenfalls haben sich Einzelpersonen für die Bewahrung eingesetzt. Noch in den 90ern stand der Wert in Frage. Eine Wende gab es an der HU mit der Ausstellung Theatrum Naturae et Artis im Martin-Gropius-Bau im Jahr 2000, sie zeigte, was für vielfältige Schätze hier verborgen sind und dass sie spannende Geschichten über die Geschichte der Wissenschaft zu erzählen haben.

Das Interview führte Anne Tilkorn

Weitere Informationen

Kontakt

Dr. Jochen Hennig
Humboldt-Universität zu Berlin

Tel.: 030 2093-99133
jochen.hennig@uv.hu-berlin.de

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