Materialien und Objekte - Geschichte der Rhodopsinforschung zwischen Biowissenschaften, Chemie und Technologien (ca. 1880-1992)
Auf einen Blick
DFG Eigene Stelle (Sachbeihilfe)
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Projektbeschreibung
Im Zentrum dieser Studie steht die Geschichte der Forschungen zu Rhodopsinen, lichtaktivierbaren Proteinen, welche sowohl in Mikroorganismen als auch in der Retina des tierischen Auges gefunden wurden. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich von ca. 1880-1992 und umfasst Felder wie Mikrobiologie, Membran- und Strukturforschung, die Biochemie des Sehvorganges sowie Biotechnologien. Ziel dieses Projektes ist eine detaillierte Untersuchung der historischen Genese eines Objekts der Naturwissenschaften im Spannungsfeld von wissenschaftlichen sowie technischen Praktiken und Konzepten. Im Mittelpunkt steht der Zeitraum von ca. 1970-1980, in dem das so genannte Bakteriorhodopsin in einer kleinen Forschergemeinschaft als wissenschaftliches Objekt konstituiert wurde und dann schnell zu einem Modell der Erklärung eines physiologischen Vorganges durch die Dynamik eines Makromoleküls avancierte. Dies spiegelt sich unter anderem in metaphorischen Bezeichnungen des Bakteriorhodopsins als “molekularer Pumpe” oder “Maschine” wider. Die Untersuchung der zentralen Dekade nach 1970 wird flankiert von Analysen der Mikro- und Membranbiologie sowie der Biochemie des Sehens (ca. 1880 – 1970), aus denen die in der Folgezeit verbundenen materiellen und konzeptuellen Ressourcen hervorgingen, sowie einer Untersuchung der Transformationen von Bakteriorhodopsin zu einen zunehmend technischen Gegenstand (ca. 1980-1992). Da diese Forschungsfelder, und insbesondere der Aufschwung der Membranbiologie nach der Hochphase der Molekulargenetik bisher kaum Gegenstand historischer Forschungen gewesen sind, wird diese Studie die Geschichte der Lebenswissenschaften im 20. Jahrhundert sowohl zeitlich als auch thematisch an wichtiger Stelle erweitern. Ferner stellt der vorliegende Fall beispielhaft konzeptuelle und materielle Verbindungen der Lebenswissenschaften zur Chemie als der Wissenschaft von Stoffen und ihren Transformationen dar. So wurde die Bakteriorhodopsin enthaltende Membran gleichermaßen als funktioneller Bestandteil der Zelle wie als ein präparierbarer Stoff verstanden, und die biologische Aktivität der Membran als physikochemische Reaktivität eines Moleküls reformuliert. In Verbindung mit der Rolle von Bakteriorhodopsin als Werkzeug und technischem Objekt ermöglichen es diese Aspekte, beispielhaft Veränderungen des Konzeptes des Lebenden in den Wissenschaften der jüngeren Vergangenheit zu dokumentieren, und damit die Arbeit an einer historischen Fallstudie mit epistemologischen Überlegungen zu verbinden.
Projektleitung
- Person
Mathias Grote
- Institut für Geschichtswissenschaften
- Wissenschaftsgeschichte mit einem Schwerpunkt in der Geschichte der Bildung und der Organisation des Wissens im 19. und 20. Jahrhundert