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Vom Gesellschaftsleben der Objekte

Das Sommerthema 2019 widmet sich der Frage "Wie wollen wir zusammen leben?" Wir stellen Forscherinnen und Forscher vor, führen Interviews und suchen Antworten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, u.a. soziologisch, ethnologisch, wirtschaftswissenschaftlich und naturwissenschaftlich. In Folge 4 geht es um das deutsch-französischen Projekt Behavioral Matter. Hier erforschen Spezialistinnen und Spezialisten aus Kunst, Wissenschaft und Design die Materialien der Zukunft.

Was ist Material?

Unter einem Material stellte man sich in westlichen Gesellschaften bislang zumeist etwas Passives vor, das von fachkundigen Händen zu einem verwendbaren Objekt geformt und sodann als Gebrauchsgegenstand dem Menschen verfügbar gemacht wird. Dabei zeugt ein nicht unerheblicher Teil menschlicher Erfindungen vom technischen Ideal der Beständigkeit – etwa die Eisenbahn oder das Auto, die Sonne, Sturm und Regen trotzen. Was aber, wenn haltbare Objekte ihre Schuldigkeit getan haben und ausrangiert werden sollen? Dass sich bestimmte Arten des Produktdesigns negativ auswirken, lässt sich nicht zuletzt anhand der Berge kaum abbaubaren Plastikmülls erahnen, die sich auf Deponien in den ärmeren Weltregionen auftürmen, in den Weltmeeren zu Inseln formen und als Mikroplastik zurück in die Nahrungskette gelangen.

Patricia Ribault
"Wie kann ein Objekt zum Subjekt werden?" fragt
Prof. Dr. Patricia Ribault, Foto: Matters of Activity

Behavioral Matter

Die Frage nach nachhaltigeren Zukunftskonzepten in der Produktion ist eine, die Patricia Ribault und ihre Kolleginnen und Kollegen im Forschungsverbund Behavioral Matter umtreibt. Das Vorhaben ist dem Projekt Material Form Function angegliedert, Teil des Exzellenzclusters Matters of Activity und kooperiert mit drei französischen Partnereinrichtungen, darunter auch der École nationale supérieure des Arts Décoratifs (EnsAD Paris).

Was stört, ist gut

Was in der Produktion meist als störend empfunden und daher in der Regel gezielt unterbunden wird – Holz quillt bei Nässe auf, Eisen verformt sich bei Hitze – ist etwas, was der Forschungsverbund als Potenzial begreift. Die Veränderlichkeit der Materie soll genutzt werden, um so zu Entwürfen für weiche, anpassungsfähige und abbaubare Materialien zu kommen. Der Beantwortung der Frage, welche technischen und sozialen Folgen ein Gestaltungsansatz zeitigt, der passive Objekte durch Gegenstände mit Eigenleben ersetzt, widmet sich Behavioral Matter mit einer Reihe von Workshops, Tagungen und neuartigen Diskussionsformaten in Frankreich und Deutschland.

Toaster
Bitte interagieren Sie mit den Toastern!
Foto:  Olivain Porry  (EnsadLab / Reflective Interaction), 
Toasters, event “Nous ne sommes pas le nombre que nous
croyons être”, La Cité internationale des Arts, Paris, 2018

Scheuende Toaster

In einem Videoclip auf der Homepage des Kooperationspartners EnsADLab kommt die Vision einer belebten Objektwelt zu einem eindrucksvollen Bild: Hier bäumen sich robotisierte Toaster auf wie scheuende Pferde, schnellen mit lautem Knall zurück auf die Tischplatte, auf der sie der Künstler Olivain Porry drapiert hat. Auslöser dieser Aufwallungen sind Veränderungen in der Umgebungstemperatur. Wann diese Bewegungen stattfinden, ist für die Anwesenden nicht vorherzusehen, immer wieder schnellt ihr Blick hinüber zum Tisch, auf dem die eigentümlich agilen Geräte ihr Unwesen treiben. In diesen kurzen Szenen tritt das Potenzial „lebendiger“ Gegenstände deutlich zu Tage, unseren Blick auf Objekte und mit ihm unser Weltverhältnis zu verändern. Eigensinnige Toaster als Vorgeschmack auf mit Kompetenzen und Eigenimpulsen ausgestattete Gebrauchsgegenstände – hat diese Zukunftsvision nicht auch etwas Unheimliches?

Wie wird ein Objekt zum Subjekt?

Patricia Ribault lacht auf und strahlt, lässt sich zurück in ihren Bürostuhl fallen und kontert, dass es ja gerade diese Potenziale seien, die die Forschung im Cluster so spannend machten. Die Wissenschaftlerin ist Juniorprofessorin für Geschichte und Theorie der Gestaltung und eine der Koordinatorinnen von Behavioral Matter. „Was uns umtreibt, ist unter anderem die Frage, ob und wie ein Objekt zum Subjekt werden kann,“ erklärt die Forscherin. Ausgehend vom Begriff des Verhaltens sei ihr Ziel, die Vorstellung einer in belebte und unbelebte Objekte unterteilten Welt grundsätzlich in Frage zu stellen. „Statt Materie als etwas zu begreifen, das passiv von Menschen geformt und mit Funktionen ausgestattet wird, begreifen wir sie als handlungs- und anpassungsfähige Partnerin. Es geht uns darum, eine neue Perspektive einzunehmen und hierüber zu neuen Formen des Denkens und Designens zu kommen.“

Schleimpilze mit Gefühlen

Eben solche neuen Formen erprobten die Forscherinnen und Forscher jüngst bei einem aufwändig gestalteten Workshop: Im Centre Georges Pompidou empfingen Patricia Ribault und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter Teilnehmende aus aller Welt, hatten in der Vorhalle des Pariser Kunst- und Kulturzentrums Arbeitsplätze eingerichtet, an denen drei Tage lang in zwölf Kleingruppen getüftelt, gedacht und experimentiert wurde. Hier trafen Künstlerinnen und Designer auf Studierende und Forschende aus Natur-, Ingenieurs- und Geisteswissenschaften, experimentierten mit Schleimpilzen oder druckten neuartige Reissorten am 3D-Drucker. Auch wurden ein Internet der Tiere und die Frage diskutiert, ob es Menschen möglich ist, die Gefühlsregungen von Pflanzen wahrzunehmen. Begleitet und live übertragen wurden die interdisziplinär gewonnenen Fragestellungen und Erkenntnisse im Rahmen eines eigens dafür eingerichteten, mobilen Radioprogramms. „Zu den über neunzig Teilnehmenden aus einundzwanzig Institutionen kamen all die Besucherinnen und Besucher des Centre Georges Pompidou, die sich um uns scharten und uns mit Fragen löcherten. In manchen Momenten mussten wir die Arbeit unterbrechen, um dieser immensen Resonanz Rechnung tragen zu können,“ freut sich die Wissenschaftlerin.

Sezierte Kunstwerke

Disziplinäre Grenzen zu überwinden und so zu neuen Sichtweisen zu gelangen, das ist auch Ziel eines weiteren Formates, mit dem Behavioral Matter im kommenden Jahr das Tieranatomische Theater in Berlin bespielen wird. Bei Dissect versammeln sich Experten unterschiedlicher Fachrichtungen um einen runden Tisch, diskutieren ergebnisoffen und vor Publikum. Seziert werden hier allerdings nicht Leichen oder Tierkadaver, sondern zeitgenössische Kunstwerke, die auf die Entwürfe des preisgekrönten Londoner ecoLogicStudio für Umweltdesign zurückgehen. „Wir stellen diese Objekte zur Diskussion und verbinden hierbei den fachlichen Ideenaustausch mit Darstellungspraktiken des Theaters. Die Reihe geht auf eine Formatidee unserer Kollegen Samuel Bianchini und Emanuele Quinz zurück.“

Eine neue Logik

„Mit Behavioral Matter begeben wir uns auf die Suche nach zukunftsweisenden Gestaltungsprozessen und neuen Formen der Interaktion zwischen verschiedenen Spezies – ob künstlich oder natürlich,“ resümiert Patricia Ribault und fügt hinzu, dass die Natur hierbei eine der wichtigsten Informationsquellen sei. „Perspektivisch wollen wir lebensähnliche und hybride Systeme schaffen, die nachhaltig und nicht oder nur in geringem Ausmaß von gezielter Energiezufuhr abhängig sind.“ Im Zentrum stehe dabei der Prozess des Gestaltens selbst. „Wie geben wir Form und wie übersetzt sich unser Ansatz in die Objekte, die wir schaffen?“ Ziel sei es, die Logik von Industrie- und Designprozessen von Grund auf zu verändern, sagt die Forscherin. „Die Materialien der Zukunft werden nicht fest und starr sein, sondern flexibel, weich, multifunktional und anpassungsfähig.“ Eben so, wie das Leben selbst.

Autorin: Nora Lessing

Sommerthema 2019: Wie wollen wir zusammen leben?

Folge 1 mit der Ethnologin Prof. Dr. Silvy Chakalakkal: "Ich gehe davon aus, dass Zeit nicht einfach da ist."

Folge 2 mit dem Soziologen Prof. Dr. Steffen Mau: Erkundungen in der ostdeutschen Heimat

Folge 3 mit dem Makroökonomen Prof. Marcel Fratzscher (PhD): Für einen starken Sozialstaat

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