Angesichts zunehmender gesellschaftlicher Spannungen, ökologischer Krisen und demokratischer Herausforderungen fordern Wissenschaftler*innen, Pädagog*innen und Bildungspolitiker*innen eine konsequente Neuausrichtung der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Grundschule – hin zu einer politischen Nachhaltigkeitsbildung. Diese Forderungen wurden in der „Berliner Erklärung“ am 17. März verankert, die maßgeblich von Prof. Dr. Bernd Overwien und Jurik Stiller vom Arbeitsbereich für Sachunterricht und seine Didaktik an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) verfasst wurde.
Nachdem Erstunterzeichner*innen bereits ihre Unterstützung der Berliner Erklärung zum Ausdruck gebracht haben, wird sie nun weiteren bildungspolitische Akteur*innen vorgelegt. Eine Unterzeichnung ist noch bis Ende April online möglich. Anschließend wird die Erklärung der Kultusministerkonferenz zur Weitergabe an die Landesministerien überreicht.
Nachhaltigkeit als politische und gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Während Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Grundschule bislang vor allem auf individuelle Verhaltensänderungen wie Mülltrennung oder Energiesparen abzielt, kritisieren die Unterzeichner*innen, dass dadurch gesellschaftliche Strukturen, politische Entscheidungsprozesse und wirtschaftliche Machtverhältnisse aus dem Blick geraten. Kinder würden so einseitig als Konsument*innen adressiert und mit einer Verantwortung belastet, die sie weder allein tragen noch lösen können.
Politische Nachhaltigkeitsbildung von Anfang an
Zu den zentralen Forderungen der „Berliner Erklärung“ gehört eine curriculare Verankerung einer kritisch-politischen BNE in allen Bundesländern – fachübergreifend und fachspezifisch. Außerdem wird eine Stärkung politikdidaktischer und BNE-bezogener Inhalte in Studien- und Prüfungsordnungen des Grundschullehramts reklamiert. Notwendig sei auch eine Entwicklung qualitätsgesicherter Unterrichtsmaterialien, die institutionelle Handlungsebenen (Politik, Verwaltung, Wirtschaft) sichtbar machen und kollektive Handlungsoptionen betonen. Außerdem sei eine Verankerung demokratischer Partizipationskulturen im Grundschulalltag wünschenswert – etwa durch Schüler*innenparlamente oder Kooperationen mit zivilgesellschaftlichen Akteur*innen im Sinne eines „Whole School Approach“. Forschungsbefunde belegen, dass Kinder bereits im Grundschulalter über politische Urteilsfähigkeit verfügen und komplexe Gerechtigkeits- und Verantwortungsfragen reflektieren können. Politische Nachhaltigkeitsbildung versteht daher kollektives Handeln und demokratische Teilhabe als Kernkompetenzen – nicht erst in weiterführenden Schulen, sondern von Anfang an.
„Kinder haben ein Recht auf politische Bildung“
Die Unterzeichner*innen appellieren an Bildungspolitik, Lehrkräftebildung und Schulpraxis, diese konzeptionelle Neuausrichtung entschlossen umzusetzen: „Kinder haben ein Recht auf politische Bildung – und die Gesellschaft ein Recht auf eine Schule, die Demokratie und Nachhaltigkeit zusammen denkt“, so Overwien und Stiller. Zu den Erstunterzeichner*innen der Erklärung gehören die Mitautor*innen Prof. Dr. Detlef Pech (Leiter des Arbeitsbereichs Sachunterricht und seine Didaktik, HU), Prof.in Dr. Sarah Désirée Lange (Professur Schulpädagogik der Primarstufe, Universität Chemnitz), Prof. Dr. Andreas Eis (Professur Didaktik der Politischen Bildung, Universität Kassel) sowie Prof. Dr. Niels Pinkwart, Vizepräsident für Lehre und Studium an der HU.
Die „Berliner Erklärung“ entstand im Rahmen der Abschlusstagung des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) geförderten Projekts „Sozial-ökologische Bildung für nachhaltige Entwicklung im Sachunterricht der Grundschule“ am 16. und 17. März 2026 an der HU mit 100 Teilnehmenden, darunter Lehrkräfte, Studierende, Vertreter*innen aller Phasen der Lehrkräftebildung sowie außerschulischer Lernorte und weiterer an politischer Nachhaltigkeitsbildung Interessierter, die sich in großer Zahl der Erklärung als Erstunterzeichnende angeschlossen haben.