Auf der Avenida der Vulkane
Rußwolken, brüllende Motoren und stockender Verkehr können zu Humboldts Zeiten noch nicht der dominierende erste Eindruck von Quito gewesen sein. Doch aus den einfachen Maultierpfaden der späten Kolonialzeit, auf denen Alexander von Humboldt von Bogotá aus in die heutige Hauptstadt Ecuadors gelangte, sind die Ausfallstraßen der modernen Metropole geworden. Heute drängeln sich hier Unmengen Busse, Taxis und Privatautos rücksichtslos voran. „Es werden immer mehr Autos, weil die Leute sehr leicht Kredite dafür bekommen“, erzählt mir ein entnervter Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen ins Hotel am Rande der blendend weiß getünchten kolonialen Altstadt.
Auf der Suche nach Spuren der Humboldtschen Reise und der Realität seiner Zeit wird man in Ecuador erst auf den zweiten Blick fündig. Im Gegensatz zu anderen Ländern Lateinamerikas, die einen wahren Kult um den deutschen Naturforscher pflegen, muss man in dem Land, dessen Vulkane Alexander von Humboldt so bewunderte, etwas länger und genauer nach den Zeichen seiner Präsenz vor nunmehr über 200 Jahren suchen. Die großen Humboldt-Denkmäler hingegen wurden in Havanna, Mexico City, Caracas, New York und anderswo errichtet.
Auf den Pfaden Humboldts: Im Spätsommer dieses Jahres bereisten zehn HU-Angehörige – Studierende, Wissenschaftler und Alumni – Ecuador, um dort anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Universität das Wirken des Forschungsreisenden Alexander von Humboldt nachzuverfolgen. „Im Stadtmuseum steht Humboldts Feldbett, und es gibt dort auch noch ein paar seiner Instrumente“, sagt Bettina Kühn. Die Leiterin der Humboldt-Gesellschaft in Quito gibt uns einen ersten Hinweis auf Greifbares. Tatsächlich finden wir dort das spartanische Möbel, das sich in eine schwere Holztruhe einklappen lässt. Der restaurierte Innenhof des ehemaligen Hospitals aus dem 16. Jahrhundert versetzt uns tatsächlich ein wenig in die Zeit zurück, in der Quito noch ein beschauliches Städtchen von 16 000 Einwohnern war, in der Baron von Humboldt sich mehrere Monate im Kreise des sich gerade von Spanien emanzipierenden liberalen Bildungsbürgertums aufhielt.
Während unserer dreiwöchigen Exkursion knüpfen auch wir Kontakte im Rahmen eines Symposiums an der Pontifícia Universidad Católica del Ecuador, einer der größten des Landes. Dort können wir die großartigen Sammlungen zur Flora und Fauna Ecuadors bestaunen. Einige der gepressten und archivierten Pflanzen wurden von Humboldt erstmals erfasst. In vielen Gesprächen stellt sich heraus, dass der Einfluss von Humboldts Arbeit heute natürlich nur noch indirekt wirkt, aber von den Forschern weiterhin als inspirierend wahrgenommen wird.
Mit großem Aufwand und persönlichem Einsatz bestieg der forschungsreisende Preuße einst die sich im ecuadorianischen Hochland in kurzem Abstand aneinanderreihenden Berge der „Avenida der Vulkane“. Zumindest versuchte er es, denn die Höhenluft auf 2800 Metern Höhe und darüber macht den Bergsteigern heute wie damals zu schaffen. „Ich hab’ totale Kopfschmerzen“, entfährt es einem unserer Expeditionsteilnehmer, als wir auf halber Gipfelhöhe des Corazón, der 4800 Meter misst, angelangt sind. Dann bleibt nichts anderes übrig als umzukehren, denn die Höhenkrankheit kann lebensgefährlich werden, wenn man ihre Symptome ignoriert.
Über seine persönlichen Höhenerfahrungen am Chimborazo schrieb auch der jüngere der Humboldt-Brüder: „Wir fingen nun nach und nach an, alle an großer Übelkeit zu leiden. Der Drang zum Erbrechen war mit etwas Schwindel verbunden und weit lästiger als die Schwierigkeit zu atmen.“ Zum Glück ist der Corazón nur ein „Eingehberg“. Die großen Ziele Humboldts waren der Cotopaxi und der Chimborazo. Keinen der beiden Gipfel hat er erreicht, doch seine Naturbeschreibungen haben dennoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen und indirekt dazu beigetragen, dass sich die Bewohner der königlich spanischen „Audiencia de Quito“ als Bewohner eines fest umreißbaren, „eigenen“ Landstriches fühlen konnten. Nicht umsonst schrieb der Unabhängigkeitsheld Simon Bolívar später über Humboldt, dieser sei „der wahre Entdecker Amerikas“ gewesen. Neben seinen Verdiensten um die Naturwissenschaften hat der Forschungsreisende also auch Prägungen in der politischen Geschichte Lateinamerikas hinterlassen.
Was Humboldt am Cotopaxi nicht erreichte, erleichtern uns Funktionsfasern, Gletscherbrillen und wärmende Bergschuhe. Über steile Halden aus weichem, rötlichem Vulkangestein steigen die drei Seilschaften unserer Exkursion um zwölf Uhr nachts zum Gipfel auf. „Wenn man nicht um spätestens sieben Uhr morgens den Gipfel erreicht, wird es für den Abstieg zu spät, dann weichen die Schneebrücken über den Gletscherspalten auf, und es wird unsicher“, erklärt uns unser Bergführer Cristián. Im wilden Schneetreiben und mit klammen Fingern erreichen wir den Gipfel. Das Gipfelfoto wird gemacht, ein kurzes Verschnaufen, dann sofort der Abstieg, der zwar weniger Ausdauer, aber dafür mehr Kraft und Konzentration erfordert.
Am Chimborazo einige Tage später wird es wieder ein steiler nächtlicher Aufstieg. Kleine Schneeflocken rieseln in einer fast windstillen und mondbeschienenen Nacht auf uns hernieder. Unser Bergführer gibt das Tempo vor. Zwei weitere am Ende der Gruppe unterhalten sich bis auf 5500 Metern Höhe unentwegt über Fußballergebnisse und Familienklatsch – während unsere Gruppe schnaufend vorantrabt. Akklimatisierung an große Höhen ist eine langwierige Sache. Auf 5700 Metern Höhe ist für uns Umkehren angesagt: Der Schneefall wird immer stärker, Motivation und Temperatur sinken langsam aber stetig, und auch das Material zeigt bei manchen Schwächen. In dieser Nacht schafft es keine von insgesamt drei Gruppen auf den Hauptgipfel. So ereilt uns dasselbe Schicksal wie einst unser Vorbild. Wir können ansatzweise nachspüren, was Humboldts „Versuch, den Gipfel des Chimborazo zu ersteigen“, bedeutete und fragen uns gleichzeitig, wie er und seine Gefährten mit ihren Mitteln überhaupt soweit kommen konnten.
Zurück am spärlich glimmenden Kamin der Berghütte sind wir dennoch froh über das Erreichte und dass wir nicht auf dem Rücken von Mauleseln über Feldwege, sondern in einem rußenden, aber gut gefederten Kleinbus auf einer frisch geteerten Straße ins nahe Ríobamba zurückkehren können. Manch allzu realistischen Eindrücken der Vergangenheit möchte man zweihundert Jahre nach Alexander von Humboldt nicht nachspüren müssen.