Alle zwei Jahre verleiht die Richard M. Meyer Stiftung in Zusammenarbeit mit der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) und der Freien Universität Berlin den Scherer-Preis für herausragende Dissertationen und Habilitationen auf dem Gebiet der älteren und neueren deutschen Literatur. In diesem Jahr wird der Literaturwissenschaftler Dr. Hendrik Blumentrath für seine an der Humboldt-Universität zu Berlin eingereichte Habilitationsschrift mit dem Scherer-Preis 2026 ausgezeichnet. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis würdigt seine Arbeit Nemesis. Maß und Schicksal um 1800.
„Ich gratuliere Herrn Dr. Hendrik Blumentrath ganz herzlich zum Erhalt des Scherer-Preises. Mit dieser Auszeichnung wird die herausragende Qualität seiner Habilitation gewürdigt. In seiner Forschung zur Nemesis-Tradition zeigt er eindrucksvoll, wie eine historisch fundierte Literaturwissenschaft grundlegende Fragen nach den Bedingungen und Möglichkeiten menschlichen Handelns in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche neu stellen kann. Auf diese Weise trägt sie zu einem vertieften Verständnis unserer Gegenwart bei und setzt Maßstäbe, die weit über das eigene Fachgebiet hinausreichen. Zugleich ist dies ein sehr erfreuliches Signal für das Institut für deutsche Literatur“, so Prof. Dr. Claudia Mareis, Beauftragte des Präsidiums für Forschung an der Humboldt-Universität zu Berlin.
„Hendrik Blumentrath rekonstruiert in seiner Habilitationsschrift die Nemesis-Tradition von ihren Anfängen an und zeigt überzeugend, wie sich nach Herders Aufsatz von 1786 in Weimar ein ganz spezifisches Interesse an der Vorstellung der Nemesis herausbildet. Die materialreiche und konzeptionell äußerst anspruchsvolle Arbeit zu einem modernen Fall von Mythogenese verbindet Ideengeschichte, Literaturgeschichte und Mythographie auf eindrucksvolle Weise“, so Nils Fiebig, Sprecher des Vorstands der Richard M. Meyer Stiftung.
Zur Habilitation des Preisträgers
Die Habilitation des Preisträgers untersucht eine Figur des Maßes um 1800: Die griechische Nemesis erfährt als messende Göttin eine Renaissance in Literatur, Ästhetik und Geschichtsphilosophie. Sie wird dabei ebenso zur Signatur einer Kontingenzerfahrung wie zu einer operativen Denkfigur, in der die Frage nach einem übergeordneten Maß — sei es göttlich, natürlich oder sozial — mit der Frage nach individuellen Möglichkeiten menschlichen Handelns zusammengeführt wird. Im Mittelpunkt dieser Maßlehren steht die Literatur: Sie wird gleichermaßen als Schule ästhetischer Messkunst wie poetischer Erfahrungslehre entworfen. Ausgehend von antiken Entwürfen der Nemesis rekonstruiert die Arbeit ihre Funktionalisierung um 1800: Zentral ist ihre Rolle etwa für das Spätwerk Johann Gottfried Herders, das sie zum leitenden Prinzip seiner Geschichtsphilosophie, seiner Gattungspoetiken wie auch seines Zeitschriftenprojekts Adrastea erhebt; für Friedrich Schillers Versuche, die Kategorie des Maßes für eine Arbeit an der Tragödienform produktiv zu machen; schließlich auch für die Gattung des Schicksalsdramas, deren jeder Mäßigung spottendes Spektakel über zwei Jahrzehnte hinweg Publikumserfolge garantierte. Die Arbeit leistet einen Beitrag zur Literatur- und Kulturgeschichte des Maßes, indem sie die Kategorie aus der Gegenüberstellung von Moral und Messwerkzeugen löst und sie als Gefüge ästhetischer Konzepte, instrumenteller Praktiken, Standardisierungsprozesse und Affektlehren rekonstruiert. Gutachterinnen und Gutachter der Habilitation waren Prof. Dr. Ethel Matala de Mazza, Prof. Dr. Steffen Martus und Prof. Dr. Juliane Vogel.
Über den Preisträger
Hendrik Blumentrath ist zurzeit Gastprofessor am Institut für deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin; zuvor vertrat er die Professur für Neuere deutsche Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsinteressen gehören die Literaturgeschichte ästhetischer Formgebung, das Verhältnis von Literatur und anderen Zeichenpraktiken, Konzepte und Figuren von Feindschaft, Requisiten und Materialität des Dramas.
Für den Scherer-Preis waren insgesamt fünf Dissertationen und Habilitationen nominiert.
