Politische Kulturgeschichte Deutschlands 1900-1939

Auf einen Blick

Laufzeit
10/2007  – 03/2008
Förderung durch

DFG Sachbeihilfe DFG Sachbeihilfe

Projektbeschreibung

<p>Das Projekt zielt darauf, die deutsche Geschichte der Jahre 1890/1900 bis 1939 unter einer Perspektive zu erfassen und darzustellen, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Deutschland in Einzelstudien unterschiedlichen Zuschnitts ansatzweise erprobt, aber nicht zur leitenden Fragestellung einer Synthese erhoben worden ist: der politischen Kulturgeschichte. Dieses Konzept ist selbst erst im Entstehen und stellt kein fertiges Rezept dar, das auf den gewählten Gegenstand der Untersuchung nur anzuwenden wäre.</p>

<p>Der Begriff meint nicht die politologische Politische-Kultur-Forschung. Untersucht werden sollen vielmehr die affektiven Haltungen, mehr oder weniger bewussten Einstellungen und auch die elaborierten Ideen, die für die Weltwahrnehmung von einzelnen und gesellschaftlichen Gruppen und ihre gesellschaftlich-politische und kulturelle Orientierung und ihren Wandel wichtig waren.</p>

<p>Das Projekt definiert anthropologische Fundamentalkategorien und versucht, sie für die geschichtswissenschaftliche Analyse zu konzeptionalisieren. Mit ihrer Hilfe sollen die symbolischen Sinnwelten (Berger/Luckmann) erschlossen werden, die das Denken, Empfinden und Handeln der Zeitgenossen bestimmen, so z.B. Raum, Zeit, Wissen Glauben Fühlen, Körper. Raum und Zeit sind in ihrer historischen Konkretion die allgemeinsten Determinanten für die soziale Existenz in spezifischen Lebenswelten. Soziale Beziehungen sind vielfach durch räumliche Gegebenheiten beeinflusst, ebenso wie durch die Vorstellungen über den Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zeitwahrnehmung, Zeitbewirtschaftung und Zeittheorien wandeln sich im Untersuchungszeitraum ebenso dramatisch wie die Grenzen der Nation und die konkrete Gestalt der räumlichen Umwelt. Die Körpergeschichte bündelt eine Vielzahl von Fragestellungen und Forschungsfelder, aus denen vor allem die Geschlechtergeschichte und die Geschichte der Gewalt herausgegriffen werden sollen. Schließlich geht es um die Bedeutung und Erscheinungs- und Vermittlungsformen von Wissen in einer Epoche, die heute gern als Vorgeschichte der modernen Wissensgesellschaft gedeutet wird. Die dynamischen Veränderungen in der Erfahrung, Deutung und Gestaltung von Raum, Zeit, Körper, Wissen tangierten und transformierten die institutionellen und gedachten Ordnungen im Untersuchungszeitraum dramatisch.</p>

<p>Der Untersuchungszeitraum umfasst die Ära des Wilhelminismus 1890/1900 bis 1914, den Ersten Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit. Zuletzt hat die Forschung die innere Kohärenz der 20er und 30er Jahre in gesellschafts-, kultur- und wissenschaftsgeschichtlicher Perspektive unterhalb der Ebene der großen politischen Zäsur 1933 stärker herausgearbeitet, andererseits wird die Zäsur um 1900 in eben dieser Perspektive stärker betont als früher. Im Projekt sollen die kausalen Zusammenhänge zwischen einer Krise der bürgerlichen Gesellschaft und Kultur einerseits und der Anfälligkeit für radikales Ordnungsdenken (Raphael) und ein autoritäres und schließlich totalitäres Politikmodell systematisch analysiert werden. Dabei ist auch zu fragen, inwieweit die Konjunktur der Gegenwartsdeutung als Krise die Bereitschaft zur Hinnahme bzw. Unterstützung der nationalsozialistischen Herrschaft gefördert hat.</p>

Projektleitung

  • Person

    Prof. Dr. phil. Wolfgang Hardtwig

    • Institut für Geschichtswissenschaften