Verbote und Gebote stehen im Zentrum religiöser und ethischer Lebensführung, stabilisieren gesellschaftliche Ordnungen, schützen vor Gewalt und begrenzen Machtmissbrauch. Rechte, einschließlich der Grundrechte, werden durch Verbote gesichert. Zugleich sind Verbote selbst Ausdruck politischer, ökonomischer und sozialer Machtverhältnisse. Anderen oder auch sich selbst etwas zu untersagen, bedeutet Handlungsspielräume und Selbstentfaltung einzuschränken. Dass dieser repressiven Funktion von Verboten und Tabus eine kulturstiftende Dimension innewohnt, macht das Unbehagen aus, welches Sigmund Freud schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Kultur attestiert hat. Auch etymologisch lässt sich die produktive Kraft von Verboten nachvollziehen: Bis ins ältere Niederhochdeutsch stand das Verbieten [mnd. vorbēden] in enger Beziehung zum Gebot, im Sinne einer nachdrücklichen Anordnung von Handlungen.
Die Mosse Lectures wollen im Sommersemester die Ambivalenzen von Verboten beleuchten und fragen nach ihrer Relevanz für gegenwärtige gesellschaftliche Auseinandersetzungen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Verbote seit einiger Zeit neu zur Diskussion stehen. Während die Kritik an Verboten in vielen gesellschaftlichen Bereichen allgegenwärtig scheint, erleben Verbote dort eine Renaissance, wo sie zu Instrumenten der Krisenbewältigung werden – etwa in Debatten über Klimapolitik, Social Media oder digitale Gewalt.
Auftakt im Sommersemester 2026
Zum Auftakt der Mosse Lectures „Du sollst, du sollst nicht“ am 4. Juni geht der Literaturwissenschaftler Adrian Daub dem fest im politischen Diskurs verankerten Gefühl von Redeverboten und Unsagbarkeiten auf den Grund.
Auf einen Blick
- Mosse Lectures: Verbote und Gebote zwischen Religion, Recht und Politik
- Wann: ab 4. Juni 2026, 19.15 Uhr
- Wo: Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10117 Berlin
