Lichtaktivierte molekulare Schelle

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Forschung
Forschende unter der Leitung von Prof. Stefan Hecht, Humboldt-Universität zu Berlin, haben molekulare Systeme entwickelt, die sich durch Licht gezielt mechanisch verformen lassen und so chemische Reaktionen steuern.

Ein lang verfolgter Ansatz

Die präzise Kontrolle darüber, wann und wo eine chemische Reaktion abläuft, gehört zu den großen Herausforderungen der modernen Chemie. Klassische Methoden wie Wärme, Katalysatoren oder Durchmischung wirken meist auf das gesamte System und erlauben kaum räumliche oder zeitliche Feinsteuerung. Der neue Ansatz ersetzt diese groben Methoden durch ein präzises Werkzeug: Licht. Die Idee: Moleküle, die auf Licht reagieren, verändern ihre Form und damit ihre innere mechanische Spannung. Diese sogenannten Photoschalter lassen sich wie kleine Schellen vorstellen, die sich durch farbiges Licht anziehen oder lockern. Dadurch steigt oder sinkt die gespeicherte Spannung – und genau diese Spannung entscheidet, wie reaktiv das Molekül ist. Licht wird so zum Schalter für chemische Reaktionen.

Photoschaltbare Moleküle sind seit vielen Jahren ein zentrales Forschungsthema an der Humboldt-Universität. Ziel ist es, mit Licht molekulare Eigenschaften zu beeinflussen - gezielt, sauber, schnell und berührungslos. Der Schritt von der Idee zur wirklich präzisen Steuerung chemischer Reaktivität ist jedoch anspruchsvoll.

Die molekulare Schelle

Im Mittelpunkt der Arbeit stehen ringförmige Diarylethen-Verbindungen. Diese Moleküle können durch farbiges Licht zwischen zwei Zuständen wechseln: UV-Strahlung schließt einen Teil die Ringstruktur, grünes Licht öffnet sie wieder. Dabei verändert sich die „Enge“ eines molekularen Rings – ähnlich wie bei einer mechanisch verstellbaren Schelle.
Diese Formänderung beeinflusst die mechanische Spannung im Molekül. Und genau diese Spannung bestimmt, wie leicht chemische Reaktionen ablaufen. Durch den gezielten Wechsel zwischen den zwei Zuständen lässt sich die Reaktivität fein einstellen, ohne die chemische Zusammensetzung zu verändern. Zusätzlich gelang es dem Team, die gespeicherte Spannung indirekt zu messen. Veränderungen im optischen Absorptionsverhalten geben Aufschluss darüber, wie stark das System unter Spannung steht.

Unerwartete Ergebnisse

Ein überraschendes Ergebnis zeigte sich beim Vergleich der beiden Zustände: Man würde erwarten, dass das stärker gespannte Molekül reaktiver ist, da die atomaren Bindungen unter Zugspannung stehen und leichter aufbrechen, sodass neue Bindungen entstehen können. Computergestützte Analysen erklärten dieses Verhalten: Die weite Form ist beweglicher und kann so die Reaktion erleichtern. Die gespannte Form hingegen ist weniger beweglich und reagiert langsamer. Entscheidend ist also nicht nur die gespeicherte Energie, sondern auch die Beweglichkeit des Moleküls.

Perspektiven für programmierbare Chemie

Da das Konzept auf grundlegenden Prinzipien beruht, lässt es sich auf viele chemische Systeme anwenden.
Denkbar sind Materialien, die sich an bestimmten Stellen durch Licht selbst reparieren. In der Kunststoffverarbeitung könnten gezielte Lichtimpulse dazu genutzt werden, Materialien zu zerlegen und zu recyceln. Auch im 3D-Druck eröffnet sich die Möglichkeit, chemische Prozesse mit bislang unerreichter Präzision zu steuern.

Besonders spannend ist der Ansatz für medizinische Anwendungen: Wirkstoffe könnten nur dort aktiviert werden, wo Licht gezielt eingesetzt wird. Das würde Nebenwirkungen reduzieren und die Wirksamkeit erhöhen. Im Vergleich zu klassischen Triggern bietet Licht eine außergewöhnliche räumliche und zeitliche Kontrolle.

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