Das politische Bild der Ukraine in der deutschen sozialistischen Presse (1868-1895)

Auf einen Blick

Laufzeit
10/2009  – 12/2009

Projektbeschreibung

In der bisherigen Geschichtschreibung wird die Frage nach der Rolle der wichtigsten deutschen politischen Bewegungen in den öffentlichen Diskussionen zum Thema Ukraine vor allem in Bezug auf das frühe 20. Jh. beleuchtet (Peter Borowsky, Rudolph Mark, Oleh Fedyshyn, Ivan M. Kuliny, Claus Remer). Nur wenige Forscher versuchten diesen Themenkreis in das 19. Jh. zurückzuverfolgen, dabei begrenzte man sich mit der Kritik der preußischen Rechtskonservativen des Deutschen Ostmarken-Vereins (P. Borowski, Deutsche Ukrainepolitik 1918 unter besonderen Berücksichtigung von Wirtschaftsfragen, Lübeck; Hamburg 1970; C. Remer, Die Ukraine im Blickfeld deutscher Interessen. Ende des 19. Jahrhunderts bis 1917/18, Frankfurt am Main; Berlin; Bern; New York; Paris; Wien 1997) oder mit der Verbreitung des Marxismus auf ukrainischen Gebieten (I.M. Kuliny , Ukrajins ko-nimec ki istory ni zvjazky, Kyjiv 1969).
Ähnliche Tendenzen repräsentiert auch die biographische Literatur (z. B. Pavlo Ja uk, Mychajlo Pavlyk, Lviv 1958; P. T. Manzenko, Suspil no-politycni i filosofs ki pohljady M. Pavlyka, Kyiv 1962), welche dennoch wertvolle Hinweise auf das Interesse der Presseorgane der deutschen Arbeiterbewegung an die ukrainischen Anhänger der sozialistischen Ideen gaben. Durch Bearbeitung von solchen historischen Quellen wie Briefwechsel und Publizistik von M. Dragomanov, I. Franko, M. Pavlyk 1880-1895 und den Publikationen in der Allgemeinen Zeitung (Augsburg) 1882 über die von M. Dragomanov betreute sozialistische Agitation in Ostgalizien und der russischen Ukraine konnten aber zahlreiche Materialien festgestellt werden, die z. B. auf die Kooperation zwischen ukrainischen und deutschen Sozialisten im Schweizer Exil 1879-1880 sowie auf die Beschäftigung der deutschen sozialdemokratischen Presse mit der ukrainischen sozialistischen Bewegung (zumindest) nach 1878 hinwiesen.
Dabei enthält die Publizistik von M. Dragomanov (Turki vnutrennie i turki vne nie, Genève-Bale-Lyon 1876) in der vergleichenden Bewertung der Außen- und Innenpolitik Russlands und der Türkei wesentliche Gemeinsamkeiten mit der Problemstellung von Wilhelm Liebknecht (Zur orientalischen Frage oder soll Europa kosakisch werden?, Leipzig 1878), was die Frage nach der Stellung der Ukraine im politischen Osteuropa-Bild Liebknechts und anderer deutschen Sozialisten auch vor 1878 aufwirft. Um diese Fragen zu beantworten, wäre die Bearbeitung der bisher im Kontext der Ukrainekunde unerforschten deutschen sozialdemokratischen Presse und Publizistik wünschenswert.
Die untere Grenze des chronologischen Rahmens des vorgeschlagenen Forschungsvorhabens 1868-1895 wird durch die Verkündung der außenpolitischen Orientierung der deutschen Arbeiterbewegung auf dem Nürnberger Arbeitertag (die Zertrümmerung Russlands, die Wiederherstellung Polens als seine heilige Pflicht, siehe: Demokratisches Wochenblatt, 26. Dezember 1868) und dem gleichjährigen Beginn der aktiven politischen Forschungen M. Dragomanovs, die obere mit dem Tod dieses einflussreichsten ukrainischen Politikers der sozialdemokratischen Richtung bestimmt.

Projektleitung

  • Person

    Prof. Dr. phil. Wolfgang Hardtwig

    • Institut für Geschichtswissenschaften