Die Produktion von Chronizität im Alltag psychiatrischer Versorgung und Forschung in Berlin
Auf einen Blick
DFG Sachbeihilfe
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Projektbeschreibung
Im Zentrum des Projektes steht eine detaillierte ethnographische Beobachtung von medizinischen Klassifikationspraxen, um deren Wirkung auf das Verständnis von Krankheit in medizinischen Einrichtungen sowie auf das Krankheitserleben von Betroffenen zu verfolgen. Ziel ist, durch eine genaue Analyse der alltäglichen Praxen medizinische Klassifikationen auf neue Weise kritisch thematisieren zu können. Gerade die umstrittene Klassifikation „chronisch psychisch krank“ bedarf aus mehreren Gründen einer solchen ethnografischen Analyse: Bei der Klassifikation handelt es sich trotz ihrer häufigen Verwendung um keine medizinisch eindeutig definierte Diagnosekategorie, sondern um eine unscharfe Klassifizierung, die erst in einem Geflecht aus klinischen, wissenschaftlichen, sozialrechtlichen, ökonomischen und politischen Praxen sowie PatientInnenalltagen ihre Brisanz erfährt. Hierbei ist die vage Klassifikation „chronisch psychisch krank“ an machen Schnittstellen mit ganz konkreten Konsequenzen verbunden, nicht zuletzt dort, wo sie PatientInnen Zugang zu medizinischen, sozialtherapeutischen und finanziellen Ressourcen eröffnet. Ferner beeinflusst sie als Zuschreibung wesentlich das Krankheitsverständnis von MedizinerInnen, Pflegenden, PatientInnen und Angehörigen und wirkt sich somit nachhaltig auf Behandlungspfade und die Einschätzung von Therapiemöglichkeiten aus. Die Herstellung von Chronizität in der Psychiatrie wird daher als Prozess untersucht. Dabei wird insbesondere die Stabilisierung dieser Klassifikation in alltäglichen Praxen innerhalb und außerhalb der Institution beleuchtet. Mit dem Blick auf Praxen, d.h. der Art und Weise wie Menschen, Wissen und Materialitäten in Beziehung gesetzt und hervorgebracht werden, folgt das Projekt praxisorientierten Ansätzen der neueren empirisch-ethnographischen Wissenschaftsforschung. Das empirische Arbeitsprogramm fokusiert auf drei für die Fragestellung zentrale Bereiche: (A) medizinisches Versorgungsystem und Forschung; (B) komplementäre Versorgungseinrichtungen; (C) privater Alltag der Betroffenen außerhalb der Institutionen. Damit leistet das Projekt auch einen Beitrag für die Analyse der Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Lebenswelt und bringt die Perspektive der Sozialanthropologie in den Diskurs der Psychiatrie ein.
Projektleitung
- Person
Prof. Dr. Jörg Niewöhner
- Institut für Europäische Ethnologie