Religion Kunst Wissenschaft

April 2026 - Oktober 2026. 
Gespräche. Lectures. Film. Literaturtage. Video. Performace.
Im Himmel steht auch ein Haus, 
sagte die vierjährige Alma-Lou vor einiger Zeit zu mir. 
Performen was an der Zeit ist.
                   
Dr. Ulrich Kaiser
Hütten und Häuser im Himmel – und für den Himmel bauen
Kutchaka – ποιήσω – Sukkah – Mischkan 
Philosoph, Autor, Dozent, Hamburg.
 
Ausgangspunkt meiner Gesprächs-Einleitung ist die Metapher „eine Hütte bauen“, die Rudolf Steiner in seinem spirituellen Übungs- oder Schulungsbuch “Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?” als ein wörtliches Zitat einfügt. Der Ausdruck bezeichne das „Bilden einer geistigen Heimat“, die man, anders als in der „physischen Welt“ – also der Erde – in der „geistigen Welt“ – also im Himmel – selber erst errichten müsse. Lange Zeit hatte ich dieses „Zitat“ für ein in gewissem Sinn erfundenes oder sagen wir, sachgemäß konstruiertes gehalten, weil es ohne Quellenangabe auskommt und der Verweis auf „die Sprache der Geheimwissenschaft“ recht unbestimmt bleibt. 

Eine neuere Recherche im Umfeld des gesprochenen Worts Steiners, seinen Vortragsnachschriften, hat mir aber gezeigt, dass er doch eine präzise Quelle hatte, nämlich das Motiv des Kutchaka, des „Hüttenbewohners“ aus der indischen Tradition der Entsagung (sannyasa). Sie kennt vier klassische Stufen, die in den Sannyasa-Upanishaden (insbesondere der Paramahamsa Parivrajaka Upanishad und der Narada-Parivrajaka Upanishad) sowie in der späteren vedantischen Tradition kodifiziert sind. Die erste dieser Stufen ist Kutichaka – der „Hüttenbewohner“ (von Sanskrit kuti = Hütte, Cottage). Das Motiv ermöglichte Steiner, die Verklärung auf dem Berg Tabor im Neuen Testament, die stark durch Bewusstseinszustände und Bewusstseinswandel geprägt ist, auf dem Hintergrund theosophischer Narrative systematisch zu deuten.

Denn Steiner greift dieses Motiv nicht nur auf, sondern verwandeltes sich in seine Lektüre der Verklärungsszene (Lk 9,33; Mt 17,4; Mk 9,5) an, schafft eine Synthese des theosophisch-indischen Stufenmodells mit dem neutestamentlichen Text und formuliert daraus eine neue exegetische These……. 

Im unmittelbaren kulturellen Umfeld der Hütten-Metapher sind die beiden jüdisch-biblischen Motive Sukkah und Mishkan nicht zu übersehen, auf die sich Petrus mit seinem Vorschlag, drei Hütten zu bauen, fraglos bezieht….

Facts

Date
Time
16:15 – 18 o'clock
Location
Burgstraße 26
10178 Berlin
Organizer

Theologische Fakultät

kunstplanbau e.V.

Referents

Herr Andreas Feldtkeller

Frau Rosa Coco Schinagl

Description

Im Himmel steht auch ein Haus, 
sagte die vierjährige Alma-Lou 
vor einiger Zeit zu mir. 
Performen was an der Zeit ist.


Ein Haus im Himmel / viele Wohnungen / ein Luftschloss gebaut aus Nächstenliebe / der menschliche Körper ein Tempel / Namaste. Die religiösen Über-lieferungen der Menschheit haben viele Bilder dafür, wie das Göttliche im Menschen Wohnung nimmt und das Menschliche im Göttlichen. Nicht nur Worte malen solche Bilder; auch eine Ikone, ein Ritual, eine Skulptur, eine Aufführung, ein Musikstück, ja manchmal sogar eine wissenschaftliche Idee fügt dem eine weitere Dimension hinzu. Die Veranstaltungsreihe bringt Religion, Kunst, Wissenschaft mit ihrer jeweils inneren Vielfalt und mit ihren schon immer gegebenen Verbindungslinien ins Gespräch, ins Erfahren, ins Handeln. Sie lädt zum Zuhören ein, wenn Menschen über Häuser im Himmel und Tempel auf Erden sprechen, während sie verschiedenen religiösen und spirituellen Pfaden folgen; sie lädt zum Betrachten und Nachspüren ein, wo der Ausdruck davon sinnlich erfahrbar wird. 

Doch das Wohnen des Göttlichen erschöpft sich nicht im Menschen allein. Auch Tiere, Pflanzen und die vielgestaltigen Lebewesen dieser Erde sind Träger von Sinn, Atem und Beziehung. Wälder werden zu Kathedralen, Flüsse zu liturgischen Wegen, Tiere zu Mitgeschöpfen, die uns lehren, was Verbundenheit, Maß und Gegenwärtigkeit bedeuten. In vielen religiösen und spirituellen Traditionen gilt die Schöpfung selbst als lebendiger Text, als Körper, als Mitbewohnerin des Heiligen. Wo das Menschliche im Göttlichen Wohnung nimmt, nimmt auch das Mehr-als-Menschliche Raum ein – verletzlich, würdevoll, unersetzlich. Tiere, Pflanzen, Böden, Gewässer und Atmosphären sind keine Kulissen menschlicher Existenz, sondern Mitbewohner eines gemeinsamen Hauses. Wälder, Meere und Städte bilden ein ökologisches Gefüge, in dem jedes Lebewesen Spuren hinterlässt und Verantwortung trägt. Religiöse Überlieferungen und zeitgenössische Wissenschaft verweisen gleichermaßen auf diese wechselseitige Abhängigkeit: Leben ist Beziehung. Die Frage nach dem Wohnen des Göttlichen wird so zur Frage nach nachhaltigem Handeln, nach Gerechtigkeit zwischen Generationen und Arten, nach einer Kultur des Genug. Es geht darum, durch neue Formen der Resonanz die Kultur eines respektvollen und friedlichen Umgangs zwischen Menschen unterschiedlicher religiöser und kultureller Prägungen in Kontakt zu bringen mit Menschen, die bisher die Wegkreuzung scheuen mit Andersdenkenden / Anderslebenden / Andersrespektierenden. Wo der menschliche Körper als Tempel verstanden wird, ist auch die Erde ein heiliger Raum, der Pflege, Achtsamkeit und Schutz verlangt.