Tagung zum kulturellen Profil der jüdischen Gemeinden, Speyer, Worms und Mainz (Veranstaltung, 01.-03.10.2013, Worms)
Auf einen Blick
Fritz Thyssen Stiftung
Projektbeschreibung
Ziel der Tagung ist es, das »Narrativ« der drei im Mittelalter seit dem 13. Jh. mit dem Akronym Kehillot SchUM benannten jüdischen Gemeinden in den drei Städten Speyer, Worms und Mainz nachzuzeichnen. Damit soll die Bedeutung dieser drei Orte im Be-wusstsein ihrer ehemaligen jüdischen Bewohner und in der historischen Erinnerung bis in die Gegenwart dargestellt werden. Der Ruf der drei Gemeinden ist allgemein durch ihre rechtlich führende Rolle im aschkenasischen Judentum, vor allem vom 13. bis 14. Jahr-hundert verbreitet, eine Zeit, in welcher hier in mehreren Synoden die sogenannten Takka-not-SchUM (Rechtserlasse) promulgiert wurden. Demgegenüber ist das ausladende Kor-pus an erzählender Literatur in Rede, Lied und Brauchtum kaum bekannt. Auch wenn von den bei der Tagung auftretenden Gelehrten schon zahlreiche Einzelstudien zum Thema vorgelegt wurden, ist doch noch nie der Versuch unternommen worden, ein Gesamtbild der Kultur und des kulturellen Bewusstseins dieser drei Gemeinden bis herab in das Ge-dächtnis in der modernen hebräischen Literatur zu erarbeiten. Der aktuelle Anlass, die vom Antragsteller selbst, von den Kooperationspartnern und den eingeladenen Referenten schon in zahlreichen Einzelstudien vorbereiteten Forschungen nunmehr auf die drei genannten Städte zu fokussieren und durch hier vorzutragende neue Erkenntnisse zu erweitern, ist der vom Land Rheinland-Pfalz beabsichtigte Antrag bei der UNESCO, die drei Gemeinden in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO eintragen zu lassen. Der Antragsteller und die beteiligten Wissenschaftler vertreten wie viele andere Fachgelehrte die Auffassung, dass die kulturelle Bedeutung eines Ortes in erster Linie durch das Wort, durch die Erzählung und durch die Zuschreibung von Werten geschaffen, propagiert und erinnert wird. Das er-zählende Wort ist im Falle der drei SchUM-Städte umso bedeutungsvoller als die architek-tonischen jüdischen Relikte – etwa im Vergleich zu den christlichen Monumenten der drei Städte - eher bescheiden sind. Aber auch für die großen christlichen Denkmäler gilt, dass deren ästhetisches Zeugnis allemale des erläuternden und deutenden Narrativs bedarf, da-mit ihre Bedeutung für die Gemeinschaft wie für den Einzelnen erkannt wird.
Als eine der wichtigsten Quellen für die Erforschung der Bedeutung dieser drei – neben Köln - ältesten jüdischen Gemeinden auf deutschem Boden dienen die zahlreichen jüdi-schen Legenden in hebräischer und jiddischer Sprache – ab dem 19. Jh. auch in Deutsch, in denen das Selbstbewusstsein, die Identität und die Ortsbindung (Topophilie) der Men-schen dieser Gemeinden zum Ausdruck kommen – dies gilt für die drei Gemeinden bis herein in das Gedächtnis der jüdischen Gegenwart.
Um die Bedeutsamkeit gerade der Volkserzählungen für das Selbstbewusstsein einer Stadt und ihrer Bewohner weiß jeder Reisende, der sich bei der Ankunft an einem Ort über das Was und Wesen der Stadt zu orientieren versucht. Eine der stets und meist zuvörderst angebotenen Information sind die Ortslegenden, die häufig das die kollektive Identität der Ortsbewohner bestimmende Fundament sind. Wichtig zu betonen ist an dieser Stelle, dass zum Beispiel das Wormser Narrativ aus dem Munde von Katholiken, von Protestanten und von Juden jeweils ganz verschieden ist und außerdem auch noch zwischen mystisch ge-stimmten und aufgeklärten Juden differiert, als beträfen diese Narrative ganz unterschiedli-che Orte. Dies wirkt sich aus bis hinein in die Lexika und Lehrbücher. Man vergleiche et-wa die Darstellung von Worms im katholischen Kirchlichen Lexikon von 1912 mit dem protestantischen Kompendium der Kirchengeschichte von K. Heussi von 1960 und dem Jüdischen Lexikon von 1927:
Themen
Projektleitung
- Person
Prof. i.R. Dr. habil. Christina Braun
- Direktorium / Geschäftsstelle