Entstehungs- und Entwicklungslogik der deutschen Konzepte zur Geschichte der Ukraine des späten 18. - frühen 19. Jh.s
Auf einen Blick
Projektbeschreibung
<p>Die deutsche Ukrainekunde des 18. Jh.s wurde zum Gegenstand einer vielseitigen fachlichen wissenschaftlichen Behandlung erst im späten 20. Jh. (Rudolph A. Mark, Johann Christian von Engel (1770-1814) als Historiograph der Ukraine, in: Zeitschrift für Ostforschung 36/1987, 191-201; I. M. Kuliny , Nimec ki avtory pro Ukrajinu, in: M n r dn zwjazky Ukrajiny: naukowi po uky zn ch dky 4/ 1993,123-132; Andreas Kappeler, Die Ukraine in der deutschsprachigen Historiographie, in: Österreichische Osthefte 2000 3/4, 162-174). Dabei wurde die Aufmerksamkeit der Forscher vor allem auf die Leitthesen eines einzigen Werkes, nämlich der 1796 in Halle herausgegebenen Geschichte der Ukraine und der ukrainischen Kosaken von Johann Christian von Engel als der einzigen deutschsprachigen Geschichte der Ukraine aus der Feder eines Nichtukrainiers (Kappeler, S. 161) gerichtet. Dagegen blieben die Entstehungsgeschichte dieses Werkes, die bedeutenden Werke der Vorgänger Engels sowie die Entwicklungslogik der deutschen Ukrainekunde des 18. Jh.s und ihrer Einflüsse auf die wissenschaftliche Literatur und Publizistik des darauffolgenden Jahrhunderts von der Forschung unberücksichtigt.</p>
<p>In dieser Hinsicht soll man eine Reihe von bisher wenig beachteten Faktoren erwähnen:<br>
a) Während die deutschsprachige Russlandskunde des 19. Jh. die Ukraine / Kleinrussland als ein Forschungsobjekt betrachtete, stützte sie sich in vielen Hinsichten auf die Ergebnisse der deutschen Ukrainekunde des vorhergehenden Jahrhunderts, die im wesentlichen durch die politische Umgestaltung Mittel- und Osteuropas durch den Nordischen Krieg 1700-1721 und die Teilungen Polens 1773, 1793 und 1795 beeinflusst wurde.<br>
b) Besonders für die fachliche deutsche Geschichtsforschung der ersten Hälfte des 19. Jh.s waren die Forschungsergebnisse von H. Müller (1749), J. B. Scherer (1789) und Jh. Chr. v. Engel (1796) wichtig, indem sie von führenden deutschen Russlandsforschern im wesentlichen akzeptiert wurden (z. B.: Chronologische Uebersicht der Russischen Geschichte von der Geburt Peters des Grossen bis auf die neueste Zeiten von B. v. Wichmann, erster Band, erster Theil (1672-1727). Leipzig 1821; Geschichte des russischen Staates von Dr. Ernst Hermann, Bd. III, Hamburg 1846; siehe auch Erinnerungen aus meinem Leben von Friedrich Bodenstedt, Berlin 1888).<br>
c) Dies betrifft vor allem die Übernahme der Begriffe, die die historische Vergangenheit der ukrainischen Kosaken im Kontext ihrer Bestrebungen zur Staatsbildung charakterisierten. So wurde der von J. B. Scherer und Jh. Chr. v. Engel verwendete Begriff Staat in bezug auf die Selbstverwaltung der ukrainischen Kosaken im 17. Jh. nicht nur in historischen Forschungen Ernst Hermanns 1846, sondern auch in populären Reiseberichten von Ferdinand von Baczko 1821 (Reise von Posen durch das Königreich Polen und einen Theil von Rußland, bis an das Meer von Assow, Leipzig, S. 54-55), J. H. Blasius 1844 (Reise im Europäischen Rußland in den Jahren 1840 und 1841, zweiter Theil: Reise in Süden, Braunschweig, S. 287-288) und Johann Georg Kohl 1847 (Reisen in Südrußland, zweiter Theil: Die Krim. Bessarabien, Zweite Auflage, Dresden und Leipzig, S. 22-23) verwendet.</p>
<p>In dieser Hinsicht stellt die Erforschung der Ursachen des Interesses an der ukrainischen Thematik im deutschsprachigen Raume im späten 18. Jh. sowie der Wirkungen der deutschen Ukrainekunde des 18. Jh.s im darauffolgenden Jahrhundert eine aktuelle wissenschaftliche Aufgabe dar.</p>
<p>Der anvisierte chronologische Rahmen (1775-1850) ist für die geplante Forschung besonders relevant, da er die Endphase des Überganges der Dnieper Ukraine aus der polnischen in die großrussische Obhut und den darauffolgenden Beginn der ukrainischen Nationalbewegung umfasst.</p>
Themen
Projektleitung
- Person
Prof. Dr. phil. Wolfgang Hardtwig
- Institut für Geschichtswissenschaften