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Refugees Welcome an der Humboldt-Universität

Naika Foroutan und Silvia von Steinsdorff sprechen über den Weltflüchtlingstag, Forschungsprojekte und die Angebote der HU für Geflüchtete

Anlässlich des Weltflüchtlingstag am 20. Juni 2018 haben wir mit Dr. Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik und Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) sowie Dr. Silvia von Steinsdorff, Professorin für vergleichende Demokratieforschung und die politischen Systeme Osteuropas am Institut für Sozialwissenschaften der HU, über den Weltflüchtlingstag, Forschungsprojekte und die Angebote der HU für Geflüchtete gesprochen.

Frau Foroutan, am 20. Juni findet alljährlich der Weltflüchtlingstag statt. Warum ist es  wichtig, dass es einen Gedenktag für Geflüchtete gibt?

Prof. Dr. Naika Foroutan
Prof. Dr. Naika Foroutan,
Foto: Nina Pieroth

Foroutan: Die Fluchtmigration nach Deutschland sowie das Erstarken rechtspopulistischer Parteien und Positionen dominieren zurzeit den gesellschaftlichen Diskurs. Oftmals werden die Debatten und Diskussionen zum Thema Flucht sehr emotionalisiert und unsachlich geführt. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist es wichtig, dass wir hierfür einen konstruktiven Umgang finden und auch die Perspektiven der Geflüchteten sichtbar gemacht und gehört werden. Weltweit befinden sich derzeit 65,6 Millionen Menschen auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Vertreibung. Der Gedenktag bietet die Möglichkeit, die Perspektiven der Geflüchteten und die Gründe, die zu einer Flucht führen, stärker sichtbar zu machen.

Woran forschen Sie derzeit?

Foroutan: Der Fokus meiner wissenschaftlichen Arbeit richtet sich sehr stark auf eine postmigrantische Analyse der Gesellschaft. Das Besondere an dieser Analyseperspektive ist es, über etablierte Trennlinien in der Sozialforschung hinauszudenken und die Gesellschaft als Ganzes in den Blick zu nehmen, statt sich auf etablierte Analysekonzepte von Migrantinnen und Migranten versus Nichtmigrantinnen und Nichtmigranten zu konzentrieren. In unserem aktuellen Forschungsprojekt gehen wir der Frage nach, inwiefern Erfahrungen, die Ostdeutsche machen, sich den Erfahrungen von migrantischen Personen in diesem Land ähneln. Dazu gehören Heimatverlust, vergangene Sehnsuchtsorte, Fremdheitsgefühle und Abwertungserfahrungen. Darüber wird bislang wenig gesprochen. Das Forschungsprojekt wird mittels einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage Analogien zwischen migrantischen und ostdeutschen Abwertungen und Stereotypen im gesamtdeutschen Einstellungsprofil erheben und analysieren, um daraus Schlüsse über die Haltung der Gesamtgesellschaft zu Rechten und Positionen von Minderheiten abzuleiten.

Welche Angebote gibt es beim BIM für Studieninteressierte mit Fluchthintergrund?

Foroutan: Das BIM bietet jedes Semester Kurse für Geflüchtete und andere interessierte Studierende in den Sozialwissenschaften zu Migration, Raum und Gender an. Die Seminare sind zweisprachig: Arabisch und Englisch oder Farsi und Englisch. Somit besteht auch die Möglichkeit, dass sich Interessierte auf ihren Herkunftssprachen aktiv in den akademischen Austausch einbringen können. Die Seminare wurden im Dezember 2016 mit dem Preis „Menschen mit Hintergrund“ der Universität Regensburg und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ausgezeichnet.

Am BIM angesiedelt ist auch die studentische Initiative „HU Welcome Tandems“, welche vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) im Rahmen des Programms „Welcome – Studierende engagieren sich für Flüchtlinge“ an der HU gefördert wird. Das Projekt bringt Menschen mit Fluchtgeschichte, die nach ihrer Ankunft in Berlin den Weg ins Hochschulsystem finden möchten, mit Berliner Studierenden gleicher Fachrichtungen zusammen. Darüber hinaus engagiert sich das BIM für verfolgte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen der Philipp-Schwartz-Initiative.

Frau von Steinsdorff, warum ist wichtig, dass es einen Gedenktag für Geflüchtete gibt? Insbesondere im Hinblick auf die derzeitige gesellschaftliche und politische Stimmung?

Als Politikwissenschaftlerin beunruhigt es mich ganz besonders, zu beobachten, wie sich selbst in etablierten, konstitutionellen Demokratien autoritäre, anti-liberale Tendenzen breit machen. Ich forsche seit Jahren zu solchen Re-Autokratisierungsprozessen in Osteuropa und der Türkei. Gerade das Beispiel Türkei zeigt uns dramatisch, wie schnell sich die politischen Verhältnisse verändern können. Letztlich kann jeder Mensch plötzlich gezwungen sein, seine Heimat zu verlassen. Der Gedenktag für Geflüchtete bietet eine gute Gelegenheit, sich diesen Umstand selbst vor Augen zu führen.

Prof. Dr. Sylvia von Steinsdorff
Prof. Dr. Silvia von Steinsdorff
Foto: Matthias Heyde

Welche Angebote bieten Sie Geflüchteten an der Humboldt-Universität?

von Steinsdorff: Meine Mitarbeitende und ich haben uns dazu entschlossen, unsere Expertise in der Betreuung internationaler Studierender zu nutzen und einen unserer internationalen MA-Studiengänge für Geflüchtete zu öffnen. Das dies trotz zahlreicher administrativer Hürden so schnell gelungen ist, liegt in erster Linie an dem beharrlichen Einsatz von Christian Wilhelm und Daniela Jahn aus der Geschäftsstelle für Internationale Masterprogramme am Institut für Sozialwissenschaften.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit der Öffnung des Studiengangs?

von Steinsdorff: Die Öffnung des Studiengangs ist kein "soziales Projekt", sondern eine rationale Möglichkeit, vorhandene Potentiale für die Humboldt Universität zu erschließen - und damit letztlich für unsere Gesellschaft zu nutzen: Junge, talentierte Menschen erhalten die Gelegenheit, zu studieren und dabei ihre ganz spezifischen Erfahrungen und Fähigkeiten fruchtbar zu machen. Das gibt den Geflüchteten ein Stück Normalität zurück und hilft der Aufnahmegesellschaft, die Individuen hinter den großen Zahlen von Neuankömmlingen zu entdecken.

Mittlerweile haben wir über 20 Studierende mit Fluchthintergrund in unseren Studiengang integriert. Besonders stolz sind wir darauf, dass alle, die das Studium angefangen haben, noch dabei sind und sehr gute Studienleistungen erbringen. Die ersten Studierenden schreiben zur Zeit ihre Masterarbeiten!

Die Fragen stelle Kathrin Kirstein

 


Die Humboldt-Universität bündelt unter dem Dach der Initiative „Refugees Welcome an der HU“ Angebote, die Geflüchteten den Zugang zur Hochschule, den Einstieg in Studium und Wissenschaft sowie den Alltag an der HU erleichtern wollen.

Zahlreiche Studieninteressierte mit Fluchthintergrund haben die speziellen Programme der Humboldt-Universität, wie HU4Refugees, Sprachkurse, die offene Sprechstunde für Geflüchtete sowie die Angebote der studentischen Initiativen wahrgenommen. Derzeit sind im Sommersemester 2018 vier Studieninteressierte mit Fluchthintergrund als Gasthörerinnen und Gasthörer eingeschrieben. Knapp 60 Geflüchtete nehmen derzeit an den Sprachkursen und am Programm HU4Refugees nehmen 40 Geflüchtete teil.

Das HU-Profil „Refugees Welcome an der HU“ umfasst drei Säulen:

  • Angebote für Studieninteressierte und Studierende mit Fluchthintergrund
  • Angebote für geflüchtete bzw. gefährdete Forschende
  • Wissenschaftliche Forschung zu Flucht und Migration.

Das Engagement der Humboldt-Universität zeichnet sich unter anderem aus durch einen zielgruppenübergreifenden Ansatz sowie eine enge bereichsübergreifende Zusammenarbeit und Vernetzung, ein starkes studentisches Engagement sowie eine besonders breite wissenschaftliche Expertise zu Flucht und Migration und Forschungsaktivitäten in und zu den Herkunftsregionen von Geflüchteten.

Seit Juni 2017 ist die HU Mitglied des internationalen Netzwerkes "Scholars at Risk" (SAR), in dem über 500 Hochschulen, Forschungsinstitutionen und andere Wissenschaftsorganisationen in 37 Staaten zusammenarbeiten, um gefährdete Forschende zu schützen und sich für wissenschaftliche Freiheit weltweit einzusetzen. Seit 2016 konnte die HU drei Philipp Schwartz-Stipendien an Forscherinnen und Forscher vergeben, die ihre wissenschaftliche Laufbahn in der Heimat aus politischen Gründen oder aufgrund von Bürgerkrieg unterbrechen mussten.

Weitere Informationen

Kontakt zum Angebot für studieninteressierte Geflüchtete

Dr. Jochen O. Ley
Humboldt-Universität zu Berlin

Tel.: 030 2093-70257
jochen.ley@uv.hu-berlin.de

Kontakt zu HU-Initiativen Refugees Welcome

Sarah Hartmann
Zentrale Ansprechpartnerin HU-Initiativen „Refugees Welcome“
Humboldt-Universität zu Berlin

Tel.: 030 2093-20092
sarah.hartmann@hu-berlin.de

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