Job Crafting – eine Möglichkeit für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit Beschäftigter in Zeiten sozialer Distanzierung?
Auf einen Blick
Sozialpsychologie und Arbeits- und Organisationspsychologie
Berlin University Alliance (BUA)
Projektbeschreibung
Bei Pandemien gefährlicher Infektionskrankheiten ist eine Möglichkeit, die Ausbreitung von Ansteckungen einzudämmen, die Reduktion menschlicher Kontakte, die sogenannte ‚soziale Distanzierung‘. Entsprechende Infektionsschutzmaßnahmen können - neben der Infektionskrankheit selbst - ebenfalls gravierende Auswirkungen haben: In der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie wurden in Deutschland ab März 2020 zunehmend weitreichende Kontaktbeschränkungen erlassen, welche u.a. die Schließung von Kinderbetreuungs- und Bildungseinrichtungen, Kultur-, Gastronomie- und Freizeitstätten sowie weite Teile des Handels nach sich zog. Zudem wurden Beschäftigte angehalten, ihre Tätigkeit nach Möglichkeit in Heimarbeit (i.F.: Home-Office, HO) zu erledigen.
Das Forschungsvorhaben widmet sich den Auswirkungen der aktuellen Belastungssituation und des Infektionsschutz-bedingten Home-Office (i.F.: IS-HO) auf Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit von Beschäftigten. Dabei wird untersucht 1) ob Beschäftigte adaptive Verhaltensweisen nutzen, 2) wie Beschäftigte durch ihre Führungskräfte unterstützt werden können, und 3) wie sich Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit im Verlauf der Pandemie verändert. Das IS-HO unterscheidet sich gravierend vom üblichen HO, welches Organisationen oftmals gewähren, um durch Flexibilität ihre Arbeitgeberattraktivität zu steigern
Das IS-HO stellt kein freiwilliges Angebot dar und geht oft mit unzureichender Arbeitsausstattung, eingeschränkten Arbeitszeiten durch parallele Betreuung von Kindern sowie Störungen und Arbeitsunterbrechungen einher. Zusätzlich sind Beschäftigte durch die Pandemie belastet und erleben Unsicherheit, sodass Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit beeinträchtigt werden Daher erfordert die derzeitige Situation ein im Vergleich zu regulärer HO-Tätigkeit höheres Maß an Selbstmanagement und proaktiver Gestaltung.
Job Crafting (i.F.: JC) bezeichnet die proaktive Gestaltung der eigenen Arbeit. Es umfasst selbst-initiierte Veränderungen, u.a. bzgl. Arbeitsaufgaben, -ressourcen und -anforderungen. Ziel ist es, die Arbeit an die eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten anzupassen. Als Folge erleben Beschäftigte u.a. Steigerungen von Arbeitsengagement, Produktivität und Wohlbefinden. Zudem zeigen Studien, dass JC Beschäftigten auch bei Wirtschaftskrisen oder organisationalen Veränderungen helfen kann, ihr Wohlbefinden und ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Entsprechend gehen wir davon aus, dass JC großes Potential hat, Beschäftigten zu helfen, mit den – durch die Pandemie hervorgerufenen – neuen Herausforderungen umzugehen.
Üblicherweise können Führungskräfte das JC ihrer Beschäftigten beeinflussen, indem sie vertrauensvolle und unterstützende Beziehungen zu ihnen aufbauen und sie ermutigen, proaktiv und eigenverantwortlich ihren Job zu craften. Im IS-HO, das durch starke Belastung und Unsicherheit geprägt ist, könnte sich das Bedürfnis nach Führung verstärken. Gleichzeitig sind jedoch Führungskräfte selbst betroffen und nur begrenzt sowie virtuell in der Lage, ihre Beschäftigten zu unterstützen. Daher möchten wir untersuchen, wie und ob Beschäftigte ihren Job in der aktuellen Pandemie durch JC erfolgreich gestalten und wie sie dabei durch ihre Führungskräfte virtuell unterstützt werden können. Gerade in Krisenzeiten sind Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden von Beschäftigten wichtige Voraussetzungen für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft.
Diese Studie soll aufzeigen, wie Beschäftigte die aktuelle Situation bewältigen können: JC kann Beschäftigten im IS-HO helfen, ihre individuellen Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass sie diese bestmöglich und ohne Beeinträchtigung von Wohlbefinden oder Leistungsfähigkeit erledigen können. Daher ist die Durchführung des Forschungsvorhabens wichtig, um für zukünftige Pandemien vorbereitet zu sein und Beschäftigten sowie Organisationen evidenzbasierte Handlungsempfehlungen zur Förderung von JC bereitzustellen.