Eva Frings war im Juni in der Slowakei unterwegs. „Die Hauptstadt habe ich nicht gesehen, aber ich weiß, wie ein durchschnittliches slowakisches Dorf aussieht, wie die Supermärkte bestückt sind und ich habe viel von der beeindruckenden Natur gesehen.“ Was sich nach einem chilligen Urlaub anhört, war eine körperliche Höchstanstrengung. Die Mathematik-Masterstudentin der Humboldt-Universität macht Ultracycling und ist ein Brevet gefahren. Sie hat 1.000 Kilometer von Dresden in die Slowakei mit dem Rennrad innerhalb von 65 Stunden zurückgelegt und hat dabei 14.000 Höhenmeter überwunden. „Ein Brevet ist kein Wettkampf im klassischen Sinne, es gibt kein Ranking“, erklärt sie. Man legt eine lange Strecke mit dem Fahrrad innerhalb eines vorgegebenen Zeitraums zurück, ohne in Konkurrenz mit anderen zu treten, „höchstens zu sich selbst“. Die Rückfahrt, die sie mit dem Zug hätte machen können, legte sie auch per Rad zurück.
Frings ist 2022 zum Physik-Studium von Hessen nach Berlin, an die HU gekommen. „Davor hatte ich weder ein Rad, noch habe ich sonderlich viel Sport gemacht“, erinnert sie sich. In Berlin ist sie mit Menschen zusammengekommen, die viel Sport treiben und hat selbst angefangen, lange Strecken zu laufen und Triathlon zu machen. „Das hat Spaß gemacht, aber ich bin keine gute Schwimmerin.“ Dabei entdeckte sie die Liebe zum Rad und für Langstreckenfahrten. Sie kaufte sich ein gebrauchtest Rennrad.
Körperliche und mentale Grenzen austesten
Der Sport ist für sie der perfekte Ausgleich für die Kopfarbeit, das viele Sitzen im Studium und im Bürojob bei „Ärzte ohne Grenzen“. „Bei langen Fahrten schaltet der Kopf irgendwann ab“. Sie mag dieses Gefühl, mag es auch, Routinen zu verlassen, körperliche und mentale Grenzen auszutesten, bis zum Ende durchzuhalten. Sie ist häufig überwältigt von der Schönheit der Natur. Strecken bis zu 600 Kilometer fährt sie ohne zu schlafen, nur ein Powernap entlang der Strecke ist mal drin. Etwa alle 100 Kilometer hält sie an, um Essen einzukaufen, das sie meist beim Fahren isst. „Kohlenhydrate, Zucker und Salz sind die wichtigsten Komponenten für so eine Langstreckenfahrt“, erklärt sie. Wichtig sei es auch, den eigenen Körper und seine Grenzen zu kennen, frühzeitig zu essen, bevor der Hunger kommt, zu schlafen, wenn der Körper nicht mehr kann. „Meist schlafe ich draußen im Schlafsack.“ Manchmal kommt es zu unfreiwilligen Begegnungen mit Tieren, schönen und gefährlichen. In der Slowakei sind ihr nachts zwei wütende Hunde hinterhergejagt.
Ihre erste Langstreckenfahrt fuhr Eva Frings von München nach Venedig, etwa 500 Kilometer in 24 Stunden. „Die Strecke geht über Eurovelos, europäische Fernradwege, die sich gut fahren lassen.“ In Venedig war sie überwältigt, von der Stadt und auch von der eigenen körperlichen und mentalen Leistung. Sie auch den „Le Mille de Sud“ gefahren, eine 1000-Kilometer-Brevet durch Südfrankreich und Italien. Sie fuhr die Strecke in 84 Stunden und über 20.000 Höhenmeter. „Es war sehr beeindruckend über den Mont Ventoux zu fahren, den ich schon so oft bei der Tour de France gesehen habe.“
Leidenschaft für die Mathematik
Kürzlich wurde Eva Frings auf dem Sommerfest der Humboldt-Universität durch HU-Präsidentin Prof. Dr. Julia von Blumenthal geehrt. Bei der Aktion Stadtradeln belegte sie im HU-Ranking den ersten Platz. Sie fuhr innerhalb von 21 Tagen über 3.000 Kilometer. „Mit Stadtfahrten hätte ich das nicht geschafft, das Brevet in die Slowakei fand in diesem Zeitraum statt und konnte in die Zählung einfließen.“ Um sich auf die Langzeitstrecken vorzubereiten, trainiert sie in Berlin und Umgebung, fährt wöchentlich gut zwölf Stunden Rennrad, dazu kommen Stadtfahrten, zum Beispiel die zwischen der Universität und ihrer Wohnung. „Ich laufe außerdem immer noch gerne und gehe ins Fitness-Studio.“
Das Durchhaltevermögen, dass sie fürs Ultracycling braucht, stärkt sie auch im Studium, und umgekehrt, nutzt ihr die Disziplin, die das Studium fordert, für den Sport. Von einer beruflichen Zukunft im Sport träumt sie allerdings nicht. „Meine Leidenschaft ist die Mathematik, nach dem Master möchte ich promovieren.“
Das Ziel: 3.000 Kilometer in zehn Tagen
Auch wenn man Ultracycling meist alleine fährt und am besten seinem eigenen Tempo folgt, ist es trotzdem ein sozialer Sport. „Rund um die Fahrten und Wettkämpfe lerne ich viele tolle Menschen kennen, lasse mich inspirieren.“ Zurzeit bereitet sich Eva Frings auf ihre nächste Herausforderung vor, die Transibérica, ein anspruchsvolles Ultracycling-Rennen. Es beginnt Ende August und führt von Belgien über Luxemburg, die Schweiz und Frankreich nach Spanien. Das Ziel ist, 3000 Kilometer in maximal 16 Tagen zu fahren. „Ich möchte es in zehn Tagen schaffen.“ Viel Glück, Eva!
Autorin: Ljiljana Nikolic
