Postfaktizität in vormodernen Gemeinwesen?
Auf einen Blick
Alte Geschichte
Geschichtswissenschaften
Daimler-Benz-Stiftung
Projektbeschreibung
«Postfaktizität» bezeichnet eine Erscheinung, wonach Menschen anstelle von herkömmlich autorisiertem Wissen aus Traditionsmedien anscheinend immer leichter «alternativen Fakten» aus undurchsichtigen Kanälen Glauben schenken. Sophia Rosenfeld hat in ihrem über die Fachgrenzen hinaus rezipierten Buch «Democracy and Truth: A Short History» die These vertreten, das verbreitete Unbehagen an den aktuell unter den dazugehörigen Begriffen post-truth und fake news subsumierten Phänomenen sei als Erbe der Aufklärung zu verstehen. Im 18. und 19. Jahrhundert hätten sich die intellektuellen Väter der modernen Volksherrschaft auf wissenschaftliche Erkenntnisse berufen und den Wert der Objektivität beschworen, um sich von der auf Intransparenz beruhenden Willkür des Ancien Régimes abzuheben.
Nicht im Fokus Rosenfelds lag die demokratische Tradition des klassischen Athens, die den Vordenkern der heutigen Demokratie gewiss vor Augen stand. Allerdings war der attischen Bevölkerung – anders als in den westlichen Industrienationen – eine Vorstellung von der Funktion des Gerüchts und verwandter Erscheinungen der Alltagskommunikation in der politischen Willensbildung zu eigen, die sich fundamental von der durch Rosenfeld nachgezeichneten Entwicklung unterschied. Klatsch, Konspirationsnarrativ und Verleumdung galten dem Demos als soziales Regulativ, wichtige Informationsquelle und gar Äquivalent zur öffentlichen Meinung, die sich in den Entscheidungen der athenischen Volksversammlung und Gerichte manifestierten.
Das Projekt weitet den Blick und fragt, ob dieser Befund allein für die attische Demokratie gilt oder auch andere Kulturen der Vormoderne umfasst. Daher wird den Mustern postfaktischer Kommunikation sowohl interepochal als auch interkulturell nachgegangen. Einer komparativen Dimension dient der Dialog mit der Forschung zur hellenistischen Polis, zur römischen Republik, zu den italienischen Stadtrepubliken des Mittelalters, den deutschen Reichsstädten der frühen Neuzeit und nicht-europäischen Kulturen der Vormoderne wie z.B. den phönizischen Gemeinwesen. Die gemeinsame Grundlage der Fallstudien bildet die Abwesenheit von Monarchie, die eine bürgerliche Deliberation ermöglicht. Darüber hinaus wird die sozialwissenschaftliche, philosophische und linguistische Forschung zum Thema der «Postfaktizität» eingebunden.
Vor diesem Hintergrund widmet sich das Projekt den Strategien postfaktischer Argumentation in vormodernen Republiken im Vergleich sowie ihren Antworten auf Falschmeldung, üble Nachrede und Verschwörungserzählung. Final ist zu fragen, wie sich vormoderne Wissensgenerierung von der heutigen unterscheidet. Damit, so die Annahme, können wir aus den uns umgebenden Zeitumständen hinaustreten, um Modi des Umgangs mit solchen vermeintlich neuen Erscheinungen in einer globalisierten und vernetzten Gegenwart zu eruieren, die wieder viel kleiner und nahbarer geworden zu sein scheint.
Projektleitung
- Person
Dr. Christopher Degelmann
- Institut für Geschichtswissenschaften
- Alte Geschichte in globaler Perspektive