Der Bakteriologe im Kimono

Robert Koch und seine Frau Hedwig in Japan
Koch, der seit Jahren an Angina pectoris litt,
wollte sich in Japan erholen. Gemeinsam
mit seiner 30 Jahre jüngeren Künstler-Gattin
Hedwig wollte er seinen Freund Kitasato
Shibasaburo wiedersehen und dessen Heimatland
kennenlernen. Am 26. Juni 1908
übermittelt der deutsche Botschafter von
Mumm dem Fürsten von Bülow in Berlin:
„In der japanischen Presse hat Professor
Koch geradezu begeisterte Würdigung gefunden.
Die ‚Hochi Shimbun’ brachte am
Tage seiner Ankunft nebst seinem Bildnisse
sogar einen deutschen Begrüssungsartikel.
Die ‚Chuo’ spricht die Hoffnung aus, dass
der berühmte Gelehrte auch Gelegenheit
nehmen werde, die in Japan eigentümlichen
Krankheiten, namentlich Kakke (Beri-
Beri), zu studieren. Nicht nur Japan sondern
die ganze medizinische Welt würde
ihm für Forschungen auf diesem Gebiet
Dank wissen. Die ‚Jiji’ feierte ihn als einen
Wohltäter der Menschheit, dessen Entdeckungen
auch Japan zu gute kämen, und
die ‚Yamato Shimbun’ geht schliesslich soweit
zu sagen, dass es wohl keine Übertreibung
wäre, Koch mit den grössten Männern
der Weltgeschichte, Christus, Buddha
und Konfuzius, zu vergleichen.’“
Der Privatbesuch wurde zum Triumphzug
für den Gast und die wissenschaftlich wie
öffentlich erfolgreiche Bakteriologie gleichermaßen.
Schon bei Kochs Ankunft in Yokohama waren alle Straßen mit deutschen
Flaggen geschmückt, auf jedem
Bahnhof, an dem Kochs Zug fortan Halt
machte, hatten sich Hunderte von Menschen
versammelt. Nie wieder ist ein Deutscher
in Japan so enthusiastisch empfangen
worden, vom einfachen Bürger über die
Ärzteschaft, höchste Regierungsvertreter
bis hin zum Tenno. Das im Robert-Koch-
Museum aufbewahrte Fotoalbum der Reise
mit den Konterfeis von 621 Japanern,
die sich als direkte oder indirekte Schüler
Kochs betrachteten, spricht für sich.
Koch wurden persönlich und stellvertretend
alle Ehrungen zuteil für den enormen Anteil,
den die deutsche Medizin am Aufbau
eines Gesundheitssystems und der Entwicklung
medizinischer Forschungen geleistet
hatte – wenngleich zu einem Zeitpunkt, als
sich die japanische bereits emanzipiert hatte.
Auf Robert Kochs Japan-Reise überreichte
ihm der Tenno in einer Audienz eine silberne
Schale. Für eine Kabuki-Vorstellung
übersetzte Mori Ogai das Programmheft
ins Deutsche. Am Vorabend seiner Abreise
gab der Präsident der japanischen Staatsbank
ein Abschiedsdinner in japanischem
Stil, bei dem Koch und seine Frau in japanischer
Kleidung erschienen.
Vier Jahre nach dem Besuch kehrte Hedwig
als junge Witwe nach Japan zurück, um in
Kamakura einen Koch-Gedenkstein einzuweihen.
Sie, der man in Japan so manchen
kulturellen Fauxpas nachsagte, sorgte gemeinsam
mit Kitasato für die bis heute anhaltende
Verehrung Kochs in Japan und die
Archivierung seiner Reise-Erinnerungen,
die sie später dem Robert-Koch-Museum
in Berlin übereignete. Jährlich am 27. Mai,
an Kochs Todestag, wird am Koch-Kitasato-
Schrein eine feierliche Gedenkzeremonie
abgehalten.
Beate Wonde