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Abb.: Philipp Plum

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„Eine Brücke des interkulturellen Dialogs“

Eva-Maria Auch ist Professorin für die Geschichte Aserbaidschans an der Humboldt-Universität. Seit der Gründung des Lehrstuhls gibt es Kritik. Im Interview erklärt sie, was ihr Forschungsthema ist und warum Wissenschaft und Kultur wichtig in Krisenregionen sind.
Professor Auch sitzt auf einem Stuhl im Freien

Prof. Dr. Auch, Foto: privat

Gab es bei der Ausschreibung der Stiftungsprofessur an der HU Bedingungen, die von aserbaidschanischer Seite an die Besetzung geknüpft wurden?

In den Prozess der Vorverhandlungen war ich nicht involviert. Soweit ich weiß, gab es aber keinerlei Vorgaben. Ich habe mich seinerzeit auf die öffentliche Ausschreibung als apl. Professorin der Universität Bonn beworben und setzte mich im Berufungsverfahren vor einer Kommission der HU durch. Aus späteren Gesprächen weiß ich, dass von aserbaidschanischer Seite eine Verstetigung des Lehr- und Forschungsschwerpunktes „Geschichte Aserbaidschans“ erwartet wurde, so wie sie für Georgien- und Armenienstudien in Deutschland seit langem besteht. 

Über welches Jahres-Budget reden wir bei der Förderung durch Aserbaidschan?

Die Höhe der Fördermittel betrug bis 2015 im Durchschnitt ca. 100.000 Euro pro Jahr, bis 2020 etwa 150.000 Euro jährlich, da die Sprachausbildung zusätzlich finanziert werden musste.

Welche Institution zahlt diese Fördermittel?

Die Zahlung erfolgt von der Aserbaidschanischen Internationalen Entwicklungsagentur (AIDA), die 2011 vom Außenministerium der Republik Aserbaidschan gegründet wurde,  über die aserbaidschanische Botschaft an die Drittmittelverwaltung der HU. AIDA ist für die Bereitstellung internationaler humanitärer Hilfe verantwortlich und unterstützt durch ihre Programme auch Wissenschafts- und Kulturprogramme im Ausland.

Wie viele Beschäftigte gibt es und wie werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgewählt?

Die Stiftungsgastprofessur wurde, in Anlehnung an andere in- und ausländische Stiftungsprofessuren in Deutschland, nach deutschem Recht und ohne Beteiligung der Stifter besetzt. Auch alle weiteren Personalentscheidungen wurden nach öffentlicher Ausschreibung und durch gemeinsame Entscheidung von Personalrat und studentischer Vertretung des Instituts für Geschichtswissenschaften getroffen. Kurzzeitig befristet beschäftigt waren drei wissenschaftliche Mitarbeiter mit 50 Prozent, darunter der Verantwortliche für die Aserbaidschanisch-Sprachkurse, Herr Dr. R.M., übrigens ehemaliger Chefredakteur der damaligen Oppositionszeitung Yeni Musavat. In der Regel waren zwei Studentische Hilfskräfte mit 40 Stunden und eine Sekretärin mit einer halben Stelle am Lehrstuhl tätig. Aserbaidschanische Doktoranden waren zu keinem Zeitpunkt Beschäftigte der HU.  

Worin besteht die Unterstützung der HU?

Die HU stellt dem Stiftungslehrstuhl Räume zur Verfügung und finanziert die materielle Grundausstattung sowie 20 Prozent der Sekretariatsstelle.

Was waren die Forschungsschwerpunkte Ihrer Arbeit auf der Stiftungsprofessur in den vergangenen 10 Jahren?

Mein Forschungsschwerpunkt liegt auf den Transformationsprozessen in Südkaukasien ab dem 18. Jahrhundert. Mich interessieren Wissens-, Ideen-, Institutionentransfer, 
transnational agierende Diasporagruppen und imperiale bzw. sowjetische Funktionseliten. 
Zugleich habe ich zur Geschichte der Kaukasusdeutschen geforscht und publiziert, so etwa im Projekt „Entgrenzung“ mit dem Kulturforum Östliches Europa und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Auch ein Projekt zu 20 Jahren deutscher Medienberichterstattung über den Karabach-Konflikt habe ich geleitet. Insgesamt entstanden 9 Monographien und Sammelbände, drei weitere sind noch in redaktioneller Bearbeitung, 17 Beiträge erschienen in Sammelbänden und Zeitschriften, zwei Internetplattformen wurden aufgebaut.

Zugleich möchte ich ausdrücklich auf die über zehnjährige Arbeit im Kontext der Ostpartnerschaft verweisen. Fast jährlich wurden mit Unterstützung des DAAD Dialogforen mit Wissenschaftlern und Friedensaktivisten aus Armenien, Aserbaidschan und Georgien organisiert. Nur vier Beispiele: 2010 „Die Rolle des Bildungssektors und zivilgesellschaftlicher Akteure bei Prävention und Mediation von Konflikten in Südkaukasien“,  2012 Probleme bei Konfliktlösung und Konfliktprävention im Kaukasus: Vernetzung junger Historiker in südkaukasischen Ländern oder 2014: Dekonstruktion national(istisch)er Geschichtsmythen, 2019: "Fremde“ Konflikte mit "kaukasischen“ Augen: Was können Kaukasier aus internationalen Konflikten und Konfliktlösungen lernen?
Für dieses Jahr geplant ist ein  „Frauenforum Karabach“.

Gibt es inhaltliche Vorgaben für Veranstaltungen, Kurse und Lehrmaterialien? Wenn ja, von wem werden sie auferlegt?

Zu Beginn gab es zwar Fragen aserbaidschanischer Kolleginnen und Kollegen, ob und welche aserbaidschanischen Geschichtsbücher ich benutze, aber es wurde schnell akzeptiert, dass wir in Deutschland völlig andere Lehr- und Forschungsmethoden haben. Es gab und gibt keine inhaltlichen Vorgaben. Grundsätzlich werden meine Lehrveranstaltungen – wie auch die meiner Kolleginnen und Kollegen - so konzipiert, dass sie allgemeine Forschungsfragen raumspezifisch behandeln und die Geschichte Aserbaidschans in den Kontext der globalen, russischen bzw. sowjetischen und nahöstlichen Geschichte stellen.

Die Vorwürfe, dass die Humboldt-Universität PR für einen autokratisch regierten Unrechtsstaat macht, gibt es seit Bestehen der Stiftungsgastprofessur Geschichte Aserbaidschans. Würden Sie dem Vorwurf zustimmen, Aserbaidschan übe über den Stiftungsgastlehrstuhl Einfluss aus?

Im Vertrag von 2010 und 2015 wird neben Lehre und Forschung auch Öffentlichkeitsarbeit festgeschrieben. So startete die Professur 2010 mit einer Kultur- und Wissenschaftswoche, die der damalige Präsident der HU, Jan-Hendrik Olbertz, gemeinsam mit Annette Schavan, Bundesministerin für Bildung und Forschung, eröffnete.  Wir vermitteln, ähnlich  der Arbeit der Goethe-Institute, des Institut Français oder des British Council einem breiteren Publikum Einblicke in die Geschichte und Kultur des Landes,  natürlich in erheblich bescheidenerem Maße als die erwähnten Institutionen. 

Einen wichtigen Schwerpunkt bildet dabei die Geschichte der deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen. Diese stellt zugleich einen Forschungsschwerpunkt dar. Wenn man also unter Public Relation jedwede Art Kommunikation gegenüber der Öffentlichkeit versteht oder den organisierten Austausch von Meinungen, dann kann man wie bei jeder Veranstaltung von „Einflussnahme“ sprechen. 

Was wir aber nicht tun, ist PR im Sinne politischer Propaganda. Ich verstehe den Lehrstuhl als Brücke des interkulturellen Dialogs, die reflektiert die Geschichte und Kultur Aserbaidschans in ihren regionalen Verflechtungen vermittelt. Aber auch als Ort der Begegnung, um Austausch über die regionale Vergangenheit und Probleme der Gegenwart in Kaukasien zu fördern. Da ist kein Platz für politische Instrumentalisierung von Geschichte und nationalistische Geschichtsnarrative – auch wenn sie leider in allen postsowjetischen Staaten immer noch Hochkonjunktur haben.

Welchen Einfluss hat oder nimmt die Botschaft Aserbaidschans?

Bisher gab es keine Versuche der ideologischen Einflussnahme auf die Forschung, auf Lehrveranstaltungen, Sprachkurse oder öffentliche Veranstaltungen. Was kritische Anmerkungen seitens der Botschaft nicht ausschließt zu Einzelveranstaltungen oder Meinungsäußerungen. Dies betraf etwa unsere Einladungen  von oppositionell eingestellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Herrn Prof. C. Hasanli, der als Gegenkandidat zu den Präsidentschaftswahlen antrat. 

Würde öffentliche Kritik an Baku nicht ein Ende der Kooperation bedeuten - gibt es also ein Element der Selbstzensur, dem Sie als Professorin unterliegen, obwohl Ihnen der Kooperationsvertrag und die HU volle Freiheit von Forschung und Lehre garantieren?

Als Lehrstuhlinhaberin bin ich frei in der Wahl meiner Schwerpunkte in Lehre und Forschung. Im Unterschied zu Politikern oder Journalisten ist es nicht meine Aufgabe, Systeme zu „kritisieren“. Sondern ich nehme die historischen Entwicklungen in den Blick, die zu zeitgenössischen Befunden geführt haben. Diese Langzeitperspektive, die jahrzehntelangen Erfahrungen in der Region und sicher auch der vergleichende Blick auf Großräume wie Gesamtkaukasien, Zentralasien, Südosteuropa und den Nahen Osten verschaffen mir vielleicht auch etwas Besonnenheit bei der Beurteilung von aktuellen Entwicklungen, ohne dabei kritiklos zu sein. Ich denke, dass zur interkulturellen Kompetenz eines Wissenschaftlers auch gehört, Kritik dort zu äußern, wo es Sinn ergibt,  und diese nicht marktschreierisch vor sich herzutragen. 

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, geschickt von verschiedenen Seiten instrumentalisiert zu werden?

In dieser Gefahr befindet man sich wohl immer, wenn man zeitgeschichtliche Fragen behandelt und vor allem, wenn in der Untersuchungsregion Konflikte ausgetragen werden. Mit den jüngsten Angriffen wird aber nach über 40 Berufsjahren als Wissenschaftlerin und Hochschullehrerin nicht nur meine Arbeit diskreditiert, sondern mit diesen Kampagnen um den Stiftungslehrstuhl soll die Fortführung der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Aserbaidschan verhindert  und die Ausbildung wissenschaftlichen Nachwuchses beendet werden. Diese Art „Instrumentalisierung“ beunruhigt mich.

Sollte die Stiftungsprofessur über den Herbst hinaus weitergeführt werden - oder ist ein mögliches Auslaufen die bessere Lösung?

Gerade weil es momentan diesen massiven Druck gibt, sollte der Lehrstuhl fortgeführt werden. Wenn Deutschland alle Wissenschafts- und Kulturkontakte zu autoritär geführten Ländern abbrechen würde, wäre der Entwicklung der dortigen Zivilgesellschaften kaum geholfen. Mir bestätigen  Studierende immer wieder, dass viel zu wenig über die Geschichte Kaukasiens und damit auch Aserbaidschans bekannt ist. Expertise wird auch zukünftig gefragt sein, und sie muss herangebildet werden! 

Anzustreben wäre jedoch die Etablierung eines Kaukasusschwerpunktes an der HU, der nationalgeschichtliche Grenzen bewusst überschreitet und zum Beispiel mit Hilfe des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft finanziert wird.  Bis dahin wäre eine Verlängerung der Stiftungsprofessur eine Zwischenlösung, um aserbaidschanische Geschichte als Fach an die Seite georgischer und armenischer Geschichte zu stellen. So könnte meine entsprechende Kooperation mit den Universitäten Jena und Halle-Wittenberg fortgesetzt und intensiviert werden.

Erkennen Sie eigene Fehler - und wie erklären Sie sich die aktuelle massive Kritik?

Konkreter Anlass jüngster Kritik war meine Teilnahme an einem internationalen Expertenforum zur Zukunft Karabachs, zu welchem unsere ERASMUS-Partneruniversität ADA nach Baku eingeladen hatte. Dabei besuchten wir auch die 1992 armenisch besetzte und durch die Kampfhandlungen total zerstörte Stadt Agdam. Wie alle Teilnehmer war ich emotional sehr bewegt. Anstatt auf die Fragen von Journalisten zu antworten, hätte ich vielleicht schweigen sollen. Eine Kontrolle darüber, was und wie man in aserbaidschanischen und deutschen Medien zitiert und vielleicht auch übersetzt wird, ist unmöglich. Das hätte ich wissen müssen. 

Im Kontext der einseitigen antiaserbaidschanischen Berichterstattung in Deutschland stehe ich jedoch zu der Aussage, dass man alle Seiten im Konflikt anhören sollte. Es war ja Hauptanliegen meiner Reise, gerade die aserbaidschanische Bereitschaft zu Dialog und Neubewertung von Geschichte in der Zukunft auszuloten. 

Ein Besuch des sogenannten „Trophäen-Museums“ durch alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer stand nicht im ursprünglichen Programm. Dort entstand im Eingangsbereich ein Foto, welches mich als „Befürworterin“ einer Ausstellung mit Kriegsbeute abbildet. Meine Kritik zu solcher Art von „Museum“, welches Armenier in menschenverachtender Pose darstellt, wurde in den aserbaidschanischen und deutschen Medien nicht wiedergegeben. 

Was kann man daraus ablesen? 

Ungeachtet dieser Anlässe, die verzerrt und manipulativ vorgetragen werden, sehe ich die Verflechtung verschiedener „Aserbaidschan-Skandale“ mit dem Lehrstuhl als ein gezieltes Konstrukt gegen jegliche Wissensvermittlung über Aserbaidschan in Deutschland. Neben den klar zu verurteilenden Korruptionsaffären von Politikern ist eine Verunglimpfung meiner Person und meiner Tätigkeit Teil einer Kampagne gegen Aserbaidschan, die im deutschen Wahlkampf wohlfeil ist. Sie berücksichtigt nicht, dass es auch in Aserbaidschan eine junge, kritische Generation gibt, die die Werte Europas lebt, sich derzeit dennoch an die herrschenden Realitäten anpassen muss, wenn sie nicht mittellos auf der Straße stehen will. Es interessiert die Kampagnenführer auch nicht, dass viele der autoritär denkenden Akteure in Baku aus ihren Ämtern ausgeschieden sind, und es seit zwei Jahren Reformen – auch mit Hilfe Deutschlands, der EU und der Vereinten Nationen gibt.

Für mich stellt sich da schon die Frage, wer Interesse daran hat, dass die deutsch/europäisch-aserbaidschanischen Beziehungen massiv gestört und eine mögliche deutsche Mediatorenrolle bei der Anbahnung eines armenisch-aserbaidschanischen Dialogs verhindert werden sollen.

 

Die Fragen stellten Hans-Christoph Keller und Frank Aischmann

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