Fiktive Anthologien in der bulgarischen Literatur der (Post-)Moderne: Kreation des Kanons als Kunst
Auf einen Blick
DFG Eigene Stelle (Sachbeihilfe)
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Projektbeschreibung
Fiktive Anthologien fingieren die Sammlung von repräsentativen Muster- oder Meisterwerken, indem sie diese erfinden und Autorschaft mystifizieren. Sie spielen mit dem literarischen Schwindel, im doppelten Wortsinne der Leser-Täuschung und der narrativen Desorientierung. Sie nutzen die normative Autorität der Meta-Gattung Anthologie, um einzelne Stilrichtungen sowie übergreifende Ästhetiken oder sogar National-Literaturen zu propagieren und zu kanonisieren. Oder aber sie stellen diesen Kanon spielerisch-subversiv in Frage. Fiktive Anthologien sind somit performative Kanon-Kreation und karnevaleske Kanon-Kritik. Als solche spielen sie für die bulgarische Literatur von der nationalen Wiedergeburt bis zur Postmoderne, von der mystifizierten Volkslied-Sammlung der Veda Slovena bis zu den Fake-Anthologien der postsozialistischen Wendezeit, eine zentrale Rolle. Das Forschungsvorhaben setzt sich das Ziel, die normativen Funktionen und ästhetischen Spezifika dieser bulgarischen "Kunst der Anthologie" (S. Igov) komparatistisch zu erschließen und zu untersuchen. Es geht den folgenden Fragestellungen nach: Welche Funktion erfüllt das Spiel mit der Anthologie epochenübergreifend für die innernationale Kanon-Bildung der bulgarischen Literatur in Zeiten ästhetischen Paradigmenwandels? Wie lassen sich die jeweiligen Anthologie-Projekte komparatistisch in die post/moderne Mystifikationsästhetik mit ihrer Problematisierung von Autorschaft, Originalität und Plagiat einpassen? Inwiefern können sie im Sinne der postkolonialen Kulturtheorie als eine Mimikry-Strategie interpretiert werden, anhand derer Konzepte des Eigenen und des Fremden aus der Perspektive der kulturellen Peripherie gattungstheoretisch durchgespielt werden?
Projektleitung
07/2014 - 11/2020
Dr. Henrike Schmidt
- Humboldt-Universität
- Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät