Direkt zum InhaltDirekt zur SucheDirekt zur Navigation
▼ Zielgruppen ▼

Humboldt-Universität zu Berlin

Universität – Sprache – Museum

Zukünftiges zu Wilhelm von Humboldts 250. Geburtstag

Wilhelm von Humboldt
Abbildung: Heike Zappe

... Und nichts enthielt mehr Zukunft als Humboldts Vorstellungen
von der Universität. Sie waren ja damals nichts anderes als
Ansichten eines Kommenden:

Die Universität dient einzig der Wissenschaft. Wissenschaft ist eine zweidimensionale Aktivität, deren eine Seite die Prinzipien Einsamkeit und Freiheit sind und deren zweiter Pol ein „ungezwungenes und absichtsloses Zusammenwirken“ der forschenden Menschen ist. Meist ist nur vom Ersten die Rede, von Einsamkeit und Freiheit. Und das finden dann viele irgendwie elitär, individualistisch und überholt. Das Zweite, das Zusammenwirken, ist jedoch ebenso essenziell für die Wissenschaft. Wie ist das zu verstehen?

Nun, es bedeutet, dass Wissenschaft eine Tätigkeit, eine Energeia, ist wie die Sprache, die Humboldt das „bildende Organ des Gedanken“ oder – performativ gefasst – die „Arbeit des Geistes“ nennt. Auch die Wissenschaft ist eine Arbeit des Geistes, strukturell der Sprache parallel. Die erste Aufgabe der Sprache ist nämlich die Bildung des Gedanken, also die kognitive Erschließung der Welt. Der Mensch schafft sein Denken mittels der Sprache oder anders gesagt: Er denkt die Welt durch Sprache. Das tut – nach einem berühmten Satz Humboldts, in dem Herder nachklingt – „der Einzelne in abgeschlossener Einsamkeit“. Aber der denkend-sprechende Mensch braucht immer den anderen Menschen, der ihm zuhören muss, der sein Wort verstehen muss, der ihm antworten muss. Erwiderung und Ant-Wort sind mit der Rede und dem Wort untrennbar verbunden: „der Mensch sehnt sich ... auch zum Behuf seines bloßen Denkens nach einem dem Ich entsprechenden Du“. Zum Behuf seines bloßen Denkens! Es handelt sich also nicht nur um Kommunikation, um die Mitteilung des Gedachten. Das Denken selbst, die Produktion von Gedanken und Erkenntnissen, bedarf des anderen. Humboldt nennt dieses „Zusammenwirken“ den „unabänderlichen Dualismus“ der Sprache.

Diese Grundgedanken seiner Philosophie der Sprache als Arbeit des Geistes im Dreieck von Ich, Welt und Du sind die Grundlagen der Universität. Sie sind das Zukünftige. ...

 

Auszug aus der Festrede zum Neujahrsempfang an der Humboldt-Universität zu Berlin am 2. Februar 2017 von Prof. Dr. Jürgen Trabant, Professor emeritus für Romanische Philologie und Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften