Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Presseportal

Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Themen | „Wir müssen nicht alle miteinander befreundet sein, aber nebeneinander leben können“

„Wir müssen nicht alle miteinander befreundet sein, aber nebeneinander leben können“

In unserer zweiten Folge der Schwerpunktserie zur Stadtentwicklung sprechen wir mit der Stadtsoziologin Talja Blokland

Talja Blokland
Prof. Dr. Talja Blokland, Foto: privat

Folge 2: In unserer Schwerpunktserie zur Stadtentwicklung sprechen wir mit Forscherinnen und Forschern der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) über die unterschiedlichen Perspektiven ihrer Forschungsarbeit auf die Stadt. Prof. Dr. Talja Blokland ist Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie am Institut für Sozialwissenschaften und Mitglied des Vorstands des Georg-Simmel-Zentrums für Metropolenforschung an der HU und erzählt von ihren Fragen und ihrem methodischen Ansatz.

Frau Blokland, was ist eigentlich Stadtsoziologie?

Talja Blokland: Stadtsoziologie ist der Teil der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften, der sich insbesondere mit der Stadt und städtischen Phänomenen beschäftigt: er versucht Ideen zu generieren, die die urbane Realität verstehen und erklären können. Die Hamburger Band Kettcar hatte mal gesungen ‚Nur weil man sich so dran gewöhnt hat, ist es nicht normal‘. Das In-Frage-Stellen von dem, was offensichtlich und selbstverständlich, also ‚normal‘ erscheint, ist meiner Ansicht nach eine Aufgabe der Sozialwissenschaften allgemein. Die Stadt provoziert Fragen über Quartiere und ihre Effekte, Wohnen, städtische Lebensstile, urbane Sicherheit. Stadtforschung allgemein, wie wir das im Georg-Simmel- Zentrums verstehen, umfasst alle Disziplinen der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften. Alle gemeinsam – Soziologie, Politik, Geografie, Geschichte, Ethnologie – wollen wir diese Fragen beleuchten.

Was für Fragen sind es, die Sie stellen?

Man könnte diese Fragen entlang zweier Dimensionen ordnen: immer wieder enthalten sie die vertikale Dimension der Ungleichheit in Ressourcen und die horizontale Dimension der Diversität, des Zusammenhalts und kultureller Exklusion. Ich begreife die Stadt als ein formales Ganzes von Institutionen, Verwaltung und Organisationen mit ihren Logiken auf der eine Seite und den Alltagslogiken, die die Menschen in der Stadt entwickeln, auf der anderen Seite. In unterschiedlichen Projekten fragen wir danach, wie Menschen ihre urbanen Leben organisieren und wir unterscheiden dabei diese zwei Logiken. Die eine ist die der Verwaltung, die Nutzungspläne macht, die andere ist die der Alltagspraktiken, mit denen sich die Menschen Orte aneignen. Die inhärente Spannung von institutioneller Logik und dem „Doing the City“ kann in allen Disziplinen, mit Blick auf Berlin oder international, in Abidjan wie in Sao Paulo oder Istanbul – Städte, wo unsere Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler arbeiten – Gegenstand unserer Forschung sein.

Dieses Interesse an den zwei Logiken hängt mit der Vorstellung zusammen, dass unterschiedliche Quartiere auch unterschiedliche Ressourcen bieten. Quartiere unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Institutionen, hinsichtlich dessen, was für normal gehalten wird, darin, wie man mit einander lebt und welche Ressourcen man in einem Stadtteil organisieren kann. Momentan beschäftigt mich insbesondere die Frage, welche Selbstverständlichkeiten in der Stadt herrschen. Was wird als so selbstverständlich erfahren, dass es nicht mehr hinterfragt wird? Solche angeblichen Selbstverständlichkeiten sind normative Erwartungen, die zur Ungleichheit und zur Verstetigung der Ungleichheit beitragen.

Jetzt brauchen wir Beispiele.

Talja Blokland: Ein ganz konkretes Beispiel können wir einem Zeitungsartikel zur Kita-Debatte festmachen: Ganz nebenbei stand da, dass manche Kinder noch nicht mal eine Schere festhalten können, wenn sie in der Schule kommen. Dabei wird vorausgesetzt, dass ein Kind, wenn es in die Schule kommt, eine Schere halten können müsste, als wäre das selbstverständlich. Das ist es aber gar nicht: zu einer anderen Zeit oder auch in anderen Teilen der Welt ist es das nicht. Ohne abstreiten zu wollen, dass es auch Verwahrlosung gibt, ist das, was Kinder mit sechs Jahren mit in die Schule bringen, vielleicht nicht das, was die Mehrheitsgesellschaft als relevant definiert hat. Was auffällt ist, dass der Ton in so einer Debatte schnell von Missachtung geprägt ist. Schnell werden da Labels wie ‚bildungsferne Eltern‘ angewendet.

Wir fragen nun, welche Bedingungen spielen für diese Annahme eine Rolle? Und wie sind diese Ressourcen, die ein Kind braucht bis es eine Schere fest halten kann, eigentlich verteilt? So braucht das Kind soziales Kapital, das heißt jemand muss sich für das Kind Zeit nehmen können und ihm erklären, wie es geht. Zweitens ist ökonomisches Kapital dabei, die Schere muss gekauft werden. Drittens spielt kulturelles Kapital mit hinein: eine Schere festhalten zu können, hat eben in dem institutionellen Kontext der Schule Relevanz. Das Kind braucht also Erwachsene, die dieses kulturelle Wissen um die Relevanz haben. Der Erwachsene muss wissen, was für implizite Erwartungen Schulen haben. Implizit genau deshalb, weil sie für selbstverständlich gehalten werden und deswegen nicht direkt zugänglich oder direkt sichtbar sind. In einem Projekt, wo wir mit Müttern in unterschiedlichen Stadtquartieren sprechen, versuchen wir zu verstehen, welche Rolle das Quartier spielt, wie man solche Ressourcen einsetzen kann, und welche Ressourcen verwertet werden können, also als Kapital gesehen werden. Unsere Hypothese ist, dass es in verschiedenen Quartieren verschieden ist.

Interessant ist zum Beispiel auch die Frage, ob in unterschiedlichen Bezirken unterschiedlich damit umgegangen wird, wenn ein Kind in der Schule nicht still sitzen kann. In einem bevorzugten Bezirk wird das Problem vielleicht eher individualisiert. Das Kind braucht dann eine Therapie, damit es werden kann wie alle – ausgehend von einem sehr eindimensionalen Verständnis von einem ‚normalen Kind‘. Im benachteiligten Bezirk könnte es so sein, dass im Lehrerzimmer oder beim Jugendamt schneller gesagt wird, naja, in diesem Kiez sind die Kinder alle so. In unterschiedlichen Projekten erarbeiten wir Bausteine, um diese normative Dimension eines Bezirks – also die Frage, welche Erwartungen und Selbstverständlichkeiten dominieren, welche Ansprüche implizit an Familien gestellt werden, ohne dass jemand sie jemals einfordert – zu erforschen und zu verstehen.

Welche Bezirke untersuchen Sie?

Talja Blokland: Wir vergleichen momentan für die Frage nach dem Organisieren der Ressourcen für Kinder in der Stadt die Erfahrungen von Müttern in Zehlendorf, Wedding, Alt-Glienicke und Mahlsdorf. In einem Projekt, das die Rolle der Nachbarschaft für soziale Netzwerke untersucht, werden wir bald in Marzahn, Neukölln und Lichterfelde unterwegs sein. In der Vergangenheit haben wir die Ressourcen der Migrantinnen und Migranten aus Subsahara-Afrika im Wedding und anderen Stadtteilen untersucht, dann die von Mädchen mit türkischem Migrationshintergrund in Neukölln, und von „mittelschicht-bio-deutschen“ Familien in Lichterfelde und Kreuzberg. Für letztere zwei Bezirke stand für uns die Frage im Fokus, wie die Wahlfreiheit des Wohnorts eine Ressource für Bildungschancen herstellt: Diese Wahl ist am einfachsten für Menschen, die viel für das Wohnen ausgeben können. Dazu haben die Master-Studierenden Hannah Schilling, Carlotta Giustozzi und Daniele Krüger mit mir das Buch ‚Creating the Unequal City‘ veröffentlicht.

Fragen der Alltagslogik und der institutionellen Logik spielen auch eine zentrale Rolle in dem Projekt, für das das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg auf uns zugekommen ist. Es beschäftigt sich mit zwei Orten, die als kriminalitätsbelastet gelten. Ein Teil der Jugendlichen dort macht keine Ausbildung, findet auch keine Ausbildungsplätze, da sie immer abgelehnt werden, oder ist von der Schule verwiesen worden. Über solche Jugendliche wird teilweise das Urteil gefällt, sie seien „unbeschulbar“ – wahrscheinlich ein Wort, das es nur im Deutschen gibt, und schon viel darüber sagt, wie wir hier Schule verstehen. Die Stadtsoziologie zeigt dann erneut, dass Standard-Perspektiven einfach gewechselt werden können und wir auch sagen könnten: Die Schule – und damit meine ich dann Lehrerinnen und Lehrer, Schuladministration, Lehrplanvorgaben, Klassenzimmergröße, Mitschülerinnen und Mitschüler, Anfangszeiten, und so weiter, aber vor allem auch die normativen Selbstverständlichkeiten und für normal gehalten Hierarchien – bietet offenbar kein Klima, wo jeder lernen kann.

In Kreuzberg habe ich aber vor allem mit meinem Mitarbeiter Vojin Serbedzija mit den Jugendlichen vor Ort gearbeitet und versucht, und neben ihnen zu stehen und aus ihrer Perspektive auf die Stadt zu schauen: Wie sehen sie die Lage in ihrem Kiez, was beschäftigt sie und wie ist ihr Bezug zu ihrem Kiez. Dabei stehen unsere Fragen erstmal gar nicht fest, sondern die Jugendlichen erzählen uns, wie sie sich mit dem Ort identifizieren. Da sie in anderen Bezirken rassistisch beleidigt würden, wie zum Beispiel in Zehlendorf, blieben sie teilweise lieber in ihrem Kiez. Bemerkenswert ist, wie kompliziert das Thema schnell wird und wie ganz andere Dinge plötzlich als Forschungsfeld auftauchen. So erklärte einer der Jugendlichen, dass er in Spandau einmal rassistisch angepöbelt worden war und seine Erklärung dafür war, dass das ja mal die DDR gewesen sei. Die Rhetorik, dass Rassismus ein Problem des Ostens sei, ein zur Zeit dominanter Diskurs, hat er offenbar internalisiert – wie viele Menschen in Berlin, die Rassismus an den Ostbezirken verorten und so selbst eine weitere Art der Ausgrenzung und Generalisierung vornehmen. Dabei liegt Spandau ja in West Berlin.

Ein weiteres Projekt, das wir gerade anbahnen, beschäftigt sich mit der Frage, wie die Logik der städtischen Interventionen in den Kreativsektor in Oberschöneweide sich zu den Alltagserfahrungen der Menschen, die seit langem an diesem Ort wohnen, verhält. Es entwickelt sich da eine post-industrielle Landschaft, die allerdings die Konsequenzen der De-industrialisierung im Alltag nicht unbedingt reflektiert. Mit meinem Kollegen Sebastian Juhnke haben wir dort mit ersten Interviews angefangen, um zu hören, aus welcher Alltagslogik der Ort erfahren wird.

Sie haben gesagt, auch der soziale Zusammenhalt ist ein wichtiges stadtsoziologisches Thema. Warum?

Talja Blokland: Es gibt zwischen der horizontalen und der vertikalen Ebene der Sozialstruktur einer Stadt klare Verbindungen: Ressourcen werden ja nicht nur über Geld definiert. Dazu kommt, dass städtisches Leben sehr geprägt ist von dem, was wir im öffentlichen Raum erfahren, und unsere Alltagsbegegnungen beeinflussen, wie wohl wir uns in der Stadt allgemein oder in unserem Quartier fühlen. Das ist Thema in meinem letzten Buch, ‚Community as Urban Practice‘. Denn auch in Bezug auf den Zusammenhalt müssten wir vielleicht bestimmte Selbstverständlichkeiten öfter hinterfragen. Zum Beispiel die These, dass Nachbarn eng mit einander in Kontakt sein müssen für ein Sicherheitsgefühl, eine These, die viele Kiezprojekte, Nachbarschaftsaktivitäten und so weiter beeinflusst. Schon im meiner früheren Arbeit in den USA und den Niederlanden ging es, wie bei den Kreuzberger Jugendlichen auch, um Identifikation mit der eigenen Nachbarschaft und die Frage nach dem Sicherheitsgefühl. In Amerika habe ich gelernt, dass Anwohnerinnen und Anwohner eines so genannten ‚Ghettos‘ sich in einem objektiv unsicheren Ort – einem Ort mit hoher Kriminalitätsrate – sicherer fühlten als in anderen Orte, wo die Kriminalitätsraten aber viel niedriger waren. Warum? Die Antwort lautet, wenn ich einschätzen kann, wer da unterwegs ist, und weiß, was ich von wem zu erwarten habe, dann ist mein individuelles Sicherheitsgefühl höher. Das bedeutet, wenn ich den Anderen einordnen kann, wenn es immer der gleiche Mensch ist, den ich auf der Parkbank sehe, oder wenn ich oft rausgehe und Menschen wiedererkenne, wenn eine publike Familiarität, wie ich das mit einem Fachbegriff nennen würde, entsteht, dann wächst mein Sicherheitsgefühl und zwar ganz ohne dass ich den Anderen wirklich persönlich kennen und mögen muss.

Was bedeutet das ihrer Ansicht nach für die Zukunft der Stadt?

Viele Ansätze, die die Quartiere besser machen möchten, wollen, dass ich die Anderen zuerst kennenlernen muss, ich muss mit ihnen beim Nachbarschaftsfest grillen und dann muss ich sie mögen und wir freunden uns an, und so ergibt sich dann Zusammenhalt. Tatsächlich reicht aber, auch oder vor allem wenn Metropolen sehr divers sind, eine Art von Respekt und gegenseitige Anerkennung der Präsenz. Man muss, um ein Gefühl der Sicherheit zu haben, weder gleich sein, noch muss man sofort miteinander befreundet sein. Eine Stadt der Zukunft kann eine Stadt mit sicheren Kiezen sein, wenn wir diese ‚minimale‘ Form des Zusammenhalts auch wenn wir bauen und planen immer mitdenken.

Das Interview führte Dr. Anne Tilkorn.

Schwerpunktserie Zukunft der Stadt

Folge 1: Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba über Integration, gemischte Stadtgesellschaften, Heimat, Berlin und die Zivilgesellschaft