SFB 644/1-2: Aneignung antiker Skulptur durch Umdeutung und Restaurierung im 17. und 18. Jahrhundert (TP B 10)
Auf einen Blick
DFG Sonderforschungsbereich
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Projektbeschreibung
Antike Skulpturen werden meist nicht vollständig erhalten, sondern in einem mehr oder minder fragmentierten Zustand aufgefunden. Seit dem 16. Jahrhundert und bis weit in das 19. Jahrhundert hinein wurden fragmentierte Skulpturen durch Ergänzungen vervollständigt. Ziel der Ergänzung war die Herstellung einer vollständigen Figur und damit die (Re-)Konstruktion eines verlorenen Ganzen, das dadurch überhaupt erst verständlich und interpretierbar wurde. Jede Ergänzung ist eine Interpretation, die das Fragment transformiert und es in einem gewünschten Sinne lesbar macht. Ausgehend von der ergänzten antiken Skulptur werden die Transformationsprozesse in der Aneignung der Antike im 17. und 18. Jahrhundert untersucht: wie kamen diese Ergänzungen zustande und was sagen sie über das Antikeverständnis dieser Zeit aus? Im Rahmen des Teilprojekts geht es daher weniger um die ästhetische als vielmehr um die kognitive Dimension des Ergänzungsprozesses. Unterprojekt 1: Transformationen zu Apollo und zu Figuren seines mythischen Umfelds (Dagmar Grassinger, seit Dez. 2009 Moritz Kiderlen) In Unterprojekt 1 werden die Transformationen antiker Torsi zu Skulpturen des Gottes Apoll und seines mythischen Umkreises bearbeitet; außerdem werden auch die Ergänzungen der verkannten Apollo-Skulpturen analysiert. Untersucht werden dabei Skulpturen, bei denen durch Ergänzungen der Gott Apollo und Figuren seines mythischen Umfeldes konstruiert wurden, indem antike Torsi, die nach heutiger Sicht nicht mit Apollo und Figuren seines Kreises in Verbindung gebracht werden können, durch Ergänzungen zu solchen gemacht wurden. Aufschlussreich für Aussagen zur Konstruktion der zu analysierenden Bildgruppe sind außerdem die Fälle der »nicht erkannten« Typen, die »gegen die Antike« gedeutet und ergänzt wurden: auch diese versprechen Erkenntnisse zum neuzeitlichen Bild von der Antike und bilden daher ein weiteres Untersuchungsfeld dieses Unterprojektes. Unterprojekt 2: Erfundene Götter (Astrid Dostert) In Unterprojekt 2, das von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Grundausstattung Astrid Dostert verantwortet wird, werden Ikonographien antiker Gottheiten, Personifikationen mythologischer Figuren untersucht, die zwar aus literarischen Quellen bekannt waren, für die aber keine authentische antike Bildprägung zur Verfügung stand: Sie mussten somit neu erfunden werden So wurden antike Torsi zu fiktiven Figuren ergänzt, die nachträglich der Antike zugeschrieben wurden. Das Unterprojekt untersucht die Konstruktion von vermeintlich antiken Bildwerken, die in Wirklichkeit jedoch neuzeitliche Erfindungen unter Einbeziehung antiker Fragmente darstellen.
Projektleitung
- Person
Prof. Dr. Luca Giuliani
- Institut für Archäologie