Am 19. Juni 2026 ist Dr. Frank Eveslage im Alter von 76 Jahren verstorben. Er hat an der Humboldt-Universität zu Berlin Wirtschaftswissenschaften studiert und promoviert sowie über viele Jahre die Geschicke der Universität entscheidend mitgeprägt. Bevor er 1991 stellvertretender Leiter der Haushaltsabteilung und später deren Leiter wurde, erlebte er einen beruflichen Einschnitt, der Auswirkungen auf die Art und Weise seines zukünftigen Handelns hatte. Frank Eveslage wurde im Zuge der politischen Neuordnung in der DDR 1989 aus seiner Position als Abteilungsleiter Haushalt im Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen der DDR zum stellvertretenden Minister befördert. Wie sich später herausstellte, war dies mit der im Einigungsvertrag definierten Aufgabe verbunden, das Ministerium „abzuwickeln“. Dies bedeutete für ihn, sich durch seine Tätigkeit selbst in die Arbeitslosigkeit zu bringen. Die hierdurch erfahrenen tiefgreifenden Veränderungen haben bei ihm jedoch nicht zu einer Verbitterung, sondern zu einer pragmatischen Art geführt, die Lösung von Aufgaben mit Offenheit und Zielstrebigkeit zu betreiben. Diese Charaktereigenschaft besaß er bereits vor diesem Einschnitt, aber sie hat seine Gelassenheit und das Bewusstsein, nicht jeden Konflikt und jedes Problem zu dramatisieren, verstärkt. Als Leiter der Haushaltsabteilung und ab 1996 stellvertretender Kanzler der HU hat Frank Eveslage die Haushaltsführung verantwortet und direkt und indirekt zugleich übergreifende Themen wie Bau- und Investitionsplanung sowie Umstrukturierungen der Verwaltungen mitgestaltet.
Die HU etablierte ab dem Jahr 2000 ein neues Modell der Universitätsleitung mit einem hauptberuflichen Präsidium; die starke Kanzlerposition wurde abgeschafft. Bei der Diskussion des Modells mit den Dekaninnen und Dekanen erklärte der Präsident und „Vater“ der neuen Verfassung der HU, Hans Meyer, zur Verblüffung von Frank Eveslage, dass er sich ihn im Amt des Vizepräsidenten für Haushalt vorstellen könnte. Frank Eveslage kandidierte und konnte sich über ein Traum-Ergebnis freuen. Bei dem vom Präsidium vereinbarten Ressortzuschnitt gesellten sich zum Haushalt noch Personal und Technik. Dies war, zugegeben, ein Aufgabenzuschnitt nahe an der traditionellen Kanzlerposition. Es galt nun, Entscheidungen im Präsidium gemeinsam zu fällen, die Ressortzuständigkeit zu achten, ohne dass der Kanzler sich qua Amt über die Ressorts hinwegsetzen konnte. Das hatte freilich auch zur Folge, dass Abstimmungen untereinander zu führen waren und nicht konfliktbeladen „nach oben“ verwiesen werden sollten. Frank Eveslage hat mit seiner Fähigkeit zur Moderation die neue Struktur mit Umsicht und einer gewissen Gelassenheit ausgefüllt.
Die Aufgaben, vor denen das neue Präsidium stand, waren nicht gering. Es gab weiterhin zahlreiche Berufungsverhandlungen, bei denen die etablierte Praxis, sie beim Kanzler durchzuführen, fortgeführt wurde. Die Erneuerung der Infrastruktur blieb eine Großbaustelle. Dank seiner Führung erlebte die HU einen regelrechten Bauboom, gemäß seinem Motto: „Eine exzellente Universität benötigt eine adäquate bauliche Infrastruktur“. Ungeahnte Veränderungen gab es im Personalbereich. Um Tariferhöhungen zu vermeiden, trat das Land Berlin 2004 aus den Arbeitgeberverbänden aus und erwartete von den Hochschulen, dem zu folgen. Nach dem Austritt war die HU nicht mehr tarifgebunden und führte, betreut vom Kommunalen Arbeitgeberverband, gemeinsam mit den anderen Hochschulen mehrfach Tarifverhandlungen. Diese gestalteten sich schwierig, nicht nur wegen unterschiedlicher Positionen zwischen Hochschulen und Gewerkschaften, sondern auch wegen deutlicher Differenzen zwischen den Hochschulen selbst. Frank Eveslage verfolgte hier eine eigenständige, pragmatische und durchaus nicht konfliktfreie Lösung: Die HU verließ bei zwei Tarifverhandlungen die Verhandlungsgemeinschaft der Hochschulen und schloss eigenständige Tarifverträge; beim Tarifvertrag zur Einführung des TV-L folgten die anderen Hochschulen weitestgehend dem Abschluss der HU.
Frank Eveslage war bewusst, dass die Hochschulen, besonders im Rahmen der Hochschulverträge, der Investitionsplanung und der Berufung Politik zwar auf allgemeiner Ebene gemeinsame Interessen gegenüber dem Staat haben, aber jede Hochschule auch ihre eigenen Interessen vertreten muss. Dies hat er erfolgreich getan und sich dabei Anerkennung erworben, die auch über sein Ausscheiden aus dem Berufsleben anhielten. Mit dem ehemaligen Staatssekretär der Wissenschaftsverwaltung, Erich Thies, blieb er bis an sein Lebensende freundschaftlich verbunden.
Innerhalb der Universität folgte Frank Eveslage zwei Prämissen. Zum einen hielt er es mit den ihm unmittelbar zugeordneten Bereichen wie sein Vorgänger, der bislang einzige Kanzler der HU, Rainer Neumann. Er gab ihnen nicht zu unterschätzende Gestaltungsmöglichkeiten und vermied es, sich in Detailfragen oder Einzelkonflikten zu verlieren. Nach der Erörterung der großen Linie hieß es jeweils: „Mach jetzt und wenn du meinst, es ist nötig, komm wieder“. Zum zweiten hatte er einen unbedingten Willen nach einem partnerschaftlichen, oft persönlichen Verhältnis mit den Fakultäten, Servicebereichen und Personalvertretungen. Er wollte, soweit möglich, einvernehmliche Lösungen für anstehende Probleme finden und Konflikte ohne bleibende Schäden führen. Vermittlungen zwischen Präsidium und den anderen Bereichen der Universität sowie auch die Kommunikation untereinander waren hierzu die Voraussetzung. So nahm Frank Eveslage die Tradition wieder auf, zusätzlich zu den „üblichen Dienstbesprechungen“ mit den „Verwaltungs“-Bereichen jährlich Klausurtagungen zu organisieren, an denen zunächst nur die Verwaltungsleitungen der Fakultäten und die Zentralverwaltung teilnehmen sollten. Das Interesse am inhaltlichen Austausch und am abendlichen gemeinsamen Zusammensein wuchs jedoch beständig; schließlich galt es als Diskriminierung, nicht teilnehmen zu können.
Frank Eveslage hat sein Amt nach zwei Amtsperioden aus freien Stücken aufgegeben; an einer Wiederwahl hätte es keine Zweifel gegeben. Nach seinem Ausscheiden aus der HU hat er sich über viele Jahre mit seiner Familie seines Ruhestands erfreut, bis eine schwere Krankheit dies zunichte machte.
Autor: Andreas Kreßler