Die deutschsprachigen Enzyklopädien des späten 18. - frühen 19. Jh.s als wenig erforschte Quellengruppe zur Entstehung der deutschen Ukrainekunde
Auf einen Blick
Projektbeschreibung
<p>In der bisherigen Bewertung des deutschen Interesses an der Ukraine wurde der Beginn der wissenschaftlichen Behandlung der ukrainischen Geschichte in Deutschland auf das späte 18. Jh., und zwar auf die Fortsetzung der Allgemeinen Weltgeschichte von Johann Christian von Engel (Teil 48, Halle: Gebauer,1796, auch als Geschichte der Ukraine und der ukrainischen Kosaken bekannt) zurückgeführt (Dmytro Doroschenko, Iwan Kuliny , Rudolph A. Mark, Andreas Kappeler). Durch neueste Forschungen konnte geklärt werden, dass die methodologischen Grundlagen der deutschen bzw. deutschsprachigen Ukrainekunde von österreichisch-slawischen (Johann Siegmund Valentin Popowitsch) und deutschen (August Ludwig von Schlötzer) Wissenschaftlern in den 1750-1770-er Jahren festgestellt wurden. Man soll aber beachten, dass als Quellen zur Geschichte der deutschen Ukrainekunde des 18. - 19. Jh.s vor allem große Buchpublikationen behandelt werden (wie z. B. Werke von Jh. B. Scherer / K. Hammerdörfer 1789, A. W. Hupel 1790, Jh. Chr. v. Engel 1796 oder Jh. G. Kohl 1847). Dabei bleibt eine große Quellengruppe zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der deutschen Ukrainekunde, nämlich die deutschsprachigen Enzyklopädien praktisch außerhalb der wissenschaftlichen Betrachtung. Als eine der wenigen Ausnahmen sollte der Hinweis von E. Hösch auf die Rolle von Enzyklopädien in der Formierung des deutschen Ukraine-Bildes im 19. Jh. erwähnt werden, indem auf Aufsätze zum Chmielnicki-Aufstand in der Allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste von J. Ersch und J. Gruber aufmerksam gemacht wird.</p>
<p>Im Rahmen der Vorarbeit zum Kurzprojekt konnte festgestellt werden, dass die meisten deutschen Enzyklopädien des frühen 19. Jh.s wie z.B. das Johann Hübners reales Staats- Zeitungs- und Conversations-Lexicon (1805) oder die 5. (1824) und 6. (1836) Auflage der Brockhausschen Allgemeinen deutschen Real-Enzyklopädie Aufsätze zum Begriff Ukraine innehaben. Umfangreiche Information über die ukrainischen Kosaken befinden sich z. B. im Universal-Lexicon der Völker- und Ländergeschichte von Köppen und Wagener (1806), kürzere Aufsätze in anderen oben genannten Ausgaben. In enzyklopädischen Ausgaben von Hübner, Köppen/Wagener, Jäger/Mannert, Pieper, Krünitz, Meyer konnten auch Publikationen zu Begriffen wie Kleinrussland / Kleinrussen, Ruthenen / Russinen / Rußniaken / Rotrussen festgestellt werden. Dabei sind neben zeitbedingten Transformationen auch methodologische Unterschiede in der Bewertung von historischen Ereignissen und Persönlichkeiten festgestellt worden (z. B. Hetman Mazeppa als Kämpfer für die Souveränität der Ukraine im Universal-Lexikon von Pieper 1835, und als Verräter im Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon 1839).
In dieser Hinsicht wäre eine Vergleichsanalyse der enzyklopädischen Publikationen zur ukrainischen Thematik 1750-1850 eine wichtige Forschungsaufgabe, deren Lösung einen wesentlichen Beitrag zur Erforschung der Entstehungsphase der deutschen Ukrainekunde leisten würde.</p>
<p>Der chronologische Rahmen 1750-1850 ist für das Forschungsvorhaben besonders wichtig, da er die Wahrnehmung der Ukraine in deutschen wissenschaftlichen Kreisen im Zeitabschnitt zwischen dem Untergang der ukrainischen Autonomie im Rußländischen Reiche und dem Beginn der ukrainischen Nationalbewegung (von einer kulturellen Erscheinung im frühen 19. Jh. bis zum Beginn von politischen Bewegung in den 1840-er) klären soll.</p>
Themen
Projektleitung
- Person
Prof. Dr. phil. Wolfgang Hardtwig
- Institut für Geschichtswissenschaften