Crowdsourcing-Plattform für die Suche nach der großen Geschichte hinter den kleinen Dingen

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Forschung
Dr. Magdalena Waligórska erforscht die Geschichte der Enteignung von Juden während des Holocausts in Polen und Belarus. Mit der Plattform ist sie auf der Suche nach Alltagsgegenstände aus jüdischem Besitz, die sich in Privathaushalten erhalten haben.

Ein Team von Wissenschaftlerinnen der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und der Jagiellonen-Universität in Krakau hat gemeinsam mit dem POLIN – Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau die Plattform Przechowane.org entwickelt. Ende Januar ist die polnischsprachige Website online gegangen. Mit Przechowane.org – przechowane bedeutet auf Deutsch „aufbewahrt“ – wollen die Forschenden Menschen ansprechen, die Gegenstände jüdischer Herkunft in ihren Häusern aufbewahren oder diese ausfindig gemacht haben. Sie rufen dazu auf, Fotos und Beschreibungen dieser Objekte hochzuladen, dies ist auch anonym möglich. Auf Wunsch beantworten die Wissenschaftlerinnen auch Fragen zu den jeweiligen Gegenständen

„Erinnerungsstücke an die Menschen, die es heute nicht mehr gibt“

„Uns interessiert jedes – selbst das unscheinbarste oder beschädigtste – Objekt, das ermöglicht, sich ein Bild von dem alltäglichen Leben eines jüdischen Hauses, einer Werkstatt oder eines Einkaufsladens aus der Vorkriegszeit zu machen. Ein kaputter Kerzenhalter, ein alter Topf, ein einzelner Teller, ein ausgewaschenes Spitzendeckchen oder ein zerrissener Mantel… Wir möchten die alltäglichen Objekte ins Licht rücken, die möglicherweise keinen großen musealen Wert haben, aber unbezahlbar sind als Erinnerungsstücke an die Menschen, die es heute nicht mehr gibt, und als Teil einer wichtigen Geschichte“, heißt es in der in Polen veröffentlichten Pressemitteilung.

Rekonstruktion der Geschichte der Enteignung

Die Crowdsourcing-Plattform ist Teil des Forschungsprojekts „Plundered Lives“ der Historikerin Dr. Magdalena Waligórska. Am Institut für Ethnologie der HU erforscht sie mit ihrem Team die Geschichte der Enteignung von Juden während des Holocausts in Polen und Belarus. Dabei stehen Alltagsgegenstände wie Kleidung, Geschirr oder Tischtücher im Mittelpunkt – Objekte, die in der Forschung bisher kaum Beachtung fanden. In den Schtetls, kleineren Orten im Osten Polens und dem heutigen Belarus, haben die deutschen Besatzer während des Zweiten Weltkriegs die jüdischen Einwohner oft nahe der Ortschaften in Massenerschießungen ermordet. Ihre Wertsachen, Kleidung und Mobiliar wurden in Güterzügen nach Deutschland verschickt. Ein Teil der geraubten Gegenstände aus jüdischem Besitz blieb aber vor Ort. Viele Alltagsgenstände tauschten Juden gegen Essen ein, und wenn sie sich verstecken mussten, gaben sie ihre Wertsachen oft zur Aufbewahrung an nichtjüdische Nachbarn. Die menschenleeren Ghettos wurden von der örtlichen Bevölkerung außerdem teilweise geplündert. Auf diesen und anderen Wegen gelangten jüdische Gegenstände in nichtjüdische Haushalte. Die Geschichte hinter diesem großen Transfer der „kleinen Dinge“ möchte Magdalena Waligórska rekonstruieren. Mithilfe der Bilder und Beschreibungen solcher Objekte, die auf der Crowdsourcing-Plattform hochgeladen werden, soll in einem nächsten Schritt eine Wanderausstellung entstehen, die das jüdische Alltagsleben in Städten und kleineren Ortschaften im Polen der Vorkriegszeit dokumentiert.