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Humboldt-Universität zu Berlin | Presseportal | Die HU im Humboldt Forum | Aktuelles | Das konstruierte Riff: Korallen aus Kuba

Das konstruierte Riff: Korallen aus Kuba

Die Korallen aus Kuba lagern im Museum für Naturkunde
Foto: Matthias Heyde

Noch kein Jahrzehnt nach der kubanischen Revolution begaben sich 1967 Wissenschaftler und Präparatoren des Instituts für Spezielle Zoologie und des Zoologischen Museums der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) an die Küste Kubas. Ein zehn Meter breiter Riffabschnitt sollte originalgetreu für das Berliner Publikum in die Hauptstadt der DDR gebracht werden. Doch bald änderten sich die Pläne. Es sollte nicht mehr ein originales Riff geborgen werden, sondern besonders ansprechende Korallen und Fische gesammelt und zu einem „typischen Abbild“ zusammengesetzt werden. Mit Hammer, Meißel, Presslufthammer und Harpune, unter Mobilisierung enormer Ressourcen brach die Mannschaft acht Wochen zusammen mit fünf Sporttauchern der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) der DDR und Kollegen des Ozeanographischen Instituts der Kubanischen Akademie der Wissenschaften die verschiedenen Korallen aus unterschiedlichen Formationen des Riffs heraus, fing Fische und andere Organismen.

Öffentliche Inszenierung des Abbaus

Das Zoologische Museum und das Institut für Spezielle Zoologie wurden 1968 zum Museum für Naturkunde an der HU zusammengefasst. Das Riff sollte die Hauptattraktion des Museums werden, das sich nach starker Kritik neu profilieren wollte. Schon der Abbau war eine öffentliche Inszenierung. Ein Team der DEFA begleitete die Expedition und präsentierte sie in dem Film „Telegramm aus Cuba“ als ambitioniertes technisches, sportliches und wissenschaftliches Unternehmen – ein Moment nationaler Aneignung von „unserem Riff“. Die kubanische Beteiligung am Projekt, die nur durch den 1962 geschlossenen Freundschaftsvertag zwischen HU und der Universidad de La Habana zustande gekommen war, blieb dabei weitgehend unsichtbar.

Ein Diorama zum Jahrestag der DDR

Koralle
Hirnkorallen lassen sich schwer vermehren und werden nach wie
vor häufig aus Korallenstöcken herausgeschlagen, was den
Mutterstock stark schädigt. Foto: Matthias Heyde

Die zwischen sechs und zehn Tonnen schwere Korallenfracht wurde jedoch nicht innerhalb der dafür veranschlagten zwei bis drei Jahre zu der freistehenden Riff-Wand verarbeitet, sondern erst viel später – und in deutlich kleinerem Umfang – zu einem Diorama gestaltet, das das Museum für Naturkunde im Oktober 1974 als Hauptattraktion einer Sonderausstellung zum 25. Jahrestag der DDR präsentierte. Es war das imposanteste Exponat der Sonderausstellung „Forschung im Museum“ und ein Publikumsmagnet. Mit ihm konnte das Selbstverständnis des Museums als Forschungseinrichtung mit dem politischen Anspruch der Volksbildung versöhnt werden, auch wenn die Expedition nie als Forschungsunternehmen angedacht gewesen war. „Die Zerstückelung und Desintegration des Riffs ermöglichte dessen Neuzusammensetzung zu einem ‚Wunschriff‘ und seine Reintegration in neue ideelle und politische Zusammenhänge. Indem attraktiv scheinende Korallen aus unterschiedlichen Riffteilen gepflückt und ausgewählt wurden und Exemplare, die bisher nicht nebeneinander lagen, zusammengebracht wurden, wurde der Bau eines Riffs möglich, das nicht den Regeln von Evolution und Ökologie, sondern den Erfordernissen des Museums folgte“, beschreibt Manuela Bauche, die sich mehrere Jahre als Mitarbeiterin des Museums für Naturkunde mit diesem Objektkonvolut im Rahmen der Forschungsgruppe Mobile Objekte am Exzellenzcluster „Bild Wissen Gestaltung“ der HU auseinandergesetzt hat.

Der Großteil blieb in den Kisten

Kisten aus Havanna
Zwischen sechs und zehn Tonnen Korallenfracht wurden von Kuba
nach Berlin verbracht. Der größte Teil blieb verpackt in
den Transportkisten. Foto: Matthias Heyde

Das Diorama war wiederum als Vorarbeit zu einer größeren Riffkonstruktion geplant, die aber nie realisiert wurde. Ein überwiegender Teil der gesammelten Korallen und Exponate blieb verpackt in Transportkisten. Erst 2000 führte es das Museum der Sammlung „Marine Invertebraten“ zu. Das 1974 erstellte Diorama wurde in eine Riffsäule umgearbeitet, die 2008 in einer Sonderausstellung gezeigt und 2014 in den Ausstellungssaal des Museums integriert wurde, der sich mit Präparationstechniken auseinandersetzt.

Auf dem Weg ins Humboldt Forum

Einige der nie ausgestellten Objekte aus der Sammlung „Marine Invertebraten“ finden jetzt den Weg in die Auftaktausstellung der Humboldt-Universität zu Berlin im Humboldt Forum. Sie erzählen eine wenig bekannte Geschichte von Wissenschaft und Politik, vom Sammeln und Zerstören, von Bildern und Abbildern. Der Humboldt'sche Gedanke, menschliche und natürliche Phänomene zusammenzudenken und diese Zusammenhänge und Wechselwirkungen durch das Zusammentragen von Objekten aus aller Welt darzustellen, lässt sich an ihnen beispielhalft verdeutlichen.

Die Ausstellungs- und Veranstaltungsräume der HU im Humboldt Forum werden im Herbst 2020 eröffnet.

Autor: Urs Unkauf

Im Rahmen der Festwoche zum 250. Geburtstag von Alexander von Humboldt diskutieren am 26. August 2019 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Kuba, Kolumbien und Deutschland über „Wissenschaft und Macht – von Sklaverei, Kolonialismus und Revolution“

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