Die Idee eines "Königreichs Kiew" von Eduard von Hartmann (1888): Genese und historische Hintergründe
Auf einen Blick
DFG Sachbeihilfe
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Projektbeschreibung
Die Veröffentlichung der Idee eines Königreichs Kiew vom deutschen Philosophen und Publizisten Eduard von Hartmann am Höhepunkt der Bulgarischen Krise im Januar 1888, von der gegenwärtigen Presse unbeachtet, löste viel später in der deutschen und ukrainischen Publizistik und Wissenschaft eine Diskussion aus, die bis heute keine logische Lösung bekommen hatte. In diesem umfangreichen Aufsatz wurde im Rahmen einer politischen Prognose über die möglichen Folgen des befürchteten militärischen Vorgehen Rußlands gegen Österreich auch der Verlust der Südwestlichen Gouvernements des Zarenreiches beschrieben, welcher durch die Bildung eines Königreich Kiew unter Schutz des Habsburgerreiches realisiert werden sollte. Dieser neuzugebildende Staat von 18 Millionen Klein- und Weißrussen sollte im Stromgebiet des Dnieper und Pruth entstehen, doch gleichzeitig mit der Abtrennung Bessarabiens an Rumänien, Finnlands an Schweden und der Bildung eins selbständigen baltischen Königreichs aus Estland, Livland, Kurland und der Gouvernements Kowno und Wilna. Dabei sollte Schweden und das baltische Königreich mit Deutschland, doch Rumänien und das Königreich Kiew mit Österreich in je ein Schutz- und Trutzbündnis treten. Schließlich sollte auch Polen in den Grenzen nach der Teilung 1795 wiederhergestellt werden.
Dieses Konzept Eduard von Hartmanns wurde zwar in Diplomatenkreisen bemerkt, doch weder die offiziöse, noch die liberale oder oppositionelle Presse Deutschlands und Österreichs reagierte auf den Aufsatz E. v. Hartmanns. Erst die deutsch-russischen Feindseligkeiten des I. Weltkriegs machten ihn wieder aktuell: zuerst zu Propaganda-Zwecken 1915-1918, später im Rahmen einer nicht ohne politisierenden Einflüssen verlaufenden wissenschaftlichen Diskussion.
Vor allem wurde um die Person des Autors der Idee diskutiert. Die politisch motivierte deutschsprachige ukrainische Publizistik des I. Weltkrieges identifizierten den Autor der Idee als Fürsten Otto von Bismarck. In der wissenschaftlichen Welt gibt es aber noch bis heute keine einheitliche Meinung darüber: Im Hintergrund dieser Diskussion steht nach wie vor die Frage nach dem Beginn des deutschen politischen Interesses an der ukrainischen Staatlichkeit.
Doch im Rahmen der Diskussion wurde bisher nur der unmittelbare politisch-historische Kontext beachtet, während die Tradition des deutschen (preußischen) politischen Handelns und Denkens nicht ohne Neigung zum Mythologisieren behandelt. Dabei blieb eine Reihe von wichtigsten historischen Quellen wie Pressedirektiven Bismarcks 1887-1888, der Nachlass E. v. Hartmann, deutsche zeitgenössische Presse und Publizistik der 1870-1880-er Jahre in der bisherigen Geschichtsschreibung unbeachtet.
Es wäre außerdem sinnvoll auch die früheren Formulierungen dieser Idee einer wissenschaftlichen Analyse unterziehen. Da der erwähnte Aufsatz E. v. Hartmanns ein detailliertes, erweitertes Argumentationssystem betreffend die Außenpolitik Zarenrußlands enthält, könnte vor allem eine Vergleichsanalyse von entsprechenden Leitthesen und deren Begründung mit dem Inhalte (Motivierungslogik und Struktur) von Bismarckschen Pressedirektiven und Weisungen zur Ostpolitik äußerst sinnvoll sein. Zusätzlich sollte man auch die früheren Publikationen E. v. Hartmanns zur Ost- und Balkanpolitik mit ähnlichen Veröffentlichungen der deutschen offiziösen und nichtoffiziösen Presse 1887- Anfangs 1888 vergleichen, um eine begründete Antwort auf die Genese, politischen Hintergründe und die Rolle Bismarcks in der Entstehung dieser Arbeit Hartmanns zu geben.
Themen
Projektleitung
- Person
Prof. Dr. phil. Wolfgang Hardtwig
- Institut für Geschichtswissenschaften