Die "Reterritorialisierung" eines Mythos: Wie schreibt sich der Kosovomythos bei den Serben und Kosovoalbanern seit 2008 ein?
Auf einen Blick
Geistes- und Sozialwissenschaften
DFG sonstige Programme
![]()
Projektbeschreibung
Der Kosovomythos ist seit langem zentral für den serbischen Nationalismus und sein kollektives Gedächtnis, und seine politische und geschichtsrevisionistische Instrumentalisierung seit den 1980ern ist gut beforscht. Den Schlüssel für diese Narrative bilden Vorstellungen von mythischer und zyklischer Zeit, in der die Geschichte sich immer wiederholt, sowie von nationaler Einheit.
Eine der wichtigsten Reaktivierungen des Mythos fand während der jugoslawischen Zerfallskriege der 1990er statt, insbesondere während der NATO-Bombardierung Jugoslawiens 1999. Öffentliche Narrative aus dieser Zeit haben die serbische Opferrolle betont, die als Thema tief in der Mythenstruktur angelegt ist. Seit 2017 forciert die Regierung von Aleksandar Vučićs Serbischer Fortschrittspartei (SNS) das Gedächtnis an die Schlacht bei Košare 1999. Der offizielle Diskurs reduziert die Ereignisse auf Heroismus und Leiden und blendet die politische Verantwortung aus. Die jüngste Erinnerungspolitik ist ein Forschungsdesiderat, da es viele Straßenumbenennungen und neue Denkmäler zu dokumentieren gibt. Erinnerungsformen aus der bottom-up-Perspektive wie Graffiti, Murals oder Sticker sollten ebenfalls systematisch betrachtet werden und in den Kontext weiterer aktueller Ausdrucksformen des Kosovo-Mythos eingeordnet werden.
Das Projekt will diese Forschungslücke mit Hilfe eines interdisziplinären Zugangs schließen, der zugleich analytische Interpretationshilfen anwendet, um situationsspezifische Gedenkkultur innerhalb von semiotischen Landschaften und in einem diskursanalytischen Rahmen betrachten zu können.
Durch Feldforschung und interdisziplinäre Analyse wird das Projekt untersuchen, wie der Kosovomythos innerhalb der semiotischen Landschaften von Serbien und Kosovo repräsentiert und rekontextualisiert wird. Haben sich die Bezüge auf den Mythos seit der Unabhängigkeit des Kosovo im Jahr 2008 und der massiven Abwanderung und Vertreibung der serbischen Bevölkerung verstärkt, und an welchen Orten und in welcher Form (Denkmäler, Straßennamen, Murals und Graffiti) treten sie auf? Von welchen politischen, medialen und zivilgesellschaftlichen Diskursen werden sie aufrechterhalten? Das Projekt soll zeigen, wie der öffentliche Raum als Ort ideologischer und identitärer Ausverhandlung funktioniert – insbesondere im Hinblick auf das Erbe des sozialistischen Jugoslawiens als breiterer Rahmen nationaler und regionaler Erinnerung.
Das Projekt baut auf Vorarbeiten der Beliner und der Krakauer Südslawistik und ihr gemeinsame Profil von transdisziplinären, soziolinguistisch informierten Balkan Area Studies auf. Die Vernetzung von Forscher:innen aus der kulturwissenschaftlichen Sprachwissenschaft, der Semiotic Landscapes und der Diskursanalyse soll zu einer internationalen Kooperation und gemeinsamen Publikationen führen, die Vorstufe für ein künftiges größeres Projekt zur Entwicklung von Erinnerungspolitik und Semiotik in Südosteuropa ist.
Themen
Beteiligte Einrichtungen
Institut für Slawistik und Hungarologie
Anschrift
Boeckh-Haus, Dorotheenstraße 65, 10117 Berlin