Facts
10117 Berlin
Mori-Ôgai-Gedenkstätte
Description
Ōgai, der als Militärarzt in Deutschland studierte und später zu einer Schlüsselfigur der modernen japanischen Literatur wurde, gab seinen Kindern und Enkeln auffallend westlich klingende Namen wie Otto (Oto), Marie (Mari), Anne (Annu) oder Max (Makusu). Sie werden heute in Japan gelegentlich als Vorläufer der sogenannten „Kirakira-Namen“ (wörtl: „schillernde“ Namen) betrachtet, also ungewöhnlich kreativ geschriebener oder besonders moderner Namen, die von der üblichen Praxis abweichen.
Die Benennung der Familienmitglieder weist Verbindungen zu westlichen Vorbildern auf: So erhielt der erste Enkel den Vornamen von Ōgais Lehrer aus München, Max von Pettenkofer. Anhand mehrerer Beispiele zeigt der Vortrag jedoch, dass diese Namen weit mehr sind als bloße Nachahmungen. Hinter den Schriftzeichen verbergen sich Bezüge zur chinesischen Gelehrsamkeit, zur Medizin, zur traditionellen Namensgebung und zu moralischen Idealen Ostasiens – sie offenbaren ein reiches europäisch-asiatisches Bedeutungsnetz.
Dadurch wird deutlich, dass Ōgais Namensgebung Ausdruck seines umfassenderen kulturellen Ideals war: Er versuchte, zwischen Ost und West zu vermitteln und beide Traditionen schöpferisch miteinander zu verbinden. Die Namen seiner Kinder spiegeln dieses interkulturelle Denken in besonders anschaulicher Weise wider.
Prof. Yoshio Birumachi ist seit 1998 an der Fakultät für Japanische Literatur der Daitō-Bunka-Universität (Tokyo) tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den Deutschlanderfahrungen Mori Ōgais sowie den deutsch-japanischen Kulturbeziehungen. Seit 2021 ist er ständiges Vorstandsmitglied der Mori-Ōgai-Gesellschaft.