„Akademische Freiheit bedeutet forschen ohne Angst“

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Berlin University Alliance
Vom Verlassen der Heimat bis zum Neuanfang in Berlin: Ein Gastwissenschaftler aus Sankt Petersburg berichtet über seinen Weg an die Humboldt-Universität, die Herausforderungen im Exil und warum freie Wissenschaft für ihn unverzichtbar ist.

Nikolay B.* ist Sozialwissenschaftler und kommt ursprünglich aus Sankt Petersburg. Etwa ein Jahr nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine, trafen er und seine Familie die Entscheidung, ihr Heimatland zu verlassen. Nachdem sie einige Jahre in einem Nachbarland gelebt haben, in dem sich russische Staatsbürger auch ohne Visum aufhalten dürfen, kam er schließlich mit seiner Familie im Juli 2025 – mit Unterstützung der Philipp-Schwartz-Initiative für bedrohte Forscher*innen – nach Berlin. Heute forscht er als Gastwissenschaftler an der Humboldt-Universität. Im Interview erzählt Nikolay B. über seine Entscheidung, Russland zu verlassen, sein Ankommen in Berlin und was Wissenschaftsfreiheit für ihn bedeutet. *Name von der Redaktion geändert

Nikolay B., Ihre Fakultät – auch unter dem Namen Smolny College bekannt – war ein gemeinsam mit dem Bard College und der St Petersburg State University aufgebautes Liberal-Arts-Programm, das für akademische Offenheit und kritisches Denken stand. Inwieweit war Ihre Arbeit dort riskant? 

Nikolay B.: Das Smolny College war bis etwa 2020 eines der „liberaleren“ Colleges in Russland. Liberal in dem Sinne, dass es dort noch einen relativ offenen Meinungsaustausch zwischen den Studierenden und Lehrenden gegeben hat und kritisches Denken und Diskutieren aktiv gefördert wurde. Ich habe mich dafür in meiner Lehre auch sehr eingesetzt und immer versucht, meinen Studierenden Werte mitzugeben, ihnen zu erklären, dass Krieg – und Gewalt generell – ein Zeichen von Schwäche ist und dass Menschen verschiedene Meinungen und Ansichten haben dürfen.

Ich habe immer darauf geachtet, Dinge zu umschreiben, sie nicht beim Namen zu nennen. Aber es wurde immer schwerer. Irgendwann wurde das Bard College – was ja eine private westliche Universität mit Sitz in den USA ist – von der Regierung als „ungewünschte Organisation“ eingestuft.  

Das bedeutet, man sollte lieber nicht mit ihr arbeiten, sonst könnte man Gefahr laufen, wegen „extremistischen Aktivitäten“ strafrechtlich verfolgt und verurteilt zu werden?

Nikolay B.: Genau. Die einzig schlimmere Kategorie nach „unerwünschter Organisation“ ist nur noch „terroristische Organisation“. Unsere Freiheiten, die wir am Smolny College hatten, wurden immer weiter eingeschränkt. Wir mussten alle Verbindungen zum Bard College entfernen. Der Inhalt der angebotenen Studienprogramme wurde sorgfältig geprüft und musste häufig geändert oder angepasst werden, da angenommen wurde, dass wir eine „Gefahr für traditionelle Werte“ darstellen. Immer mehr meiner Kolleg*innen haben Russland verlassen. Und obwohl ich noch nicht persönlich verfolgt wurde, war die Sorge immer da, dass Staatsvertreter jederzeit von der Tür stehen könnten, um mich mitzunehmen.

Was war für Sie der Punkt, an dem Sie entschieden haben, Russland zu verlassen?

Nikolay B.: Meine Frau hatte bereits seit Beginn des Krieges den Wunsch geäußert, das Land aus Sicherheitsgründen verlassen zu wollen und wir haben viel darüber diskutiert. Wir waren beide gegen den Krieg, aber wir waren uns einig, dass wir etwas Gutes tun können, wenn wir bleiben und unsere Ideen und Gedanken mit Studierenden und Bekannten besprechen. Dann begann die Mobilisierung für die Front und wir realisierten, dass wir nicht länger bleiben konnten. Wir verließen Russland kurz bevor ein Brief in unserem Briefkasten landete, dass ich eingezogen werden sollte.

Danach sind Sie zunächst in ein benachbartes Land im Kaukasus gegangen, wo russische Staatsbürger ohne Visum bleiben dürfen. Wie sind Sie schließlich auf die Philipp-Schwartz-Initiative gestoßen?

Nikolay B.: Während meiner Zeit im Kaukasus begann ich, online über die Smoly Beyond Borders Initiative zu unterrichten. Smolny Beyond Borders wurde 2023 infolge der Repressionen gegen das Smolny College und der zunehmenden Einschränkungen akademischer Freiheit in Russland von ehemaligen Smolny-Kolleg*innen und dem Bard College gegründet. Die Initiative unterstützt exilierte Studierende und Wissenschaftler*innen aus Ländern, die von Krieg betroffen sind, dabei, ihre akademische Arbeit im Ausland fortzusetzen und internationale Netzwerke aufzubauen. Sie können sich da kostenlos anmelden und die Seminare finden online statt.

2024 war ich dann mit Smolny Beyond Borders auf einer Konferenz in Berlin, wo ich Neda Soltani vom Welcome Center der HU Berlin getroffen habe. Sie erzählte uns von der Philipp-Schwartz-Initiative. Allerdings gab es in dem Jahr keine Ausschreibung, sodass ich es dann 2025 noch einmal versucht habe – und es hat dann geklappt. 

Im Sommer 2025 sind Sie als Fellow an die Humboldt-Universität gekommen. Wie war der Start für Sie?

Nikolay B.: Ich würde sagen vergleichsweise einfach. Viele Freunde von mir aus Russland lebten bereits in Berlin, so dass ich direkt Anschluss hatte. Und auch von meinen Kolleg*innen an der HU wurde ich sehr herzlich und hilfsbereit aufgenommen. Sie haben mir geholfen, im Alltag an der Uni anzukommen. Die HU und insbesondere Neda Soltani unterstützten mich dabei auch in Bereichen, die für mich als Ausländer anfangs schwierig waren, etwa bei Visumsangelegenheiten. Eine etwas überraschende Herausforderung war zu Beginn, ein Konto zu eröffnen. Banken sind sehr misstrauisch bei Geld aus Russland und vermuten zunächst Geldwäsche. Natürlich hatte ich nicht vor, mein Geld zu waschen, aber meine Konten mit all meinem Ersparten sowie die von meiner Frau wurden eingefroren. Es hat mich gut ein halbes Jahr gekostet, mit Anwälten, unser Erspartes zurückzubekommen.

Inzwischen leben und arbeiten Sie ja nun ein gutes Dreivierteljahr in Berlin. Würden Sie sagen, Sie haben sich gut eingelebt?

Nikolay B.: Dadurch, dass ich ja bereits so viele Freunde hier in Berlin hatte, die vor mir hergekommen sind, hatte ich von Beginn an so etwas wie eine stabile Community. Das war sehr hilfreich. Aber mein Ziel ist es immer noch, mich mehr zu integrieren und auch deutsche Freunde zu finden. Ich hoffe sehr, eines Tages in Gruppen unterwegs zu sein, die nicht nur Russisch oder Englisch sprechen, sondern Deutsch. Aber dafür muss man natürlich die Sprache sprechen können und das ist etwas, das ich noch lernen muss.

Könnten Sie sich vorstellen, auch längerfristig hierzubleiben?

Nikolay B.: Vorstellen ja. In einer perfekten Situation würde ich hier Professor werden, forschen, lehren und meine Wertvorstellungen an die Wissenschaft, an Studierende und Kolleg*innen weitergeben. In der Realität ist das leider nicht so einfach. Ich werde versuchen, mich auf weitere Förderprogramme zu bewerben, um weiter bleiben zu können. Aber das wäre dann auch wieder für eine begrenzte Zeit. Hier sehe ich auch einen großen Unterschied der deutschen Wissenschaft im Vergleich etwa zu Russland. Dort sind langfristige Verträge die Regel. Ich habe meine Karriere am Smolny College, an der Fakultät für freie Künste, begonnen und bin dort zwölf Jahre lang geblieben – bis ich Russland verlassen musste. Das war selbstverständlich. Während meiner Zeit an der HU Berlin hat sich inzwischen fast das gesamte Kollegium verändert. Natürlich kann es positiv sein, wenn eine Position nicht automatisch für immer besetzt wird. Aber dieses System macht es einem sehr schwer, langfristig zu planen.

Wo Sie gerade von Werten gesprochen haben: Was bedeutet „akademische Freiheit“ persönlich für Sie?

Nikolay B.: Oh, das ist schwierige Frage! Ich denke, akademische Freiheit unterscheidet sich im Grunde kaum von der allgemeinen Freiheit. Es bedeutet, sagen und tun zu können, was man für richtig hält, und nicht nur das, was erlaubt ist. In der Wissenschaft bedeutet das eben auch, frei mit anderen zu kommunizieren, worüber, wann und wo man möchte. Natürlich auf der Grundlage von gegenseitigem Respekt und Einverständnis. Und zu forschen, ohne die Angst zu haben, dass mächtige Akteure die Ergebnisse willkürlich auslegen. Gleichzeitig sollte man sich der möglichen Konsequenzen der eigenen Forschung stets bewusst sein – insbesondere bei Technologien, deren Potenzial noch nicht vollständig verstanden ist, wie etwa Künstliche Intelligenz oder Kernenergie.

Mehr zu Wissenschaftsfreiheit gibt es auf der diesjährigen Berlin-Brandenburg Academic Freedom Week. Die Aktionswoche wurde 2022 von der Humboldt-Universität ins Leben gerufen und findet zum dritten Mal unter ihrer Leitung statt, erstmals gemeinsam mit dem Regionalverbund Scholars-at-risk Berlin-Brandenburg und der Berlin University Alliance.

Interview: Tabea Kirchner

Themen:
Wissenschaftsfreiheit
International
Forschung
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