„Als Lehrerin große Schwester sein“
Frau Yalman, welche Probleme haben Studierende nichtdeutscher Herkunft an unseren Universitäten?
DILEK YALMAN: Es sind vor allem die vielen wissenschaftlichen Facharbeiten, die man plötzlich in perfektem Deutsch schreiben muss. In der Schule wird es nicht geübt, an der Universität aber vorausgesetzt. Da schrecken viele Migrantenkinder vor einem Studium zurück. Doch diesen Jugendlichen sage ich: Hey, schaut mich an, es ist machbar!
MigraMentor möchte diese Situation ändern. Herr Kipf, welches Projekt verbirgt sich hinter dem Begriff?
STEFAN KIPF: Wir möchten einen Mentoringkreislauf für Schüler mit Migrationshintergrund schaffen, um sie für den Lehrerberuf zu gewinnen. Geschultes Lehrpersonal soll in der Oberstufe nach geeigneten Schülern Ausschau halten. Diesen Schülern wollen wir durch gezielte Förder- und Beratungsmaßnahmen den Übergang von der Schule in die Universität erleichtern – bis hin zum Referendariat.
Und das Ziel ist eine gute Quote?
KIPF: Das politische Ziel ist natürlich die Erhöhung der Quote. Das soziale und wissenschaftliche Ziel ist dagegen die Schaffung von Strukturen, um auch über den Förderzeitraum hinaus Schüler mit Migrationshintergrund für ein Lehramtsstudium zu begeistern.
Wie genau wollen Sie die Schüler für den Lehrerberuf erwärmen?
KIPF: Die Humboldt-Universität hat viele Kooperationen mit Berliner Schulen. Wir werden interessierte Schüler identifizieren, betreuen und ihnen die Skepsis nehmen, indem sie Schülergesellschaften besuchen, in erste Seminare reinschnuppern und Studenten kennenlernen, die sie jederzeit gerne beraten. Es geht uns nicht um einige Hochglanzveranstaltungen, sondern um dauerhaften Erfolg.
YALMAN: Dafür müssen wir vor allem Vorbilder schaffen. Lehrer müssen begeistert sein von ihrem Fach und das ihren Schülern auch zeigen. Dröger Unterricht motiviert sicherlich kaum einen Abiturienten, sich selbst für ein Lehramtsstudium zu entscheiden. Ein Lehrer, von dem die Schüler gelangweilt sind, möchte doch niemand ein Leben lang sein.
In Ihrer Freizeit unterstützen Sie Migrantenkindern mit Schulproblemen. Sind Sie mehr Lehrerin oder Vertrauensperson?
YALMAN: Beides! Ich unterstütze Schöneberger Migrantenkinder regelmäßig bei den Hausarbeiten und sammle so selbst auch wertvolle Praxiserfahrung für meinen späteren Unterricht. „Frau Yalman“ gibt es dort nicht. Für „meine Kinder“ bin ich Lehrerin, große Schwester und Freundin in einer Person. Ich bin noch ziemlich jung und verstehe die Probleme der Jugendlichen wahrscheinlich besser als ein Lehrer kurz vor der Pension; ob Liebeskummer oder Pubertätspickel. Eine meiner Schülerinnen will auch unbedingt Lehrerin werden. Ich bestärke sie darin. Es ist wichtig, im Leben Ziele zu haben. Das müssen Lehrer vermitteln.
Derzeit haben ein Drittel der Schüler, aber nur ein Prozent der Lehrkräfte in Deutschland einen Migrationshintergrund. Woran liegt es, dass sich so wenig Migranten für ein Lehramtsstudium interessieren?
KIPF: Die Politik hat sich um das Thema bisher nicht gekümmert und die „faulen Säcke“ von Gerhard Schröder wirken immer noch nach. Es ist wichtig, den Lehrerberuf attraktiv zu machen. Dafür müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. In Berlin werden junge Lehrer schlecht bezahlt und gehen nach Bayern oder Hamburg. Aber darauf können wir nur hinweisen und den Politikern ständig auf die Nerven gehen, ändern können wir es nicht.
YALMAN: Es liegt oft auch an den Eltern. Der Lehrerberuf genießt unter Migranten kein gutes Ansehen. Meine Eltern hätten es auch lieber gesehen, dass ich Jura studiere oder in die Wirtschaft gehe. Gerade bei den Eltern muss man Bildungsarbeit leisten und ihnen erklären, dass der Lehrerberuf mehr zu bieten hat, als vor einer Klasse voller Rabauken zu stehen. Anbieten würden sich Infoveranstaltungen für Eltern und Schüler in Botschaften, bei denen das deutsche Schulsystem und die Lehrerausbildung an lebenden Beispielen wie mir – gerne auch auf Türkisch und fern ab der Universität – vorgestellt werden.
Viele Migranten sprechen nur schlecht Deutsch. Darf man das bei der Lehrerausbildung zugunsten einer besseren Quote ignorieren?
KIPF: Nun, es ist ja kein Naturgesetz, dass Studierende nichtdeutscher Herkunftssprache automatisch mehr Fehler machen. Bisweilen können selbst Muttersprachler nicht zwischen Subjekt und Prädikat unterscheiden – auch an der Universität. Was diese Frage betrifft, können wohl Migranten wie Muttersprachler von dem Projekt profitieren.
Was versprechen Sie sich langfristig von dem Projekt?
KIPF: Dass Schüler, die für ein Lehramtsstudium brennen, die nötige Unterstützung finden, wirklich gute Lehrer zu werden.
YALMAN: Ich hoffe, die Leute erkennen, dass es auch erfolgreiche Migranten gibt und so die Einsicht wächst, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, in dem Migrantenkinder keine Ausnahme, sondern Teil der Gesellschaft sind – und eben auch die Schule mitgestalten.
Was, wenn ein deutscher Schüler sich für das Projekt interessiert?
KIPF: Den nehmen wir natürlich auch. Gute Lehrer braucht das Land immer.
YALMAN: Stimmt.
Das Gespräch führte Constanze Haase.