Zwischen Natur und Gesellschaft: Wasser als Grenzakteur

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Open Humboldt
In loser Folge stellen wir Forschende vor, deren Projekte in der Ausstellung „On Water“ im Humboldt Labor gezeigt werden. Die HU-Wissenschaftlerin Annett Bochmann untersucht das Grenzgeschehen an zwei Flüssen.

Auf den Tischen und an den Whiteboards in Annett Bochmanns Büro liegen und hängen viele Karten und Zeichnungen. Was dieses Material verbindet, sind zwei Flüsse: Der Vuoksi, ein grenzüberschreitender Fluss, der von Finnland nach Russland fließt, und der Moei, ein klassischer Grenzfluss, der Myanmar (ehemals Burma) und Thailand trennt. Ein Teil der Karten sind im Laufe von Forschungsaufenthalten entstanden – per Hand skizziert zusammen mit lokalen Forschungspartner*innen. Andere, zum Beispiel historische Karten, bringt die Soziologin von ihren Forschungsreisen mit. Um Grenzen und ihre Logiken besser verstehen und vergleichen zu können, kartiert und skizziert sie auch computergestützt die Regionen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen. 

„Grenzen sind nicht allein das Resultat menschlichen Handelns“

Bochmann ist Postdoc am Institut für Sozialwissenschaften der Humboldt-Universität. Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft leitet sie das Projekt „Grenzmaterialität und Infrastrukturen: Urbane Grenzräume im Vergleich“, bei dem es darum geht, lokale und globale Einflüsse auf Grenzdynamiken zu untersuchen. Der Fokus liegt dabei auf drei Bereichen: Grenzkontrolle, Ökonomie und Wasserinfrastruktur. Bochmanns Ansatz folgt der Theorie der Soziomaterialität, die davon ausgeht, dass soziale Handlungen und materielle Elemente miteinander verflochten sind und sich gegenseitig beeinflussen. Besonders interessiert sie das Machtverhältnis zwischen Menschen und Natur – ein Verhältnis, das sie neu denken möchte. „Grenzen sind nicht allein das Resultat menschlichen Handelns“, sagt sie. „Sie entstehen auch durch die Interaktion von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren. Nicht nur der Mensch, auch das Wasser prägt Grenzverläufe und -situationen mit.“ 

Beide Grenzen ihrer Untersuchung sind in hohem Maße von geopolitischen Konflikten geprägt. Finnland hat im Zuge des Ukrainekriegs 2022 seine Grenze zu Russland komplett geschlossen und in Burma/Myanmar herrscht seit 2021, nachdem das Militär die Regierung von Aung San Suu Kyi stürzte, wieder ein Bürgerkrieg. „Diese Dynamiken haben selbstverständlich großen Einfluss auf die Grenze, doch für mich interessiert eben auch die Macht des Wassers auf das Grenzgeschehen“, sagt Bochmann.  

Dafür reist sie regelmäßig zu langen Forschungsaufenthalten in die Grenzregionen. Dort arbeitet sie vorranging mit ethnografischen Methoden: Sie führt teilnehmende Beobachtungen durch, nimmt Videos auf, assistiert Hydrologen beispielsweise bei Wasseranalysen, begleitet Grenzsoldaten bei ihren Patrouillen und führt Interviews mit lokalen Akteur*innen. 

Interdisziplinäre Forschung auf Augenhöhe

In Südostasien forscht sie schon seit 2011, wo sie unter anderem für ihre Doktorarbeit Flüchtlingslager untersuchte. „Wenn ich vor Ort bin, forsche ich nicht nur, sondern nehme gleichzeitig am sozialen Leben der lokalen Bevölkerung teil“, sagt sie. Ein ganz wichtiger Aspekt ihrer Forschung, den sie besonders betont, ist die Zusammenarbeit mit Forschenden aus den Regionen. So gehören zu ihrer Arbeitsgruppe auch Kolleg*innen der Chulalongkorn University in Bangkok und der University of Eastern Finland. An beiden Universitäten ist Bochmann selbst Gastforscherin. Ihre Arbeitsgruppe ist zudem interdisziplinär, sie arbeitet beispielweise mit Geografen und Urban Designern zusammen, die über das nötige Fachwissen zu Flüssen und kritischem Mapping verfügen. Kritisches Mappen, so erklärt Bochmann, bedeutet Kartierungen auch als Macht- und Herrschaftsinstrumente zu reflektieren.

Zurück zum Verhältnis zwischen Grenzen und Wasser: Die Grenze zwischen Finnland und Russland zählt zu den fortifiziertesten Grenzen der Welt: Zäune, Sensoren, Kameras und viel Personal sorgen für eine hochkontrollierte Überwachung – auch in den Grenzstädten Imatra und Svetogorsk. Bevor die Grenze geschlossen wurde, sah es hier noch ganz anders aus. Damals prägten Handel und rege Grenzübertritte die Städte, Tourist*innen und Einkaufsfreudige wechselten täglich die Seiten. Das Wasser im stark manipulierten Vuoksi fließt aber weiter. Auch eine gemeinsame Kooperation ist weiterhin notwendig: Für eine effiziente Energienutzung brauchen die Wasserkraftwerke, von denen jedes Land je zwei hat, regulierte Pegelstände. „Der Vuoksi ist sauber, umsorgt, aber auch manipuliert. Die Menschen beherrschen hier das Wasser in hohem Maße“, sagt Bochmann.

Die Natur als handelnder Akteur

Die Grenze zwischen Myanmar/Burma und Thailand hingegen ist viel weniger fortifiziert. Der Moei an den Grenzstädten Myawaddy und Mae Sot bildet eine fluide Grenze, die vielfältige Kooperationen ermöglicht. Auch wenn eine der beiden Freundschaftsbrücken über den Moei zwischen den beiden Staaten aktuell geschlossen und der Handel durch den Bürgerkrieg in Burma/Myanmar stark eingeschränkt ist, findet er doch statt. „An dieser Grenze haben lokale Akteur*innen Mitspracherechte, sie ist nicht vollständig zentralstaatlich reguliert“, erklärt Bochmann und ergänzt:„Interessant ist aber auch, dass die natürlichen saisonalen Pegelschwankungen des Wassers den Grenzverlauf verschieben.“

Einerseits entstehen Moränen, die den Grenzverlauf verändern und zu lokalen sowie staatlichen Unstimmigkeiten führen. „Andererseits können wir in Monsunzeiten temporäre Schließungen der Grenze beobachten, die den grenzüberschreitenden Handel stoppen oder massiv erschweren.“ Der Moei und die Macht des Wassers „greift“ als Grenzakteur in die soziale Situation ein. Dies zeigt sich besonders deutlich, wenn durch den Monsun Grenzinfrastrukturen in hohem Maße zerstört werden (siehe Foto). 

Autorin: Ljiljana Nikolic

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Themen:
Wasser
Klima und Umwelt