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Das Museum der Zukunft bietet mehr als ein Naturalienkabinett

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

Alles, was auf der Welt ist

Das Museum der Zukunft bietet mehr als ein Naturalienkabinett

Von Hannelore Hoch und Ulrich Zeller

Gigantische Dinosaurier, seltsame Versteinerungen und prächtige Mineralien - der erste Eindruck, der sich dem Besucher beim Betreten eines klassischen Naturkundemuseums bietet, ist geprägt vom morbiden Charme vergangener Zeiten und Welten. Die Vielgestaltigkeit der belebten und unbelebten Natur erschließt sich nämlich erst auf den zweiten Blick, und nur wenigen Besuchern wird bewusst, dass "hinter den Kulissen" unermessliche Schätze lagern: So verfügt das Museum für Naturkunde über immense Sammlungen von rezenten und ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten. Allein die zoologische Sammlung des Museums für Naturkunde zu Berlin umfasst heute etwa 25 Millionen Exemplare. Sie bilden dennoch nur einen winzigen Ausschnitt der heutigen Biodiversität (30 bis 100 Millionen Arten), denn würde das Museum für Naturkunde sich zum Ziel setzen, alle Arten von Tieren (ohne Mikroorganismen), die gegenwärtig auf der Welt leben, in einer ausreichenden Zahl von Exemplaren zu beherbergen, müsste das Gebäude wahrscheinlich die Fläche von ganz Berlin einnehmen.

LöffelenteDa Arten immer wieder neu entstehen und vergehen (aussterben), ist die Zahl der Arten, die jemals auf der Erde existiert haben, naturgemäß noch viel größer als die Zahl der heute Lebenden; sie wird auf 50 Milliarden geschätzt. Und so wird die Erforschung der Geschichte des Lebens ausgedehnt auf eine Erforschung der Erde überhaupt. Offensichtlich waren und sind in unserem Sonnensystem nur auf der Erde die Voraussetzungen für die langfristige Evolution lebender Organismen gegeben. Zweifellos ist hierfür auch die geochemische Grundlage entscheidend, bis hin zu der Vermutung, dass die Reaktivität von Mineraloberflächen und die Wechselwirkung von Mineralien mit ihrer Umgebung für die Entwicklung des Lebens von Bedeutung waren. Auf der anderen Seite werden physikalische und chemische Faktoren der Umwelt durch die Biosphäre in vielfältiger Weise verändert (zum Beispiel Biomineralisation, biologische Gesteinsbildung). Naturkundemuseen mit ihren zoologischen, paläontologischen und mineralogischen Sammlungen sind somit Zentren der Evolutionsforschung. Erklärtes Forschungsziel in diesem Zusammenhang ist es auch, die Dynamik biologischer Vielfalt im Wandel von Umwelt und Nutzung, besser zu verstehen und die Stellung des Menschen im Rahmen des Lebendigen exakter zu definieren. Die daraus abzuleitenden Handlungsziele bilden die Grundlage für einen verantwortungsvollen, auf Langfristigkeit angelegten Umgang des Menschen mit der Vielfalt des Lebens. Dieser neuen Idee einer umfassenden Darstellung des Regelwerks der belebten und unbelebten Natur muss auch eine moderne Konzeption der Ausstellungen gerecht werden. Den Besuchern soll heute weniger etwas präsentiert, vielmehr sollen sie aktiv einbezogen werden in den Prozess der Erkenntnisgewinnung. Dabei wird auch die scharfe Trennung von Schausammlung und (bisher dem Publikum kaum zugänglicher) wissenschaftlicher Sammlung mehr und mehr verwischt und der Kontakt zwischen Publikum und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gefördert und intensiviert. Die Planungen für die umfassende Sanierung des Museums für Naturkunde in Berlin orientieren sich bereits an diesen Entwicklungen. So existiert das Naturkundemuseum der Zukunft schon teilweise in der Gegenwart. Es ist alles andere als ein ausschließlich auf Sammeln und Archivieren ausgerichtetes, großdimensioniertes Naturalienkabinett, sondern es handelt sich um ein mit den entsprechenden theoretischen und infrastrukturellen Voraussetzungen ausgestattetes modernes Forschungsinstitut, dessen Relevanz für die Beschreibung und damit letztendlich für die Erhaltung der natürlichen Ressourcen der Menschheit nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Dinosaurier, Fossilien und Mineralien - sie werden auch im Naturkundemuseum der Zukunft ihren Platz haben - aber nicht als Kuriositäten, sondern als integrale Bestandteile unseres Verständnisses von der Entwicklung der Erde und der Evolution des Lebens.

Beide Autoren sind Professoren am Institut für Systematische Zoologie.

Abb: Diese Löffelente kam vor über 200 Jahren aus dem Brandenburger Umland in die Berliner Sammlung. Foto: MfN

Tagesspiegel-Sonderseiten : Humboldt-Uni
10. April 2004

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