„Vielen ist nicht bewusst, wie wichtig dieser Moment ist“

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Als Chair für Demokratie in der europäischen Hochschulallianz Circle U. ist Prof. Dr. Nemanja Džuverović von der Universität Belgrad zu Gast an der HU. Im Interview spricht er über Auswirkungen der politischen Lage in Serbien auf die Wissenschaft.

Seit fast zwei Jahren steht die Partneruniversität der Humboldt-Universität in der serbischen Hauptstadt im Zentrum landesweiter Studierendenproteste. Dabei geht es um staatliche Verantwortung, Rechtsstaatlichkeit und demokratischen Wandel. Ausgelöst durch den Einsturz eines Bahnhofsvordachs im nordserbischen Novi Sad, bei dem 16 Menschen ums Leben kamen, ging die Anti-Korruptionsbewegung auf die Straße und besetzte Universitäten. Nach anfänglichen versöhnlichen Gesten versuchte die Regierung die Proteste als ausländische Einmischung darzustellen, und ging zunehmend mit Polizeigewalt und Repressionen gegen die Protestierenden vor.

Der Lehrbetrieb an der Universität Belgrad wurde im Sommer 2025 wieder aufgenommen. Der Konflikt zwischen der Regierung von Aleksandar Vučić und der Studierendenbewegung ist jedoch längst nicht beigelegt.

Prof. Dr. Nemanja Džuverović hat an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Belgrad einen Lehrstuhl für Friedensforschung inne. Den August verbringt er an der Humboldt-Universität, um gemeinsame Kurse zu planen, Kolleg*innen zu treffen und zu forschen. Im Interview erzählt er, was Serbiens politische Entwicklung für die Hochschule bedeutet, wie er die letzten Monate erlebt hat und warum die europäische Hochschulallianz Circle U. für ihn und seine Kolleg*innen in diesen schwierigen Zeiten so wichtig ist. 

Herr Džuverović, wie sahen die letzten anderthalb Jahre für Sie beruflich aus?

Džuverović: Ich lehre Politikwissenschaft, deshalb ist es einerseits inspirierend zu sehen, wie meine Studierenden sich demokratisch engagieren. Wir haben die Entstehung der größten Bewegung in der Geschichte Serbiens erlebt, größer noch als die Proteste von 1968. Auf dem Höhepunkt haben sich allein in Belgrad 400.000 Menschen versammelt, um zu demonstrieren. Ich hätte mir gewünscht, dass wir während der Proteste parallel auch einige Lehrveranstaltungen hätten abhalten können, um Theorie und Praxis zu reflektieren, aber die Fakultäten waren vollständig besetzt. 

In jeder Fakultät haben sich die Studierenden in Gremien organisiert, genannt Plena. Sie haben stundenlang diskutiert und dann über ihre Entscheidungen abgestimmt. Ich glaube, dass das für diese jungen Menschen ein entscheidender Moment war, um ihr gesellschaftliches und politisches Engagement zu entwickeln. Und ich denke, sie haben diese Erfahrung wirklich sehr geschätzt.

Das kling fast idyllisch, aber die Studierenden sind auch große Risiken eingegangen…

Džuverović: Ich meinte nur die Erfahrung in den Plena, die sie geschätzt haben. Es stimmt, dass es für die Studierenden gefährlich war und nach wie vor ist. Viele wurden verhaftet. Die meisten von ihnen sind inzwischen wieder entlassen worden, aber mit dieser Taktik wollte die Regierung sie einschüchtern. Auch die Eltern einiger Studierender bekamen Probleme an ihrem Arbeitsplatz; manche verloren sogar ihre Stelle. Viele Studierende wurden während der Proteste von der Polizei geschlagen. Inzwischen hat sich die Situation etwas verändert. Es gibt nicht mehr so viele Proteste, weil sich die Studierendenbewegung darauf vorbereitet, bei den nächsten Parlamentswahlen anzutreten. Als Reaktion darauf geht die Regierung nun gegen Professorinnen und Professoren vor, die sich öffentlich auf die Seite der Studierenden gestellt haben.

Können Sie beschreiben, wie das aussieht? Wie genau mischt sich die Regierung in die internen Abläufe der Universität ein?

Džuverović: Die Universität Belgrad ist staatlich finanziert, und die Regierung ist mit ihren Vertreter*innen in den Gremien der Universität und der Fakultäten vertreten. Ich war selbst Teil der Fakultätsleitung und konnte aus erster Hand miterleben, wie die Vertreter*innen des Staates mit Drohungen arbeiten, Vorschläge der Fakultäten blockieren oder die Finanzierung von Forschung einschränken.

Bei Fakultätswahlen kam es außerdem zu Fällen, in denen jüngere Kolleginnen und Kollegen verfolgt oder durch anonyme Anrufe und Nachrichten drangsaliert wurden. Andere wurden unter Druck gesetzt, für von der Regierung unterstützte Kandidat*innen zu stimmen, um ihre beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten nicht zu gefährden. Kritische Stimmen kommen in Serbien häufig aus den Universitäten – und das missfällt der Regierung.

Wie sieht es in der Forschung aus? Beeinflusst die Situation im Land Ihre Arbeit als Politikwissenschaftler?

Džuverović: Neben meiner Forschung zur Friedenskonsolidierung beschäftige ich mich seit Kurzem auch in meiner Lehre und Forschung mit akademischer Freiheit und Democratic Backsliding. Wenn ich für meine Arbeit offizielle Daten oder Interviews benötige, werden meine Anfragen inzwischen regelmäßig abgelehnt. Das hat es mir und anderen Kolleg*innen in den vergangenen zwei Jahren sehr schwer gemacht, zu forschen. Es ist inzwischen einfacher, mit Kolleg*innen von der Humboldt-Universität oder aus den USA zusammenzuarbeiten als mit Behördenvertreter*innen in meinem eigenen Land. Das führt auch dazu, dass sich die Themen verändern, mit denen ich mich beschäftige.

Das klingt unglaublich belastend. Wie gehen Sie persönlich damit um?

Džuverović: Darüber habe ich nach zehn Tagen hier in Berlin auch mit meiner Frau gesprochen: Ich glaube, dass wir in unserem Land eine unnormale Situation normalisieren. Wir sind inzwischen Dinge gewohnt, über die man hier schockiert wäre und die man völlig inakzeptabel fände.

Der V-Dem Democracy Report 2026 der Universität Göteborg nennt die Länder, in denen die Demokratie weltweit am stärksten zurückgebaut wird – also Länder, die sich von Demokratien zu Autokratien entwickeln. An erster Stelle stand Ungarn, das sich gerade wahrscheinlich zum Besseren verändert, an zweiter Stelle steht Serbien…

Bei den nächsten Wahlen wird die Studierendenbewegung wohl zur Wahl stehen. Was denken Sie, wie es weitergehen wird?

Džuverović: In den letzten Umfragen liegen die Studierendenbewegung und die Partei von Präsident Vučić ungefähr gleichauf. Aber man muss sich vor Augen halten: Serbien ist nicht Deutschland, und faire Wahlen gibt es schon seit Jahren nicht mehr. Die Regierung bedient sich verschiedenster Mittel – von Stimmenkauf bis hin zu Drohungen. Um eine solche Wahl zu gewinnen, braucht man eine überwältigende Unterstützung, wie sie Magyars Partei in Ungarn hatte, sodass es selbst dann, wenn die Regierungspartei Stimmen stiehlt, nicht reicht, um an der Macht zu bleiben.

Sollte es der Studierendenbewegung nicht gelingen, eine Regierung zu bilden, wäre das der Beginn von noch viel stärkeren Repressionen. Ich glaube, vielen ist nicht bewusst, wie wichtig dieser Moment ist. Aber aktuell wissen wir nicht einmal, wann die Wahlen stattfinden werden.

Sie haben gesagt, dass sie sich an den Status quo gewöhnt haben. Was gibt Ihnen Kraft in diesen harten Zeiten?

Džuverović: Persönlich muss ich sagen, dass ich bei Circle U. viel Unterstützung gefunden habe: Das sind die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, meine Kolleg*innen – und darüber hinaus meine Freund*innen. Außerdem kann ich bei der Summer School des Circle U. Democracy Hub Studierende der neun Circle U.-Universitäten unterrichten, was mich sehr inspiriert.

Ich denke auch, dass die Mitgliedschaft bei Circle U. für die Universität Belgrad besonders wichtig ist, weil es dabei um Identität und Zugehörigkeit geht. Serbien möchte seit Jahrzehnten Teil der EU sein, was aus inneren wie äußeren Gründen bisher nicht geklappt hat. Teil dieser europäischen Allianz zu sein, trägt dazu bei, den europäischen Geist und europäische Werte an die Studierenden weiterzugeben. Und für die Universität selbst ist es äußerst wichtig, mit all diesen renommierten europäischen Partner*innen am selben Tisch zu sitzen und als gleichwertig behandelt zu werden. Ich glaube, für die Universitätsleitung und für uns alle an der Uni bedeutet das sehr viel.

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