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Die akustische Spur des Bayume Mohamed Husen

Postkoloniale Recherche: Eine im Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin gespeicherte Tonaufnahme von Bayume Mohamed Husen ermöglicht einen Blick auf die kolonialen Verflechtungen der Berliner Stadt- und Universitätsgeschichte. Die Aufnahme ist die akustische Spur eines ehemaligen Kolonialsoldaten in der Metropole Berlin, die einen umsichtigen Umgang und eine multiperspektivische Deutung verlangt.

Workshop-Teilnehmende
Teilnehmende am Workshop (von links): Stephanie Lämmert
(MPI für Bildungsforschung), Frank Daffa (HU Berlin),
Asmau Nitardy (Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft)
Foto: Artur Gerke

Wer spricht hier? Was wurde vorgelesen und warum? Wie ist die kulturelle Bedeutung des Gesagten zu bewerten? Und was lässt sich anhand der Stimme über den Sprecher aussagen? Diesen und weiteren Fragen widmet sich meine Forschung zu kolonialen Präsenzen im Berliner Lautarchiv. Das Schallarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) enthält umfangreiche Sammlungen von Schellackplatten, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu wissenschaftlichen Zwecken aufgezeichnet wurden. Die Aufnahme von Bayume Mohamed Husen zählt zu den Archivbeständen akustischer Zeugnisse von kolonialisierten Subjekten. Um sich dieser spezifischen Quelle zu nähern, organisierte ich gemeinsam mit der Sozial- und Kulturanthropologin Jasmin Mahazi einen Hörworkshop am Institut für Europäische Ethnologie der HU. Eingeladen waren Swahili-Sprecher*innen, sich über die Tonaufnahme und das Gehörte auszutauschen. Durch das Zusammenführen von verschiedenen Expertisen, Perspektiven und Höreindrücken beabsichtigte das Workshopformat die kollektive und ergebnisoffene Auseinandersetzung mit dem historischen Material.

Eine ambivalente, schwierig zu deutende historische Quelle

Die Sprachaufnahme wurde im Juli 1934 am damals neu gegründeten Institut für Lautforschung der Berliner Universität aufgezeichnet. Auf der Tonaufnahme ist ein von Husen in Swahili vorgelesener Text zu hören, der von Hochzeitstraditionen der Swahili handelt. Die Schellackplatte sollte vorrangig dem Sprachunterricht dienen und erschien ein Jahr später mit entsprechenden Begleittexten in der Publikationsreihe der am Institut für Lautforschung angesiedelten Lautbibliothek. In dem Sprachlernheft wurde Husen als Erzähler des Textes benannt, wobei nicht klar ist, wer tatsächlich für den Inhalt der Aufnahme verantwortlich war. Mehr als schriftliche, fotografische und filmische Quellen vermitteln akustische Zeugnisse den Eindruck, Personen der Vergangenheit durch das Hören der individuellen Stimme besonders nahe zu kommen. Gleichzeitig sind die Entstehungsbedingungen der Tonobjekte des Lautarchivs umso schwieriger zu rekonstruieren. Aus diesem Grund stellt die Tonaufnahme von Husen eine ambivalente historische Quelle dar, die einer multiperspektivischen Deutung bedarf.

Distanz zwischen Sprecher und Inhalt


Teilnehmerinnen (von links) Asmau Nitardy (Afrika-Verein der
deutschen Wirtschaft) und Rukia Bakari (Uni Leipzig)
Foto: Artur Gerke

Nach dem ersten gemeinsamen Hören waren sich die Teilnehmenden des Workshops einig über die deutlich zu vernehmende Distanz zwischen Sprecher und Inhalt, die eine unnatürliche Sprechsituation vermuten lässt. Auf der Aufnahme zögert Husen beim Lesen, kommt ins Stocken und macht sprachliche Fehler. Die Sprachexpert*innen teilten darüber hinaus die Meinung, dass der Text Inhalte verhandle, die im damaligen Kontext eigentlich nur im Privaten besprochen wurden und zudem vorrangig Frauen vorbehalten waren. Die zeitgenössische Forschungs- und Aufnahmepraxis ging also mit mehreren – kulturell wie geschlechtsspezifischen – Grenzüberschreitungen einher. Der Workshopgruppe zufolge waren dem Sprecher die Aufnahmesituation und der Textinhalt merklich unangenehm. Der Austausch über die heutigen Hörerfahrungen verdeutlicht, wie grundlegend notwendig die Einordnung von Sprach- und Musikaufnahmen als Resultate von zeitgebundener, oftmals problematischer Forschungs- und Lehrmethoden ist. Eine Beschäftigung mit der Aufnahme von Husen ist daher nicht nur auf Sprachexpertise angewiesen, sondern kann auf eine kritische Kontextualisierung aus postkolonialer Perspektive nicht verzichten.

Biografie ist dicht mit der deutschen Kolonialgeschichte verwoben

1904 in Daressalam als Mahjub bin Adam Mohamed geboren, war Husen in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, als Kindersoldat auf deutscher Seite am Ersten Weltkrieg beteiligt. Ende der 1920er Jahre kam er mit einem Passagierdampfer der deutschen Ostafrika-Linie nach Europa. Dort ließ er sich in Berlin nieder und arbeitete zunächst als Kellner in der exotisierenden Unterhaltungsbranche des Haus Vaterland am Potsdamer Platz. Als Nebendarsteller wirkte Husen in Kolonialausstellungen und Filmproduktionen der 1930er Jahre mit, die einem breiten Publikum stereotype Bilder Schwarzer Menschen sowie einen verherrlichenden Eindruck deutscher Kolonialmacht vermitteln sollten. Am Seminar für Orientalische Sprachen, das seit 1887 vor allem der Ausbildung zukünftiger Kolonialbeamter, Militärs und Kaufleute diente, unterrichtete Husen als sogenannter Sprach- und Lehrgehilfe Swahilikurse. 1933 hatte er eine weiße Deutsche geheiratet und sah sich nicht zuletzt aus diesem Grund rassistischer Diskriminierung ausgesetzt, die 1941 in seiner Inhaftierung durch die Gestapo mündete. Nach dreijähriger Gefangenschaft wurde Husen im Konzentrationslager Sachsenhausen im November 1944 ermordet.

„Er wurde einfach benutzt, das als Ton wiederzugeben“

Teilnehmerinnen beim Workshop
Die Organisatorinnen (von links): Jasmin Mahazi (FU Berlin) und
Irene Hilden (HU Berlin) Foto: Artur Gerke

Husens Tonaufnahme und die schriftlichen Begleitmaterialien verweisen auf koloniale Machtstrukturen, die sich auch an der Berliner Universität manifestierten. So war Husen als sogenannter Sprachgehilfe von prekären Arbeitsbedingungen betroffen. Als Sprecher der Tonaufnahme wurde er zu einem wissenschaftlichen Objekt degradiert. Die Kulturwissenschaftlerin Britta Lange hat einzelne Bestände des Lautarchivs als ‚sensible Sammlungen’ beschrieben, da diese unter problematischen Bedingungen und der Ausnutzung eindeutiger Machtverhältnisse entstanden. Im Zusammenhang der archivierten Tonspur von Husen ist jedoch nicht nur die Aufnahmesituation als sensibel einzustufen, sondern auch der Aufnahmeinhalt, da dieser intime kulturelle Praktiken auf eine unangemessene Art und in unpassenden Worten umschreibt. Eine kritische und kollaborative Auseinandersetzung mit der bisher wenig berücksichtigten Aufnahme aus dem Lautarchiv kann dabei helfen, das Tondokument als Produkt kolonialer Machtstrukturen und als Beispiel für die historische Verflochtenheit zwischen Wissenschaft und Kolonialismus zu identifizieren.

Autorin: Irene Hilden

Irene Hilden ist Doktorandin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied des Graduiertenkollegs ‚Minor Cosmopolitanisms‘ der Universität Potsdam. Sie hat Kulturwissenschaft, Europäische Ethnologie und Germanistik in Berlin und Istanbul studiert. In ihrer Promotion widmet sie sich den kolonialen Spuren im Berliner Lautarchiv und untersucht den aktuellen Umgang mit akustischem Erbe.

Der Workshop wurde von der Humboldt-Universitäts-Gesellschaft und dem Humboldt Labor gefördert.

Organisation: Irene Hilden (HU Berlin), Jasmin Mahazi (FU Berlin) Teilnehmende: Rukia Bakari (Universität Leipzig), Frank Daffa (HU Berlin), Lutz Diegner (HU Berlin), Vitale Kazimoto (Tansania), Stephanie Lämmert (MPI für Bildungsforschung), Asmau Nitardy (Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft)